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40 Jahre Tschernobyl: Wie Tiere in der Todeszone überleben

Seit dem Super-GAU wird um das Atomkraftwerk geforscht, wie sich radioaktive Strahlung auf Tiere auswirkt – mit erstaunlichen Ergebnissen.
Wildpferde stehen vor dem Kernkraftwerk auf der wilden Weide.

Als Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl am 26. April 1986 explodierte, gelangten enorme Mengen an hoch radioaktiven Partikeln in die Atmosphäre. 

Luft, Boden und Gewässer wurden weit über die ukrainische Stadt hinaus kontaminiert. 40 Jahre nach dem Super-GAU erstreckt sich um den havarierten Reaktor noch immer eine 4.300 km² große Sperrzone – eines der größten ungeplanten Naturschutzgebiete Europas. 

Leben kehrte nach dem Super-Gau rasch wieder in die Todeszone zurück

„Flora und Fauna innerhalb der Sperrzone veranschaulichen einerseits die Verwundbarkeit gegenüber mutagenem Stress, andererseits die Widerstandsfähigkeit durch evolutionäre Anpassung“, hielt die türkische Biologin Gülşah Yıldız Deniz Ende 2025 auf Science Direct fest. 

Zugleich diskutiert die Fachwelt, ob ein Fallout der Natur langfristig mehr schadet als menschliche Präsenz. 

Die Kernschmelze in der Frühlingsnacht 1986 traf nicht nur Menschen. Im Umkreis von 7 km starben auch Tiere bis hin zu Insekten und Würmern. Fehlgeburten, Tumore und Deformationen nahmen unmittelbar zu. 

Doch schon 1987 – Nuklide mit kurzer Halbwertszeit waren zerfallen – kehrte das Leben zurück. Nager vermehrten sich schnell. Vom Hubschrauber aus ließ sich beobachten, dass die Bestände von Elch, Hirsch, Reh und Wildschwein wuchsen. Die Wolfspopulation war bald siebenmal höher als in Vergleichsregionen. 

2015 schlossen US-Forscher: „Es ist wahrscheinlich, dass heute sogar mehr Wildtiere in Tschernobyl leben als vor dem Unfall.“ Auch selten gewordene Arten, darunter Luchs, Braunbär, Wisent und Schwarzstorch, kehrten in das nahezu menschenleere Gebiet zurück.

1998 kamen mit einem Artenschutzprogramm Przewalski-Pferde aus Zoos dazu.  Mittlerweile nützen um die hundert Exemplare dieser letzten echten Wildpferde die verlassenen Gebäude als Unterschlupf.  

Herrenlose Hausrinder stellten sich problemlos auf Wildnis ein

Seit 2016 grasen zudem herrenlose Hausrinder in der Sperrzone. Wissenschaftler der Uni Kopenhagen dokumentierten mittels Feldbeobachtung und Kamerafallen die Verwilderung der Milchkühe, die sich nach dem Tod des Bauern verselbstständigt hatten. Die Herde änderte trotz jahrtausendelanger Domestikation ihre Ernährung erfolgreich ebenso wie ihr Sozialverhalten und die Feindabwehr. 

Parallel zur Biodiversität untersuchten  Wissenschaftler auch von Anfang an die genetischen Folgen der Strahlung. Langlebige Isotope wie Cäsium und Strontium belasten die Umwelt bis heute.

Zunächst verursachte die Radioaktivität Fehlbildungen, erhöhte die embryonale Sterblichkeit und verringerte die Fortpflanzungsfähigkeit. 2001 etwa berichtete Evolution über gehäuften Albinismus bei Rauchschwalben; 2014  beschrieb Plos One die schlechte Spermienqualität der gefiederten Männchen. 

Erbgut vieler Arten veränderte sich in der Sperrzone

Doch schon bald fanden sich Nachweise auf genetische Anpassung an die verseuchte Umgebung – etwa bei Fröschen. Wissenschaftler sequenzierten die Enden der DNA-Stränge, die vor Fehlern bei der Zellteilung schützen sollen, sie suchten im Blut von Hyla orientalis nach Stresshormonen und maßen den Cäsiumgehalt in den Muskeln: „Unsere Arbeit hat gezeigt, dass das Leben in Tschernobyl weder das Alter noch den Alterungsprozess der Frösche beeinflusste.“ 

Später entdeckten Forscher schwarze Laubfrösche neben grünen Artgenossen. Sie ordneten die starke Pigmentierung, die vor Strahlung schützt, als schnelle Evolution direkt nach dem Unfall ein. 

Wölfe entwickelten spezielle Tumorabwehr

Ebenso reagierten Grauwölfe genetisch auf die Nuklearkatastrophe. Ihr Immunsystem entwickelte eine verstärkte Tumorabwehr. Hoffnung für die Humanmedizin?

Auch Gülşah Yıldız Deniz blickt nach vorn: „Tschernobyl bietet weiterhin die Möglichkeit, die genetischen und ökologischen Auswirkungen der chronischen Strahlenbelastung zu untersuchen.“ 

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