Sexsucht: Verzweifelte Jagd nach Befriedigung

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Foto: Film Glück braucht Liebe: In „Shame“ spielt Fassbender einen unglücklichen Sexsüchtigen. „Sexualität macht besonders glücklich, wenn man sein Gegenüber liebt“, erklärt Pfau.

Hypersexuelle vernachlässigen für ihre Sucht viele Lebensbereiche. Ein Problem, das behandelbar ist.

Sex. Schnell. Immer. Überall. Masturbation. Pornografie. Innere Leere. Der Film „Shame“, der heute in den Kinos anläuft, greift ein umstrittenes Thema auf: Denn ob es Sexsucht wirklich als Leiden gibt, wird unter Experten viel diskutiert.

Der Hauptdarsteller Michael Fassbender spielt den Sexsüchtigen Brandon. Von seiner Lust getrieben, stürzt er sich von einem erotischen Abenteuer ins nächste. Parallel dazu konsumiert er Pornos wie manche Gummibärchen, um dann – ganz gleich, ob er zu Hause ist oder im Büro – zu masturbieren. Gefühle? Bloß nicht.

In der Praxis des Sexualmediziners Georg Pfau ist Sexsucht ein häufiges, aber oft auch missverständliches Thema: „In vielen Fällen ist ein Partner in einer Beziehung mit dem Sexualtrieb des anderen überfordert. Nur weil einer öfter will als der andere, ist er aber noch nicht sexsüchtig.“ Dem Lehrbuch zufolge handle es sich um Sexsucht, wenn die Sexualität einen so großen Raum im Leben eines Menschen einnimmt, dass andere wichtige Bestandteile – soziale Kontakte, Beruf, Beziehung – darunter leiden, erklärt Pfau. Wie viele Betroffene es gibt, ist nicht bekannt.

Hypersexuell

Bei Frauen sprach man früher von Nymphomanie, bei Männern von Don-Juanismus. Heute lautet der gängige Fachbegriff Hypersexualität.

Pfau nennt ein Beispiel, das aus dem Film stammen könnte: „Es gibt Männer, die in der Früh aufstehen und sich im Internet sofort nach dem ersten Sexualkontakt umsehen.“

Ist also die virtuelle Non-Stop-Verfügbarkeit von Sex das Problem? Das Internet pauschal zu verteufeln – davon hält Pfau nicht viel. Es stimme zwar, dass es rund um die Uhr Pornos frei Haus liefere, und den Zugang zu sexuellen Darstellungen enorm erleichtere, aber: „Die Dummen werden dümmer, die Klugen werden klüger.“ Während das Web jene Menschen, die gefährdet sind, negativ beeinflussen kann, öffne es scheuen Randgruppen neue Möglichkeiten.

Wie wird jemand also sexsüchtig? „Meist als Folge einer Persönlichkeitsstörung – häufig liegen die Ursachen in der Erziehung oder werden durch Traumata ausgelöst“, erklärt Pfau. Während gesunder Sex meist an eine Beziehung und an emotionale Tiefe gebunden ist, gehe es Sexsüchtigen primär um die Häufigkeit. „Die Betroffenen zählen oft mit, wie viele Sexualpartner sie hatten. Es geht ihnen darum, Selbstwert und Akzeptanz zu erlangen, die sie durch ein Trauma verloren haben oder sonst nicht bekommen.“

Generell gilt, dass Sexualität als besonders erfüllend erlebt wird, wenn sie mit einem Menschen geteilt wird, den man liebt. Und (wichtig!) auf den man sich einlässt. Dazu braucht es allerdings die Fähigkeit, Nähe auszuhalten. Darin liegt das Problem des Sexsüchtigen. Also wird Qualität durch Quantität ersetzt.

Das Problem zeigt auch die gesellschaftliche Schieflage auf: „Sexualität verkommt immer öfter zu einer technischen Disziplin, losgelöst von Emotionalität“, kritisiert Pfau. „Jemand gilt als gut im Bett, wenn er möglichst viele Sexualpartner hatte. Liebe spielt da häufig keine Rolle mehr.“ Folglich fehlt es Menschen, die Sex wie Fast Food konsumieren, an Glücksgefühlen. Und daraus entwickelt sich der Teufelskreis: „Auf der Suche nach Glück knüpfen sie immer mehr Kontakte. Diese Menschen sind sehr einsam.“ Trotz vieler sexueller Begegnungen wächst die Leere im Inneren.

Sexualmediziner Pfau beruhigt dennoch: „Sexsüchtige sind nicht glücklos verloren.“ Da es sich um eine psychische Abhängigkeit handelt und nicht um eine körperliche – wie bei einem Suchtgift – sei kein Entzug notwendig. Mithilfe einer Gesprächstherapie sei es möglich, wieder zu Selbstwert, Akzeptanz und Glück zu finden.

 

BUCHTIPP: „Männer – Die ganze Wahrheit“, von Georg Pfau und Thomas Hartl. Erschienen im Goldegg Verlag, 22 €.

(kurier) Erstellt am
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