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11.08.2018

Werden Gelsenstiche schlimmer? Alle Fragen und Antworten

Ärzte beruhigen: Die Allergien nehmen nicht zu, und der Mückenspeichel wird auch nicht giftiger.

Sie gehören zur Grillparty wie Käsekrainer und Steaks: Gelsen sind lästige Besucher, die die Menschen meist in der Dämmerung heimsuchen. Immer wieder wird geklagt, dass die Stiche heute stärkere Reaktionen hervorrufen, als das früher der Fall war. Stimmt das? Und was muss man bei einem Stich beachten? Der KURIER hat Experten befragt.

Gibt es neue Arten von Stechmücken in Österreich und Europa?

Ja. Gründe hierfür sind Klimawandel und Globalisierung. Die Tigermücke etwa wird häufig entlang der Inntalautobahn gesichtet, wo sie auf Lkws transportiert wird. Bernhard Seidel, der prominenteste Gelsenexperte in Österreich, stellt fest, dass sich die asiatische Buschmücke mittlerweile in ganz Österreich ausgebreitet hat. Wichtig für Urlauber: Bestimmte Anopheles-Arten dringen bis nach Südeuropa vor. Ursula Hollenstein von Traveldoc gibt aber Entwarnung: „Es ist höchst unwahrscheinlich, in Österreich mit Dengue-Fieber oder Malaria infiziert zu werden.“

Wie reagiert unser Körper auf die neuen Arten?

„Oft schießt unser Immunsystem über das Ziel hinaus, wenn es mit ungewohnten Giften konfrontiert ist“, sagt Daniel Blagojevic, Ärztlicher Leiter beim Allergie-Ambulatorium Rennweg. Die neuen Gelsenarten verhalten sich aber manchmal anders – sie sind zum Beispiel nicht nur nachts sondern auch tags aktiv. Darauf weist Norbert Nowotny von der Veterinärmedizinischen Universität hin.

Sind Gelsenstiche in den vergangenen Jahren schlimmer geworden?

„Nein“, sagt Fritz Horak vom Allergiezentrum Wien West. Allerdings wurde zuletzt viel über Bienen- und Wespenstiche berichtet. „Das hat das Interesse der Bevölkerung auch auf Gelsenstiche gelenkt. Die Stechmücken sind aber in den vergangenen Jahren nicht giftiger geworden. Es gibt zumindest keine Studien zu dem Thema.“ Sein Kollege Daniel Blagojevic stellt zwar „teils starke Reaktionen auf die Gelsenstiche fest – mehr sind es aber nicht geworden.“

Hat sich der Speichel der Gelsen verändert?

„Nein“, sagt Nowotny: „So etwas wie Monstergelsen gibt es nicht. Auch Umwelteinflüsse wie Pestizide wirken sich nicht auf die Gelsen aus, weil sie deren Erbanlagen nicht verändern können.“

Übertragen Gelsen bestimmte Viren oder Krankheiten?

Das West-Nil-Virus kann in sehr seltenen Fällen zu einer Gehirnhautentzündung führen und tödlich enden. In Österreich wurde das Virus, das durch Hausgelsen übertragen wird, insgesamt 17 Mal nachgewiesen. Immer wieder gibt es auch Meldungen, dass die Plagegeister auch Borreliose übertragen – „doch die Bakterien brauchen den Darmapparat der Zecke, weshalb Gelsen keine Überträger sein können“, sagt Dermatologe Stefan Wöhrl vom Allergie-Ambulatorium Floridsdorf in Wien. Gelsen-Experte Seidel warnt allerdings: „Die Behörden tun zu wenig, um die Ausbreitung von Gelsen einzudämmen.“ Wenn die Insekten einmal mit einem Erreger infiziert sind, sei eine Epidemie nicht unwahrscheinlich.

Wie häufig sind allergische Reaktionen?

Auch, wenn manche mit starken Schwellungen reagieren: „Allergische Reaktionen auf Gelsenstiche sind extrem selten“, sagt Fritz Horak. Gefährlicher kann es werden, wenn sich die Einstichstelle entzündet: „Häufig sind es Staphylokokken, mit denen sich die Patienten selbst infizieren. Immerhin hat jeder Vierte diese Erreger in Nase oder Mund“, sagt Stefan Wöhrl.

Wann muss man nach einem Stich zum Arzt ?

Ist ein Stich entzündet, sollte man ihn am besten mit lauwarmem Wasser aus dem Hahn desinfizieren, rät Wöhrl. Wird die Entzündung schlimmer, sollte man zum Arzt. Auch wenn man rund zehn Zentimeter lange Striche hin zum Körperzentrum sieht, sollte man sich das von einem Mediziner anschauen lassen – die Symptome können auf eine Lymphangitis (eine Entzündung der Lymphbahnen) hinweisen. Hier sind Antibiotika Mittel der Wahl. Abstand sollte man von antibiotischen Salben nehmen. „Die verursachen Allergien“, warnt Wöhrl.Wie

Wie schützt man sich vor Gelsenstichen?

Vorbeugung ist der beste Schutz: Der Dermatologe und Allergologe Stefan Wöhrl von der Floridsdorfer Allergieambulanz empfiehlt   als Schutz das „bei vielen unbeliebte Moskitonetz  sowie Insektenschutzmittel“. Und natürlich entsprechende Kleidung – lange, weiße und weite Hosen und Blusen sind optimal.
Die  Experten der   Elisabeth-Apotheke raten zu gängigen Produkten wie Nobite Hautspray, Anti Brumm Forte, Autan Insektenschutz Protection Plus.


Was tun, wenn man gestochen wurde?

„Nicht kratzen“, sagt Wöhrl. Wobei jeder natürlich weiß, dass das  zwar ein guter Rat, aber nicht einfach umzusetzen ist. „Deshalb ist es wichtig, die Fingernägel  kurz zu halten, um Infektionen zu verhindern.  Anstatt zu kratzen, ist es zudem besser, die juckende Stelle mit dem Handrücken  zu reiben.“
Auch Produkte aus der  Apotheke können helfen: „Wir verkaufen in solchen Fällen Fenistil oder Euceta Kühlgel,  ein essigsaures Tonerde-Gel.“ Überhaupt seien Gele besser als Salben, sagt Wöhrl: „Denn Gele kühlen, was zur Folge hat, dass man eher die Kühle als den Juckreiz merkt, und sich dann nicht  kratzt.“ In der Apotheke hat man noch einen Tipp: „Was sich nicht gut herumgesprochen hat, sind Hitzestifte, die man sofort nach dem Stich anwendet. Diese sind sehr zu empfehlen.  Der Stich heilt schneller ab, die Schwellung geht zurück und der Juckreiz wird gelindert.“

INFO: https://www.initiative-insektengift.at/