Wissen und Gesundheit
31.12.2017

Welche Menschen die besten Vorhersagen treffen

Was kommt? Um das herauszufinden, geben Regierungen und Private Unsummen aus. Dabei gibt es Menschen, deren Vorhersagen man trauen kann.

In Deutschland kommt die vierte Große Koalition. So hat es Bruno Jahn vorhergesagt. Keine Großtat? Doch, denn Jahn hat seine Prognose bereits im September abgegeben, als noch nicht mal gewählt worden war. Auch, dass kein weiteres Land die EU verlassen wird, hat er vorhergesehen. Mittlerweile schaut es danach als, als würde der deutsche Islamwissenschaftler und Betriebswirt goldrichtig liegen.

Kein Wunder, Bruno Jahn ist ein Superforcaster (Super-Prognostiker). Seine Vorhersagen sind 60 Prozent genauer als die von Experten und 30 Prozent genauer als die des US-Geheimdienstes. Jahn ist nicht der Einzige. Da sind Bill Flack, Joshua Frankel, Douglas Lorch und an die 200 weitere. Sie alle können weitaus bessere Prognosen erstellen als die meisten anderen Menschen. Sie wohnen überall auf der Welt, haben unterschiedliche Berufe und Interessen. Das Einzige, was sie verbindet, ist ihre besondere Fähigkeit. Sie gehören zu den zwei Prozent aller Menschen, auf deren Vorhersagen man wirklich etwas geben kann, egal, ob es um politische Konflikte, Wirtschaft, Epidemien oder Sport geht.

Entdeckt wurden sie von Philip Tetlock (Bild oben), der viele dieser besonders begabten Menschen in seinem BuchSuperforecasting(Die Kunst der richtigen Prognose, S. Fischer Verlag, 23,70 €, Bild unten) vorstellt, genau wie seine Forschung zum Thema Prognosen.

Schon Jahre zuvor hatte der Psychologe mit seinem Forschungsergebnis an der University of California für großes Aufsehen gesorgt und den Geheimdienst auf den Plan gerufen. Der wusste längst, dass Menschen furchtbar schlecht darin sind, korrekte Vorhersagen zu treffen. Überraschend dabei ist, dass die Qualität der Vorhersage selbst mit steigender Expertise nicht zunimmt. Darum war der Geheimdienst auf der Suche nach Leuten, auf die mehr Verlass war. Tetlock sollte der IARPA, der Intelligence Advanced Research Projects Agency, die wissenschaftliche Antwort liefern und helfen, herauszufinden, welche Menschen Superforecaster sind und warum. Tetlock zögerte kurz – und sagte zu.

Prognosen ohne Prüfung

Alles begann, weil Philip Tetlock, Psychologe und Politikwissenschaftler, sich darüber ärgerte, dass Trendforscher regelmäßig zu Jahresbeginn irgendetwas behaupten konnten, ohne je überprüft zu werden. Also begann er vor mehr als 20 Jahren, Tausende Vorhersagen, die Experten zu Börsenkursen, Wahlergebnissen, Kriegen und anderen wichtigen politischen und wirtschaftlichen Fragen abgegeben hatten, auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen. Es war nicht einfach für Tetlock, ausgewiesene Experten für eine solche Überprüfung zu gewinnen. Viele sorgten sich um ihren Ruf, sollte ihre Vorhersagequote nicht gut sein. 284 ließen sich am Ende doch überzeugen, mit der Garantie, anonym zu bleiben: Sie arbeiteten in Thinktanks oder an Universitäten, in Behörden und bei internationalen Organisationen wie dem Weltwährungsfonds oder der Weltbank. Zehn Jahre lang ließ Tetlock sie Fragen beantworten, etwa dazu, ob die US-Wirtschaft weiter wachsen, stagnieren oder in die Rezession rutschen würde. Rund 28.000 Prognosen gaben die Experten insgesamt ab. Tetlock und sein Team überprüften sie alle.

Das Ergebnis war desaströs. Im Schnitt lagen die Experten in nur 50 Prozent aller Fälle richtig. "Meine Studie hat nachgewiesen, dass Experten im Durchschnitt so gut lagen, als hätten sie nur geraten", schreibt Tetlock in seinem Buch.

Wenn es in der Vorhersage nur um das kommende Jahr ging, lagen die Experten etwas besser. Waren aber die nächsten drei bis fünf Jahre gefragt, sah es schlecht aus. Es schien, als sei dies ein Zeitraum, der für Menschen schier unabsehbar ist. "Wir stoßen mit unseren Möglichkeiten zu Vorhersagen an Grenzen, die sich nicht überwinden lassen", sagt Tetlock.

Nachdem der Psychologe den Geheimdienst-Experten zugesagt hatte, begann er, Teilnehmer für seine Studie zu rekrutieren, die er das "Good Judgment Project" nannte. Insgesamt 20.000 Menschen hat er von 2011 bis heute in jedem Jahr gebeten, etwa 100 Fragen zu beantworten: Wird ein weiteres EU-Land vor dem 1. Januar 2019 ein Referendum über den Austritt aus der EU oder der Eurozone abhalten? Wird die Präsidentschaft von Baschar al-Assad in Syrien vor dem 1. Januar 2019 enden? Wird Nordkorea eine offizielle Delegation zu den Olympischen Winterspielen 2018 in Südkorea entsenden?

Wettbewerb

2011 beschloss man, einen Prognose-Wettbewerb durchzuführen: Fünf Teams sollten gegeneinander antreten – darunter das "Good Judgement Project" und professionelle Analysten der Nachrichtendienste. Die Teams sollten unabhängig voneinander Hunderte von Fragen beantworten – ähnlich zu solchen, mit denen sich Intelligence-Analytiker tagtäglich beschäftigen. Es geht dabei um die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen wie beispielsweise ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone, ein Krieg auf der koreanischen Halbinsel oder ein Angriff Israels auf eine Nuklearanlage im Iran.

Als Tetlock die Prognosen der ersten 3000 Kandidaten analysierte, stellte er fest: Wie in der ersten Studie waren die meisten schlechte Prognostiker. Aber ein paar waren brillant: zwei Prozent setzten sich ab. Nahm man sie zusammen in ein Team, waren ihre Vorhersagen zu 65 Prozent besser als die anderer Teams. Nach dem ersten Jahr wurden die 60 talentiertesten Prognostiker ausgewählt – und erhielten den Titel "Superforecaster". Gegen Ende des vierten Jahres waren die Superforecaster um mehr als 60 Prozent besser als die anderen Teams und um mehr als 40 Prozent besser als das Geheimdienst-Team.

Eine Frage ließ Tetlock unterdessen nicht mehr los: Was machte Bruno Jahn und seine Kollegen zu derartig guten Hellsehern? Er sah sich die Daten ein weiteres Mal an. Die Teilnehmer waren alle überdurchschnittlich intelligent, die Hälfte hatte eine Doktorarbeit auf dem Gebiet geschrieben, auf dem sie Prognosen erstellten, sie hatten im Schnitt zwölf Jahre Berufserfahrung. Aber nur wenige machten etwas bessere Vorhersagen als andere. Es war für die Trefferquote offenbar auch völlig egal, ob sie Optimisten waren oder Pessimisten, ob sie eher liberal waren oder eher konservativ. Doch dann erkannte Philip Tetlock, was die entscheidende Zutat zum Superforecaster war: Es kam nicht darauf an, was die Teilnehmer dachten, sondern wie sie dachten.

Was sie anders machen

Allen war gemeinsam, dass sie ihre eigene Weltsicht gern und oft infrage stellten, alles, wozu sie ein Urteil abgaben, gründlich recherchierten, schnell neue Informationen aufnahmen und ihre Einschätzung an sie anpassten. Sie hatten keine Angst davor, ihre Meinung zu ändern, keine Angst vor Zahlen und verstanden Wahrscheinlichkeiten intuitiv besser als der Durchschnitt der Bevölkerung. Außerdem konnten sie sich schnell und gut in andere hineindenken und deren Gegenargumente sofort in ihre Prognosen integrieren. Sie vereinten in sich das, was sonst Gruppen auszeichnet: durch unterschiedliche Sichtweisen zu einem ausgewogenen Urteil zu kommen.

Tetlock selbst ist übrigens beim Versuch, selbst Prognosen zu erstellen, glorios gescheitert: "Im zweiten Jahr des Prognose-Experiments entschied ich mich, teilzunehmen. Wenn ich einfach getan hätte, was die Forschungsliteratur mir sagt, wäre das das Richtige gewesen. Dann aber nahm ich mir nicht so viel Zeit wie nötig, um alle Fragen zu recherchieren." Und er begann die Methode zu "optimieren". "Ich begann, dieses und jenes zu ändern mit dem Ergebnis, dass ich, statt an zweiter Stelle unter den Superforcastern zu stehen, auf ungefähr den 35. Platz zurückfiel." Trotzdem sagt er, lasse sich das Vorhersagen bis zu einem bestimmten Grad sehr gut trainieren.

Einen Trost hat er auch noch: Sogar seine Star-Hellseher seien schon mal richtig danebengelegen. Bill Flack und Joshua Frankel haben lange Zeit nicht für möglich gehalten, dass Donald Trump es zum Präsidentschaftskandidaten schaffen würde.InfoFalls Sie es als erster Österreicher zum Superforecaster bringen wollen, dann schauen Sie doch einmal hier nach: www.gjopen.com/questions

Zukunftsforum zwischen Digitalisierung und Ernährung

Um eines vorherzusagen, muss man kein Hellseher sein: Die Digitalisierung wird unser aller Leben kräftig durcheinanderwirbeln. Daher befasst sich auch das 7. Tullner Zukunftsforum mit genau diesem Thema: Dirk Helbing, Professor für Computational Social Science an der ETH Zürich, wird sich am 19. Jänner in seinem Auftakt-Vortrag mit der digitalen Gesellschaft befassen und erklären, warum er überzeugt ist, dass damit ein neues Zeitalter der Menschheitsgeschichte anbricht.

"Der Titel zeigt schon, welche Energie in diesem Thema mitschwingt", sagt der Initiator des Zukunftsforum, Peter Eisenschenk. "Ein weiterer Schwerpunkt ist der Ernährung gewidmet – für mich ist das eine zentrale Frage der nächsten Jahrzehnte, insbesondere, wenn die Weltbevölkerung so wächst, wie prognostiziert ... bis zu 10 Milliarden! Dann hat die Welt ein ganz klares Thema. Das wird oft übersehen." Kann die Welternährung 2050 ohne Entwaldung gesichert werden?, fragt daher am Samstag Helmut Haberl vom Instituts für Soziale Ökologie und Koordinator für internationale Beziehungen an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt. Und erklärt die Bedeutung von Ernährungsweisen und agrarischer Technologie.

Eisenschenk, der auch Tullner Bürgermeister ist, hat klingende Namen für sein Zukunftsforum gewonnen:

Hans-Ulrich Grimm hat mehrere Bestseller geschrieben, darunter den Klassiker der modernen Nahrungskritik "Die Suppe lügt", sein neuestes Buch trägt den Titel "Junk Food – Krank Food". In Tulln wird er die Folgen moderner Kindernahrung thematisieren, denn Grimm ist überzeugt, dass die Kinder von heute die Kranken von morgen sind.

Peter Skalicky, Physiker und ehemals Rektor der Technischen Universität Wien wird sich den Herausforderungen neuer und alter Technologien widmen.

Der Mathematiker und Autor Rudolf Taschner wird den Hörern das Leben in der Technosphäre näherbringen.Und Gerhard Mangott, Politikwissenschaftler und Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Innsbruck mit dem Schwerpunkt Osteuropa und Russland, soll sich um aktuelle Weltpolitik kümmern und über die Rolle Russlands als Zukunftsfaktor Europas sprechen.

"Neben Russland sollen aber auch Trump und Nordkorea Schwerpunkte werden", verspricht Eisenschenk und wünscht sich: "Die Veranstaltung soll Laien Impulse geben. den Blickwinkel massiv zu erweitert. Jeder Besucher nimmt aus dem Zukunftsforum garantiert wertvolle Ideen mit – auch ich selbst freue mich jedes Mal auf Denkanstöße für neue Projekte und auch für das alltägliche Leben." Konsequent nur, dass am ersten Tag das Motto "Eintritt frei" lautet.

So oder so kann man Eisenschenk gewisse visionäre Anlagen nicht absprechen: Im Vorjahr hielt der heutige Wissenschaftsminister Heinz Faßmann am Tullner Zukunftsforum ein Referat. Thema: Migration.

Info

7. Tullner Zukunftsforum. Wirtschaft – Gesellschaft – Wissenschaft,

19. und 20. Jänner 2018. Atrium des Minoritenklosters.

Infos & Ticket-Reservierung: Stadtgemeinde Tulln 02272/690-103