Weltpremiere. In Schweden bekam eine 35-Jährige ein gesundes Kind – nach einer Gebärmuttertransplantation

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Medizinische Sensation
10/04/2014

Geburt von Vincent: "Es war fantastisch"

Ärztin Liza Johannesson war dabei, als eine Frau mit fremdem Uterus ein Baby bekam.

Von Lisa Arnold und Ernst Mauritz

Vincent – der Siegreiche: So hat eine 35-jährige Schwedin ihren Sohn genannt, den sie einer medizinischen Sensation verdankt: „Für ihn passt nur so ein Name“, sagte die Mutter, die anonym bleiben will. Sie ist weltweit die erste Frau, die mit einer gespendeten Gebärmutter ein gesundes Baby zur Welt gebracht hat. Die Entbindung fand bereits im September am Universitätsspital in Göteborg in Schweden statt.

„Sowohl der Mutter als auch dem Kind geht es gut, sie sind jetzt zu Hause“, erklärte der Gynäkologe Professor Mats Brännström, der den Eingriff vorgenommen hat. Er ist Leiter eines Forschungsteams, das sich seit 15 Jahren mit dem komplexen Thema Gebärmuttertransplantation befasst. Im Vorjahr transplantierten die schwedischen Mediziner neun Frauen – die meisten um die 30 Jahre alt – in Göteborg je eine Gebärmutter. Zwei mussten sie wegen Komplikationen wieder entfernen. Die Organe stammten teilweise von ihren Müttern, teilweise von nahen Verwandten mit abgeschlossener Familienplanung.

Liza Johannesson ist Ärztin (im Bild oben, ganz rechts) und arbeitet seit 2008 bei dem Forschungsprojekt am Sahlgrenska Institut in Göteborg mit. Als Prof. Mats Brännström Anfang September den Kaiserschnitt an der 35-jährigen Schwedin durchführte, und Vincent aus dem Bauch seiner Mama holte, war sie live im OP-Saal dabei.

Im KURIER-Gespräch erinnert sie sich an große Gefühle bei der Entbindung: "Es war fantastisch – für die Eltern und unser Team. Nach so langer Zeit mit Forschung, Tierversuchen und Operationen sind wir endlich am Ziel." Der Kaiserschnitt sei problemlos verlaufen.

Über ein zweites Kind denke die Familie derzeit nicht nach. "Sie müssen erst einmal runterkommen", sagt Johannesson. Doch sei es durchaus möglich, der Mutter in naher Zukunft eine zweite Schwangerschaft zuzumuten, bevor die Gebärmutter wieder entfernt wird. "Es ist ratsam, wenn auch nicht zwingend notwendig, das Organ wieder zu entnehmen. Sonst müsste die Frau ihr Leben lang Medikamente nehmen." Die Tabletten zur Immunsuppression – gegen die Abstoßung – seien die gleichen, die auch nach Verpflanzung anderer Organe wie etwa Leber oder Nieren verschrieben werden. Man kenne die Auswirkungen auf die Schwangerschaft und wisse, dass das Baby davon keinen Schaden nimmt.

Die 38-jährige Ärztin Johannesson bestätigte dem KURIER, dass von den anderen sechs Patientinnen mehrere schwanger sind, davon zwei im fortgeschrittenen Stadium. Das Interesse an dieser Methode sei sehr groß. "Viele Frauen kontaktieren uns, die sich auf diesem Weg ein Kind wünschen. Doch das Projekt ist noch ein Versuch und wir können keine zusätzlichen Patientinnen aufnehmen."

Die Frauen hatten aus verschiedenen Gründen keine Gebärmutter mehr. Die Mutter von Vincent etwa erfuhr im Alter von 15 Jahren, dass sie ohne Gebärmutter zur Welt gekommen war. „Ich war verzweifelt.“ Ihre Eierstöcke waren aber gesund.

Künstlich befruchtet

Weil viele der in Frage kommenden Empfängerinnen auch keine Eileiter haben, wird die Methode der künstlichen Befruchtung gewählt – mit zuvor entnommenen eigenen Eizellen der Frauen.

Vincent musste wegen Komplikationen in der 31. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt geholt werden – der Blutdruck der Mutter war zu hoch, das Herz des Kindes schlug zu schnell. Er wog 1775 Gramm und war 40 Zentimeter groß.

Während Univ.-Prof. Wilfried Feichtinger (siehe Interview) die Methode positiv sieht, ist Univ.-Prof. Peter Husslein, Leiter der Frauenklinik der MedUni Wien, skeptisch: „Ich glaube, man sollte dieses Forschungsgeld in andere Bereiche investieren, wo die Probleme der Menschheit größer sind. Die Unterdrückung des Immunsystems (gegen die Abstoßung) bei einer Krankheit, die nicht so einen hohen Stellenwert hat, muss man sich ernsthaft überlegen.“

Die erste Gebärmuttertransplantation wurde 2000 in Saudi Arabien durchgeführt – doch das Organ musste wieder entfernt werden. 2011 kam es in der Türkei nach einer Transplantation zu einer Fehlgeburt.

Der Gynäkologe Univ.-Prof. Johannes Huber spricht von einem „beeindruckenden Fortschritt“: „Vor Jahrzehnten haben wir in Wien im Tierexperiment an Schafen versucht, solche Transplantationen durchzuführen – leider damals ohne Erfolg.“ Er verweist auch darauf, dass das Kind über die gespendete Gebärmutter „auch ein wenig von einer dritten Person beeinflusst wird – wie groß dieser Einfluss ist, wissen wir aber nicht. Ein Problem sehe ich darin aber nicht.“ Und, so Huber: „Lange Zeit wurden Gebärmuttern zu leichtfertig entfernt und zu viele Operationen durchgeführt. Jetzt transplantiert man sie erstmals – das ist ein interessanter Gegenpol.“

Video: Forscher erklären das "Wunder"

Diese Geburt ist ein medizinischer Durchbruch

KURIER: Welchen medizinischen Stellenwert hat die Geburt von Vincent?

Wilfried Feichtinger: Sie ist ein medizinischer Durchbruch. Ich kenne Prof. Brännström, er leitet ein sehr fundiertes Forschungsprogramm. Ich bin davon überzeugt, dass dieses Verfahren jetzt weiter erprobt und bald auch in Österreich angewandt werden wird. So wie die künstlich befruchteten Babys am Anfang eine Sensation waren und heute Routine sind, wird auch das Routine werden.

Wann kommt die Transplantation einer Gebärmutter infrage?

Wenn die Frau von Geburt an keine Gebärmutter hat, wenn sie wegen Krebs entfernt werden musste, wenn es zu Blutungen nach einer früheren Geburt kommt oder wenn die Gebärmutter durch Myome (gutartige Geschwulste, Anm.) deformiert ist. Die bisherige Lösung in solchen Fällen war die Leihmutterschaft. Ich hatte solche Patientinnen, die dafür in die USA gegangen sind. Denn es sind ja in der Regel junge Frauen mit intakten Eierstöcken. Für sie wäre eine solche Transplantation eine große Erleichterung.

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