Inventur der Schmetterlinge: So werden Falter gezählt und analysiert

Bestandserhebungen verdeutlichen die Lage der Tag- und Nachtfalter. Jetzt werden die 11.665 Arten Europas auch genetisch erfasst.
Ein hübscher Schmetterling sitzt auf einer Blütenpflanze.

Die Sommerkinder werden nur vier Wochen alt. Die Supergeneration dagegen lebt mehr als ein halbes Jahr. Zwei Monate davon legen die Überflieger rund 4.000 km zurück. Die Höchstgeschwindigkeit auf ihrer Reise von Kanada nach Mexiko: 30 km/h.

„Wir freuen uns, dass die Monarchfalter schon die zweite Saison infolge deutlich zahlreicher in Mexiko angekommen sind“, kommentiert der WWF Österreich die jüngste Bestandserhebung. Entwarnung gibt es dennoch nicht. 

Die Zahl der Edelfalter liegt im historischen Vergleich weit unter den Höchstständen. In der Rekordsaison 1996/97 nahm Danaus plexippus in den Kiefer- und Tannenwäldern Mexikos eine Fläche von 18,19 Hektar in Beschlag. 2025/26 ließen sich dort nur noch neun Kolonien auf 2,93 Hektar nieder.

„Bei uns gibt es zwei Methoden des Monitorings für Schmetterlinge“, sagt Daniela Lehner von Austrian Butterfly Conservation. Entweder es werden alle Sichtungen auf einer 5 m breiten, 500 m bis 1.000 m langen Strecke erfasst, oder es wird in 15 Minuten jedes Exemplar an einem Standort aus gezählt. 

Bestandsaufnahmen zeigen langfristige Entwicklungen

Durch regelmäßige Wiederholungen zeichnen sich Trends ab. So steht z.B. fest, dass Arten, deren Raupen auf spezielle Futterpflanzen angewiesen sind, seltener werden, genauso wie Spezies, die der Klimawandel in immer höhere Lagen treibt, wo ihre Futterpflanzen noch nicht angekommen sind. Vom Moorwiesenvögelchen wiederum gibt nur noch zwei Populationen, ihr Lebensraum geht trotz Schutzmaßnahmen stetig verloren. Der Regensburger Gelbling ist in Österreich bereits ausgestorben. Das Aufgeben der Pferdebeweidung brachte Colias myrmidone auf die Rote Liste.

Der Distelfalter wandert allerjährlich 3.000 bis 4.000 km. Wer die Überflieger auf ihrer Rast in Österreich zählen will, kann die Insekten unter https://butterfly-monitoring.net/de/painted-lady-migration melden.

Zählungen zeigen auch kurzfristige Ereignisse

Das Monitoring macht darüber hinaus saisonale Ereignisse – oft abhängig von Wind und Wetter – sichtbar. Im Vorjahr etwa tauchte der Wanderbläuling erstmals in Tirol auf. Der Kardinal hatte das stärkste Einflugsjahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Dem Admiral dagegen war hierzulande doch wieder zu kalt, er konnte heuer nur im urbanen Raum überwintern. 

„Wir sind gerade dabei, alle europäischen Schmetterlinge genetisch zu erfassen“, beschreibt Valentina Todisco vom Fachbereich Umwelt & Biodiversität der Uni Salzburg eine weitere Methode des Monitorings. Als Studien-Co-Autorin stellte sie kürzlich das Projekt „Psyche“ (benannt nach der personifizierten schmetterlingsbeflügelten Seele aus der Mythologie) in Trends in Ecology & Evolution vor – und die erste Zwischenbilanz: 

Erbgut von 11.665 Schmetterlingsarten in Europa wird bis 2028 entschlüsselt

Seit Oktober 2024 konnten im britischen Wellcome Sanger Institute Genome von 1.000 Tag- und Nachtfaltern bestimmt werden. Bis 2028 soll das Erbgut der weiteren 10.665 Arten entschlüsselt sein.

„Mit der Überwachung der Schmetterlinge in Europa können wir u.a. den Rückgang der Populationsgrößen und den Grad der Inzucht abschätzen“, führt Todisco aus. Letztlich geht es um ein Biodiversitätsmanagement, das den Schutz der Bestäuber, Pflanzenfresser und Beute ebenso einschließt wie die Bekämpfung der Land- und Forstwirtschaftsschädlinge.

Die Monarchfalter in Mexiko jedenfalls bereiten sich gerade auf ihre Rückreise vor. Diesmal werden sie die 4.000 km in die Wärme Kanadas in mehreren Generationen bewältigen; wie erfolgreich, bleibt abzuwarten.

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