Warum sich Zugvögel auf die Reise machen

Blackcap (Sylvia atricapilla) on Pride of Madeira
Foto: Getty Images/iStockphoto/Rickochet/iStockphoto Mönchsgrasmücken sind Kurzstreckenzieher.

Seit einem Jahr werden Mönchsgrasmücken auf der Wiener Vogelwarte mit österreichischer Codierung beringt und erforscht.

Es ist nicht egal, wie es den Vögeln geht. Ihr Zugverhalten, die Zu- bzw. Abnahme der Bestände und das Jahreszeiten bedingte Artenaufkommen lassen nicht zuletzt Schlüsse auf den Klimawandel zu. Die heimischen Mönchsgrasmücken und ihre Reiselust stehen jetzt im Mittelpunkt eines Forschungsprojekts.

Österreichische Ringe

Blackcap on ring. Foto: Getty Images/iStockphoto/perkins07/iStockphoto Vor gut einem Jahr bekam der erste wildlebende Vogel am Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung, KLIVV, einen österreichischen Ring; die deutschen Markierungen waren damit Geschichte. Die Mönchsgrasmücke, die zuvor mit einem feinmaschigen Netz am Wiener Wilhelminenberg gefangen und vermessen worden war, ist seither mit der Codierung „KLIVV.AT AUSTRIA T000001“ unterwegs. Ihr Abflug war zugleich Start für zahlreiche Monitoring-Projekte, die österreichische Ornithologen mit der Lösung von der deutschen Vogelwarte Radolfzell initiiert haben.

Kurzstreckenzieher

„Unser Mönchsgrasmücken-Projekt läuft“,  sagt Wolfgang Vogl, Manager der Vogelwarte an der Vetmeduni Vienna: Die zarten Singvögel seien sehr ortstreu und damit theoretisch wieder gut auffindbar. Auch wenn es die Insekten- und Beerenfresser bei Futtermangel in die Ferne zieht, kehren sie in der Regel in ihre angestammten Brutgebiete zurück – ein Vorteil für die Forschung. Mehr als 300 Kurzstreckenzieher wurden seit April 2016 gefangen, Geschlecht, Alter, Körperfett und Kondition bestimmt, ihre DNA aus dem Blut extrahiert. Dann bekamen die Meistersinger ihre nummerierten Aluminiumringe – und Geolokatoren. Diese batteriebetriebenen Solarkompasse erfassen den Lichteinfallswinkel und berechnen über Sonnenauf- bzw. -untergang die jeweilige Position der Überflieger, bei wieder eingefangenen Vögeln geben sie die Strecke Preis. „GPS-Geräte senden von überall Daten. Sie sind wegen des technisch höheren Aufwands und des Akkus aber auch schwerer als Geolocatoren“, erklärt Vogl. Für die maximal 22 Gramm schweren Mönchsgrasmücken ist eine derartige Last untragbar. In Übersee wird daher intensiv an der Gewichtsreduktion der automatisierten Telemetrie-Technik, der Signalverstärkung und dem Ausbau des Antennennetzes gearbeitet. In Österreich helfen immer noch Geolokatoren mit weniger als einem Gramm Eigengewicht den Wissenschaftlern, das Zugverhalten der zarten Singvögel zu erforschen.

Flugrichtung

Vogelwarte Wien Foto: KURIER/Gilbert Novy Die heimischen Mönchsgrasmücken sind – soviel ist bereits klar – uneins über die beste Route durch die Alpen; und über ihre Reiseziele. Die einen setzen sich nach Westen ab, die zweiten zieht es ans Kaspische Meer, die dritten verbringen die kalte Jahreszeit an der Nordküste Afrikas, die vierten steuern die Britischen Inseln an. „Wir wollen herausfinden, ob die Wege genetisch bedingt sind oder aus der Situation heraus gewählt werden“, sagt der Vogelkundler, der ehrenamtliche Mitarbeiter bundesweit koordiniert. Die Blutproben sollen alljährlich verglichen und mit den Daten der Geolokatoren in Zusammenhang gebracht werden.

Ergebnisse

„Der Vergleich von Daten aus den 1970er/80er-Jahren und aus 2007 bis 2011 belegt deutliche Schwankungen“, sagt Vogl. Jungvögel bleiben in trockenen Sommern länger, in feuchten Jahren zischt das Federvieh, wegen des üppigen Insektenangebots fettgefressen, schneller ab. Rund 30.000 Beringungen pro Jahr – von Bergfink bis Waldkauz – schaffen Grundlagen für die Forschung.

Wie es der Mönchsgrasmücke T000001 geht, ist derzeit nicht bekannt. Sie hat sich am Wilhelminenberg bis jetzt nicht wieder blicken lassen. Vogl: „Wir haben sie momentan noch nicht gefangen, sie hat nicht hier gebrütet. Aber wir wissen, dass sie am Zug ist.“

(kurier) Erstellt am
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