Wissen
17.07.2018

Warum türkische Studenten erstmals in Österreich graben

Meist pilgern österreichische Archäologen in den Mittelmeerraum. Jetzt ist es umgekehrt. Der Völkerverbindung sei Dank.

Die Idee spukte Sabine Ladstätter schon lange im Kopf herum. „Ich dachte, ich zeige türkischen Studenten, wo ich angefangen habe“, erzählt die Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI) im Gespräch mit dem KURIER. Seit sie 16 war, gräbt die Archäologin, heute vor allem in Ephesos/Türkei, damals aber am Katreinkogel, Hemma- und Magdalensberg. „Da habe ich meine Lehrgrabungen gemacht, und jetzt machen es die Studenten aus Ankara.“

Hintergrund: Der Verein Gemeinsam für Europa – Österreichisch Türkische Zusammenarbeit (ÖTZ) und das ÖAI bringen türkische und österreichische Institutionen im Bereich Archäologie näher zusammen. Diesmal Studenten, die die Methoden der Gräberfeldarchäologie und Österreich kennenlernen sollen.

Die Anthropologin Michaela Binder hat die vier Studenten (zwei Damen und zwei Herren) für drei Wochen unter ihre Fittiche genommen und sagt: „Wir fahren immer in die Türkei, jetzt aber soll es einen Austausch in die andere Richtung geben.“ Übrigens erstmals in der 125-jährigen gemeinsamen Archäologie-Geschichte der beiden Länder.

Ladstätter (Bild oben) ergänzt: „Die türkischen Archäologen arbeiten praktisch immer nur im eigenen Land. Ich glaube, es wäre gut, diese Türe zu öffnen.“ Und weiter: „Gerade auf dem Gebiet der Gräberfeldarchäologie gibt es in der Türkei Aufholbedarf. Daher ist es auch unser Ziel, die Studierenden an die Methode der anthropologischen Ausgrabung heranzuführen. Letztendlich wollen wir die Beziehungen zwischen österreichischen und türkischen Institutionen verstärken und damit auch zeigen, dass trotz politischer Spannungen die Zusammenarbeit auf wissenschaftlicher und menschlicher Ebene hervorragend funktioniert.“

Zur Erinnerung

Im Sommer 2016 waren die österreichischen Archäologen in die Mühlen der Politik geraten. Zwischen der Türkei und Österreich herrschte Missstimmung, weil heimische Politiker nach einem Putschversuch den Abbruch der EU-Beitrittsgespräche gefordert hatten. Ladstätter und ihr Team mussten innerhalb weniger Stunden ihre Grabung in Ephesos, die seit mehr als 100 Jahren von österreichischen Forschern geleitet wird, verlassen. Erst im Mai des heurigen Jahre konnte sie zurückkehren. Heute sagt Ladstätter über die Ziele, die sie mit dem Projekt verfolgt: „Wenn man die Leute in der Jugend zusammenbringt, dann bleiben Freundschaften fürs ganze Leben.“

Der Andrang unter den jungen Archäologen, die sich beworben haben, war sehr groß. Die vier, die es geschafft haben, schaufeln bereits fleißig im kärntnerischen Jaunstein. Was es dort zu entdecken gibt? „Wir arbeiten in der Kirche und im Gräberfeld aus dem 8. Jahrhundert“ (Bilder unten), erzählt Anthropologin Binder.

Das Frühmittelalter, die Zeit des slawischen Fürstentums Karantanien, zählt bis heute zu den geheimnisvollsten Perioden in der wechselvollen Geschichte Kärntens. „Die Region war im 5. Jahrhundert ein christliches Pilgerzentrum, später wurde das Christentum wieder zurückgedrängt“, erzählt die Anthropologin. „Im 8. Jahrhundert setzt es sich aber durch. Überall wurden neue Kirchen gebaut. Wir versuchen, in der Kirche aus dem 17. Jahrhundert die ursprüngliche Kirche zu finden. Oder das, was davon noch erhalten ist.“ Das wäre, so Binder, eine Sensation: „Es gibt schriftliche Aufzeichnungen über Kirchen aus dem 8. Jahrhundert. Archäologisch nachgewiesen wurde noch keine.“