Wissen und Gesundheit
17.05.2017

So tollpatschig? Wann ungeschickte Kinder Hilfe brauchen

Wenn Kinder sehr ungeschickt sind, kann es sein, dass sie ihren Körper nicht gut spüren.

"1,2,3, los – wer ist Erster?". Das hört man täglich von Kindern, sie lieben es, um die Wette zu laufen, zu klettern oder Roller zu fahren. Lilly nicht, weiß ihre Mutter Daniella St.: "Als sie klein war, hat sie in so einer Situation zu weinen begonnen und sich auf den Boden plumpsen lassen. Am Spielplatz hat sie Sachen wie Balancieren gar nicht ausprobiert, weil sie es sich nicht zugetraut hat. Vieles konnte sie nicht, etwa sich auf eine Schaukel setzen. Sie hat sich mit den Händen angehalten und ist gar nicht auf die Idee gekommen, dass sie sich selbst mit dem Knie hinaufstemmen könnte." Mit etwa drei Jahren war ihr klar, dass ihre Tochter nicht ungeschickt oder unsportlich ist, sondern ein Problem hat.

Ein Problem, das Therapeutin Elisabeth Söchting als "sensorische Störung" bezeichnet, weil die Sinnesreize nicht richtig verarbeitet und geordnet werden können. "Es bedeutet, dass Kinder ihren Körper nicht gut spüren. Sie haben Probleme mit dem Gleichgewicht, ihrer Muskelkraft und mit Berührungen. Das kann sich darin äußern, dass sie die Schere oder Stifte schlecht halten können, weil sie nicht merken, wie fest sie drücken müssen. Oder sie sind überempfindlich und greifen nicht gerne in den Sand und lassen sich ungern mit Sonnencreme einschmieren." Daniella St.s Tochter konnte etwa Schwimmflügerln nicht leiden, erinnert sie sich.

Im Alltag beeinträchtigt

Söchting schätzt, dass jedes siebente Kind betroffen ist – mehrheitlich Buben –, und arbeitet an einem breiteren Verständnis, auch durch eine Konferenz von 1. bis 3. Juni in Wien: "Manche Eltern, Kinderärzte und Pädagogen glauben, dass das Kind launenhaft ist oder Aufmerksamkeit will. Sie verstehen nicht, dass sich das Kind wirklich schlecht fühlt. Sein Alltag ist beeinträchtigt."

Die Auswirkungen zeigen sich in der Motorik, aber auch bei der Aufmerksamkeit. Manche Kinder leiden unter einer sogenannten Dyspraxie, erklärt Söchting: "Das ist eine Störung im Bewegungsablauf. Diese Kinder können nicht nach einer Anleitung basteln, weil sie zu ziellos sind, um eine Handbewegung nach der anderen durchzuführen. Sie malen nur nach Fantasie." Söchting warnt davor, das Thema aufzuschieben: "Im Kindergarten funktioniert es noch, in der Schule nicht mehr."

Fehlende Möglichkeiten

Umweltfaktoren lösen die Störung nicht aus: "Ein gesundes Kind holt sich auch in einer Wohnung seine Bewegungsreize und klettert auf einen Sessel. Kindern mit einer Störung fehlt aber in der Stadt oft die Möglichkeit, ihre Schwächen, etwa beim Spielen im Wald, auszugleichen." Jedenfalls brauchen betroffene Kinder Unterstützung durch Erwachsene: "Wir schicken sie auf Abenteuerspielplätze oder aufs Trampolin. Nur frei spielen reicht nicht: Eltern müssen die Kinder bei den Übungen anleiten, sich auf zielgerichtete Handlungen zu konzentrieren, statt ihnen Schwierigkeiten abzunehmen. "

Im Therapiezentrum, das aussieht wie ein Indoor-Spielplatz, arbeitet das Ergotherapeuten-Team mit den Kindern: "Wir haben etwa eine Seilbahn, bei der die Kinder den Griff erreichen und zur Wand ziehen müssen, damit sie fahren können. Wie sie damit umgehen, ist für uns sehr aufschlussreich", erklärt Söchting, die bei der Konferenz ein neues Testverfahren vorstellen wird.

Ihre Tochter habe sich enorm weiterentwickelt, erzählt Daniella St.: "Am Anfang ist sie bei der Therapie an der Kletterwand gehangen wie ein Sack. Als sie später hinaufklettern konnte, habe ich ihr gezeigt, was sie geschafft hat. Da war sie endlich mal richtig stolz auf sich." sensorische-integration.org