Urlaub: So lange brauchen Sie, bis Sie sich erholt haben

Swimming Time
Foto: Getty Images/iStockphoto/wildpixel/iStockphoto Symbolbild

Urlaubsforschung. Der Psychologe Gerhard Blasche verrät, wie das Abschalten gelingen kann.

Alle Sommer wieder die Frage an die Forschung: Sollen Berufstätige ihren Jahresurlaub auf einmal konsumieren oder übers Jahr verteilt in kleineren Häppchen? Gerhard Blasche, Psychologe am Institut für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien, hat nicht nur auf diese Frage eine interessante Antwort parat.

KURIER: Was spricht für eine längere Urlaubseinheit?

Gerhard Blasche… Foto: /Meduni Wien Gerhard Blasche: Zunächst einmal, dass ich mehr Zeit habe, um die Arbeit, den Alltag und die damit verbundenen Sorgen in den Hintergrund treten zu lassen. Durch die länger anhaltende Auszeit kann ich mich mit Fragen beschäftigen, die ich mir im alltäglichen Gefecht vielleicht nicht stellen würde.

Und was spricht für mehrere Kurzurlaube?

Damit kann ich mir mehrere Erholungsinseln über das Jahr verteilt schaffen. Das hilft vor allem dann, wenn die Arbeit besonders dicht ist und ein Wochenende nicht ausreicht, um die Batterien wieder aufzuladen. Wir wissen etwa von Medizinstudenten, dass diese nach ihrer Jahresprüfung fünf bis sechs Tage benötigen, um sich von den Lernstrapazen zu erholen. Und das sind doch eher junge gesunde Leute.

Wozu machen Menschen eigentlich Urlaub?

In erster Linie zum Abbau der Ermüdung und zur Wiederherstellung des Wohlbefindens und der Leistungsfähigkeit. Für diesen Zweck räumt uns der Gesetzgeber Urlaub ein. Darüber hinaus geht es um das Erleben von Freuden und das Erfüllen von Bedürfnissen, die wir uns im Alltag nicht erfüllen können.

Gibt es ein Rezept: Wie gelingt Urlaub grundsätzlich?

Indem ich so weit wie möglich die Arbeit und den Alltag ausblende. Dies kann durch einen Ortswechsel gelingen. Jedenfalls hilft es, Dinge zu tun, die Freude bereiten. Wichtig ist dabei, dass ich selbstbestimmt, ohne Verpflichtungen agieren kann. Auch das Erreichen eines selbst gesteckten Ziels gehört da dazu. Daher ist es wichtig, sich solche Aufgaben zu suchen, die bewältigbar sind. Im Urlaub kann man aber auch die Kontakte zur eigenen Familie und zu seinen Freunden vertiefen. Die gemeinsam verbrachte Zeit ist oft der Stoff, an den man sich gerne erinnert und der beziehungsstiftend wirkt. Das alles gilt selbstverständlich nicht nur für Erwerbstätige, sondern zum Beispiel auch für Menschen, die gerade Angehörige pflegen.

Gibt es einen Tag X, an dem der urlaubsreife Mensch in den Urlaubsmodus gelangt?

Das hängt von der vorangegangenen Belastung ab, aber in der Regel kann man davon ausgehen, dass der Erholungsprozess zwischen dem vierten und dem achten Urlaubstag abgeschlossen ist. Dann sind auch die Batterien wieder aufgeladen.

Wozu raten Sie: Im Urlaub online und für die Firma erreichbar bleiben oder ganz abtauchen?

Es muss uns bewusst sein, dass wir uns mit dem Abrufen von Mails wieder mit der Arbeit konfrontieren, weil sofort Entscheidungen zu treffen sind. Das ist dann Arbeitszeit und keine Erholzeit. Daher würde ich schon anraten, sich wenigstens die vier bis acht Tage zu nehmen, um sich von der Arbeit zu distanzieren. Es spricht ja grundsätzlich nichts dagegen, sich im Urlaub mit seiner Arbeit zu befassen. Aber dann sollte es Arbeit sein, die einem Freude bereitet. Und wenn ich mich wohler fühle, die Mails abzurufen, dann soll auch das sein. Die entscheidende Frage ist aber: Was dient dem eigenen Wohlbefinden?

Wie können sich jene, die gerade aus den Ferien zurückkehren, ihren Bonus erhalten?

Wohl oder übel klingt der Erholungseffekt relativ rasch ab. Üblicherweise nach ein bis drei Wochen, je nach Arbeitsbelastung. Andererseits kann man sich das Lebensgefühl nach dem Urlaub teilweise konservieren. Indem ich anderen über meine Eindrücke erzähle oder aber auch meine Freizeitaktivitäten bewusster pflege.

Und wie bereiten sich jene gut vor, die ihren Urlaub noch vor sich haben?

Wir haben festgestellt, dass Menschen, die auf Kur fahren, am Tag ihrer Abreise einen höheren Blutdruck haben. Das bedeutet: eine bevorstehende Ortsveränderung löst in jedem Fall eine Stressreaktion aus, nicht nur bei den Mäusen im Labor. Dessen sollte man sich bewusst sein. Je gemächlicher man seine Arbeit und seine alltäglichen Verpflichtungen abschließen kann, umso besser ist das für die eigene Erholung.

Kann der Homo sapiens ohne Urlaub überleben?

Überleben schon, die Frage ist nur, wie lange. Es gibt zwei große Studien, die bei nicht urlaubenden Menschen ein deutlich größeres Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung belegen. Das bedeutet: Es macht sehr wohl einen Unterschied, ob man sich einen Urlaub gönnt oder ob man glaubt, immer funktionieren zu müssen.

Die Menschen früher hatten auch keinen Urlaub.

Doch. Sie hatten sehr viel mehr Zeit, um sich zwischendurch zu erholen.

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?