Wissen
07.09.2018

Start für die größte Plastik-Aufräumaktion im Ozean

Der 24-jährige Holländer Boyan Slat will mit dieser Erfindung die Weltmeere retten.

Aktivist mit 16, YouTube-Phänomen mit 18, CEO und Gründer einer Stiftung mit 19 Jahren. Der Niederländer Boyan Slat hat es eilig. Mit seinem Projekt „The Ocean Cleanup“ will er die Weltmeere innerhalb weniger Jahre  vom Plastikmüll befreien. Den Grundstein für seine steile Karriere  legte der damals 16-Jährige bei einem Griechenlandurlaub. Entsetzt stellte der leidenschaftliche Taucher fest: „Man sah mehr Plastiksackerln im Meer schwimmen als Fische.“  Mit einer großen Portion Idealismus, ein bisschen Größenwahn und viel unternehmerischem Gespür stellte der Teenager in kurzer Zeit ein globales Projekt auf die Beine. 

Sein Vortrag bei einem TEDx-Event in Delft machte ihn schlagartig zur Online-Berühmtheit.  Mit wuscheligen Haaren und zu weitem Hemd stellte er seinen Prototypen vor: Ein neuartiges Auffangsystem in der Form eines Teufelsrochens. Das war im Jahr 2012. Heute ist der technikaffine Slat 24 Jahre alt und der immer noch strubbelige Kopf einer internationalen Rettungsmission. „The Ocean Cleanup“ beschäftigt bereits mehr als 70 Mitarbeiter – darunter Ingenieure und Meereskundler.  Sein Studium – Luftfahrt-Ingenieurwesen – brach er  nach einem Semester ab, um sich ganz seinem Öko-Unternehmen zu widmen. Slats öffentliche Auftritte wirken mittlerweile  um einiges professioneller. Fast schon routiniert spricht er – mittlerweile im Jackett – über die verheerenden Auswirkungen von Mikroplastik auf unsere Nahrungskette und zeigt Bilder von verendeten Vögeln und Meereslebewesen.

Pazifisches Müllfeld

Nun steht das kolossale Vorhaben kurz vor seiner Durchführung: Mission 001 startet am 8. September. Das System wurde in den letzten Jahren ständig weiterentwickelt. Wie ein Teufelsrochen sieht es zwar schon lange nicht mehr aus, Slats ursprüngliche Idee blieb aber erhalten: Das Meer soll sich selbst reinigen. Dafür wird eine künstliche U-förmige  Bucht erzeugt.  Diese besteht aus einem 600 Meter langen Kunststoffschlauch und einem Vorhang, der in das Meer hineinragt.

Bewegt wird die Anlage mit der Kraft von Wind und Meer. Der Plastikmüll wird durch die Strömung in die Barriere getrieben. Das gesammelte Plastik wird anschließend von einer maritimen „Müllabfuhr“ abgeholt. Gereinigt werden die sogenannten Wirbel der Weltmeere, in  denen sich durch Wind und Wellenbewegung „Plastikteppiche“ gebildet haben. Mission 001 nimmt gleich den größten der insgesamt fünf Strudel in Angriff– den Great Pacific Garbage Patch (Großes Pazifisches Müllfeld) zwischen Kalifornien und Hawaii

Slats Erfindung ist effizienter und kostengünstiger als herkömmliche Auffangsysteme mit Schiffen und Netzen. Die Energie kommt aus der Sonne – so werden Emissionen vermieden. Auch der Beifang von Meereslebewesen soll ausgeschlossen werden. Die Strömung leitet die Fische unter dem Vorhang durch. Die Zeitersparnis beträgt mehrere Tausend Jahre. Denn: In nur fünf Jahren soll die Hälfte des Müllfeldes gereinigt sein. Kosten soll das Mammutprojekt rund 300 Millionen Euro.

Ein Teil wird durch Spenden gedeckt. Der Rest soll durch den Verkauf des recycelten Materials erwirtschaftet werden.  Die Produkte  wie Sonnenbrillen oder Handys sollen hochwertig und vor allem langlebig sein. Experten kritisierten vorab den Einsatzbereich der Auffangstation am offenen Meer. Stattdessen sollte der Plastikmüll schon an Zuflussstellen abgefangen werden. Außerdem liege der Großteil des Plastiks am Meeresboden und könne vom System nicht entfernt werden.

Erfinder von Beruf

Wie erfolgreich das Konzept tatsächlich ist und ob die Plastikröhre dem Meer und der Witterung standhalten kann, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Viel Erfahrung mit dem Scheitern hat Slat bisher noch nicht. Im Gegenteil: Schon seit seiner Kindheit bricht er mit seinem Hang zum Großen Rekorde.  Mit 13 Jahren schaffte er es ins Guinnessbuch der Rekorde, indem er 213 Wasserraketen gleichzeitig starten ließ.

Mit nur 19 Jahren war er der jüngste Gewinner des Champion of the Earth Awards – der höchste Umweltschutzpreis der Vereinten Nationen. Viel Freizeit bleibt dem selbst ernannten Erfinder nicht. Während Gleichaltrige das Uni-Leben genießen, arbeitet Slat 15 Stunden täglich, nimmt an Forschungsexpeditionen teil und ist Co-Autor mehrerer Studien.  Sein unermüdliches Engagement  erklärt er so: „Man kann Teil des Problems oder Teil der Lösung sein. Ich will Letzteres sein.“