Wissen und Gesundheit
20.09.2017

Starke Buben, verletzliche Mädchen

Umfrage unter Jugendlichen in 15 Ländern zeigt, wie hartnäckig Geschlechterrollen sind.

Kinder an der Schwelle zur Pubertät haben in den meisten Fällen schon ein sehr ausgeprägtes Geschlechter-Rollenbild - unabhängig davon, ob sie in armen oder reichen, liberalen oder konservativen Gesellschaften aufwachsen. Das ging aus einer groß angelegten Untersuchung im „Journal of Adolescent Health“ hervor.
„Wir haben herausgefunden, dass Kinder schon in einem sehr jungen Alter sehr schnell den Mythos verinnerlichen, dass Mädchen verletzlich und Buben stark und unabhängig sind“, sagte Untersuchungsleiter Robert Blum. „Dieser Mythos wird von allen Seiten unaufhörlich bekräftigt, von Geschwistern, Mitschülern, Lehrern, Eltern, Erziehern, Verwandten, Geistlichen und Sporttrainern.“
Versuchen die Kinder, sich aus diesen Rollen zu befreien, drohen vor allem Buben negative Konsequenzen. Sie würden gemobbt, eingeschüchtert und sogar körperlich angegriffen.

„Zwangsjacke der Geschlechterrollen“

Die Forscher warnen davor, dass die „Zwangsjacke der Geschlechterrollen“ Gesundheitsrisiken für beide Geschlechter berge - besonders aber für die Mädchen. Die Forscher hatten unter anderem in 15 Ländern rund um den Globus insgesamt 450 Kinder zwischen zehn und 14 Jahren und deren Eltern befragt, darunter Belgien, China, Ecuador, Ägypten, Indien und USA.
In der aktuellen Studie wurden unter anderem junge Pubertierende aus städtischen Regionen in Schottland, USA, Belgien, Kenia, und Ecuador gefragt, wie sie die Rollen von Buben und Mädchen in romantischen Beziehungen wahrnehmen. Unabhängig von ihrer Herkunft waren sie der Ansicht, dass Buben den ersten Schritt machen sollten. Eine zwölfjährige aus Gent in Belgien meinte: „Wenn er nicht mutig genug ist, finde ich das sehr feige. (...) Außerdem ist er dann kein Bub.“
Trotz dieser recht konservativen Vorstellungen zeigten sich die jungen Menschen sehr offen gegenüber homosexuellen Beziehungen. „Ich finde nicht, dass es gut oder schlecht ist. Jeder wählt sein eigenes Schicksal“, sagte den Forschern ein Zwölfjähriger Bub aus Ecuador.

Verhaltensrichtlinien

Mit Beginn der Pubertät klärten Eltern vor allem ihre Töchter darüber auf, wie sie sich nun als junge Frauen zu verhalten haben, schrieben die Wissenschafter. Gespräche mit Buben über den sich verändernden Körper wurden entweder als Tabu-Thema oder als unnötig angesehen.
Für Mädchen gebe es viele Regeln in Bezug auf ihren Körper, die ihrem Schutz dienen sollen. Allerdings, so betonten die Wissenschafter, verlange dies auch unterwürfiges Verhalten. Gewalt sei ein akzeptiertes Mittel, um zu verhindern, dass Regeln gebrochen werden. Das mache es wahrscheinlicher, dass Mädchen Opfer von körperlicher und sexueller Gewalt werden, sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten anstecken, früh schwanger werden oder vorzeitig von der Schule gehen.
Buben würden im Gegensatz zu Mädchen eher ermutigt, die Welt außerhalb des Hauses zu erkunden. In China und Indien erzählten die Buben, dass es von ihnen erwartet werde, „stark und wie ein Held“ zu sein. Im Allgemeinen verbringen sie der Studie zufolge mehr Zeit mit selbst gewählten Hobbys und üben untereinander dominante Verhaltensweisen. Allerdings mache das Buben viel anfälliger für gefährliches, risikoreiches Verhalten. Sie werden eher drogensüchtig und ihr Risiko, bei einem Unfall zu sterben, sei höher.
Die Studie bestätigte den Forschern zufolge vorherige Befunde, dass sich mit dem Beginn der Pubertät „die Welt für Buben erweitert, und für Mädchen schrumpft“.