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Wissen
07/06/2019

Was Klimaforscher privat tun, um unser Klima zu schützen

Weniger Flüge, weniger Plastik: Renommierte österreichische Klimaforscher verraten, was sie persönlich gegen den Klimawandel und für die Umwelt tun.

von Susanne Mauthner-Weber

Das Motto ist einfach: „Verbrauch-die-Hälfte“. Ausgegeben hat es Gottfried Kirchengast, Klimaforscher am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz. Die Idee dahinter: Jeder – ob Privatperson, Institution oder Unternehmen – sollte seine Kohlenstoffemissionen kennen. „Wenn das ganze Land bis 2030 ,Verbrauch-die-Hälfte’ macht, sind wir am Pariser Klimaziel-Weg.“

Der Klimaökonom Stefan Schleicher weiß, dass „wir im Schnitt 80 Millionen Tonnen Treibhausgase pro Jahr emittieren“. Mit den Import-Emissionen macht das bei etwas mehr als acht Millionen Einwohnern im Schnitt etwa zwölf Tonnen  pro Jahr pro Kopf und Nase. Und er weiß auch, welche Maßnahmen helfen: „Alles, was mit Mobilität zu tun hat, bringt was.“ Die viele Energie, die ins Reisen und Pendeln fließt, muss runter – Videotelefonie, Homeoffice werden in Zukunft immer wichtiger werden.

Nach diesen Kriterien will Kirchengast auch die Uni Graz durchleuchten. „Wir wollen die erste Uni Österreichs sein, die Kohlenstoffmanagement fürs ganze Unternehmen macht“, erzählt er. Für 2021 bis 2030 soll ein Kohlenstoffbudget erstellt und jährlich überprüft werden, ob man im Plan liegt. Sein Ziel: „Wir wollen 2030 nur noch halb so viele Emissionen haben. Das kann man auch privat machen.“

Vorbild

„Ja, man muss auf den persönlichen Lebensstil schauen. Aber mit Engagement  kann jeder auch etwas in Gesellschaft und Politik bewirken“, ist Kirchengast überzeugt. „Wir unterschätzen unsere Vorbildfunktion.“ Und so hat auch  Klimaökonom Schleicher „nur eine einzige Empfehlung: Versuchen Sie, für sich persönlich ein Energiebilanz aufzustellen. Treibstoffverbrauch fürs Auto, Flugreisen, Elektrizität, Gas, Wärme ... zusammenrechnen und schauen, ob man zufrieden ist.“

Abschließender Tipp von Klimaforscher Herbert Formayer:  „In Wahlkampfzeiten ist es wichtig, ein Zeichen zu setzen und Politkern zu signalisieren: ,Bitte macht! Ihr werdet dafür nicht bestraft, sondern belohnt.’“

Wie Wissenschafter ihren Lebensstil klimafit gemacht haben:

Herbert FormayerKlimaforscher, Universität für Bodenkultur Wien:

Als echter Österreicher predigt man natürlich Wasser und trinkt einen Gespritzten. Aber: Ich fliege praktisch überhaupt nicht mehr – außer beruflich. Das lässt sich nicht ganz verhindern. Ich versuche viel via Telekonferenzen zu erledigen. Ich fahre möglichst viel mit dem Nachtzug, habe ein Auto, aber nur, weil ich einen Bauernhof in der Steiermark habe, den man sonst nicht erreichen kann.

Außerdem bin ich immer mit Lederumhängetasche unterwegs, in der ich ein Stoffsackerl für meine Einkäufe habe. Also kein Plastik. Beim Essen schaut es schlechter aus: Ich mag die klassische österreichische Diät (lacht), bin also kein Vegetarier. Mir ist aber bewusst, dass ich zu viel Fleisch esse – aber nur hochwertiges.

Verena Winiwarter, Umwelthistorikerin, Universität für Bodenkultur Wien:

Alles, was den ökologischen Fußabdruck verringert, ist günstig. Ich persönlich lebe fleischlos und weitgehend vegetarisch, kaufe möglichst wenig Zeug, wenn schon, dann Second-Hand-Kleidung, fahre  nur in Europa auf Urlaub. Fliege ausschließlich, wenn es aus beruflichen Gründen unvermeidbar ist, was ich aber etwa durch die Weigerung, für einen 20-Minuten Vortrag durch halb Europa zu fahren noch weiter reduziere. Ich besitze kein Auto und kaufe Bio- und Fairtrade-Lebensmittel. Aber den größten Einfluss habe ich hoffentlich durch meine Arbeit als Forscherin und Universitätslehrerin. Denn es ist wichtig, darüber zu reden, dass wir vier von neun Grenzen (unter anderem Klimawandel, Landnutzung und  Biodiversität) eines für uns bewohnbar bleibenden Planeten überschritten haben.

 

Stefan SchleicherKlimaökonom, Universität Graz:

Ich habe ein Haus gebaut, das relativ wenig Energie braucht. Und ich habe es immer wieder verbessert. Es ist gut gedämmt und wird mit einem gemauerten Ofen – ausschließlich mit Holz – geheizt.  Außerdem habe ich eine Fotovoltaik-Anlage. Mehr als 70 Prozent meiner Elektrizität kann ich selbst erzeugen. Ich habe auch keinen Bedarf für eine Klimaanlage. Sollte ich je eine brauchen, würde ich sie mit Fotovoltaik betreiben. Mir schmeckt vegane Kost sehr gut. Mein Fleischkonsum geht gegen Null: Ich kann also jedem Schwein ins Auge schauen. Ich fliege sehr viel. Das lässt sich beruflich leider nicht vermeiden. Aber ich mache keine privaten Flugreisen.

 

Gottfried Kirchengast, Klimaforscher, Universität Graz:

Ich habe nie in meinem Leben ein Auto besessen, gehe zu Fuß, fahre mit dem Rad und dem Zug. Dieser Teil meines Fußabdrucks ist daher relativ klein. Ich schätze es, während der Zugfahrt arbeiten zu können. Das Radfahren macht mir auch wegen der Fitness Freude und hält mich gut in Form. Beim Zufußgehen, im Sommer gerne barfuß, spüre ich die Umgebung besser und treffe Menschen. Ein Lebensstil, der mir gut tut. Ich bin kein Vegetarier, esse vielleicht zwei Mal pro Woche Fleisch, vor allem  richtig köstliche, also meist biologische Lebensmittel. Wenn man sich für dieses Thema interessiert, sollte man  sein eigenes Kohlenstoff-Budget kennen. Meines liegt ohne Fliegen mit fünf Tonnen weit unter dem Schnitt (zwölf Tonnen). Aus dem privaten Fliegen bin ich schon vor Jahren komplett ausgestiegen. Mein größtes Ziel jetzt: „Verbrauch' die Hälfte“ auch bei beruflichen Flugreisen, da komme ich voran!