Mit Samenspende zum Wunschkind: Der Vater aus dem Katalog

Künstliche Befruchtungen nehmen zu. Doch jüngste Skandale werfen einen Schatten auf das Geschäft mit Samenspenden. Was treibt Männer an, Kinder zu zeugen, die sie nie kennenlernen werden?
Kinderwunschklinik

Stefan S. hat bald acht Kinder. Vier davon stammen aus einer früheren Ehe. Die anderen vier wird er abends nie ins Bett bringen. Der 49-jährige Wiener ist privater Samenspender. Er trifft sich mit fremden Frauen, um Kinder zu zeugen.

Als er vor drei Jahren damit begann, bot er seine Spermien zunächst auf der Dating-Plattform Tinder an. Doch sein Profil wurde gesperrt. Und so rief er seine eigene Plattform ins Leben, auf der sich nicht nur er, sondern alle, die privat Samen spenden oder Samen suchen, registrieren können. Seither hätten sich viele Frauen bei ihm gemeldet, sagt Stefan S.. Eine genaue Zahl gibt er nicht preis.

Normalerweise sind Samenspenden in Österreich kein privates Unterfangen. Sie sind Teil der künstlichen Befruchtung, geregelt durch das Fortpflanzungsmedizingesetz, durchgeführt in Kliniken, begleitet von Gynäkologinnen, Embryologen und Genetikerinnen. Die Zahl solcher In-vitro-Fertilisationen steigt in Österreich seit Jahren. 2024 sind 11.962 Frauen behandelt worden, um 4,4 Prozent mehr als im Jahr davor. Jede fünfzehnte Behandlung erfolgte mit einem fremden Samenspender.

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Anfang Dezember bekam das Geschäft mit den Spendersamen Risse. Medien enthüllten, dass ein einziger Spender aus Dänemark für die Zeugung von 197 Kindern in ganz Europa verwendet wurde, auch in Österreich. Das ist weit mehr, als die gesetzlichen Limits in den jeweiligen Ländern zulassen. Zudem trägt er eine seltene Genmutation in sich, die ein höheres Krebsrisiko für die Kinder bedeutet.

Und das war nicht der erste Skandal. 2023 wurde ein Niederländer gerichtlich gestoppt, nachdem er mindestens 550 Kinder in ganz Europa gezeugt hatte. In Belgien wiederum fanden die Behörden heraus, dass bei 40 Prozent der aus gesundheitlichen Gründen gesperrten Spender der Samen über die gesetzlichen Grenzen hinaus verwendet wurde.

Skandale wie diese offenbaren: Die Kontrollen von Samenspenden sind unzureichend. Die Überprüfung der Spender und die Einhaltung nationaler Obergrenzen obliegt allein den Samenbanken. Und während der Handel international ist, gibt es keine grenzüberschreitenden Gesetze. Nun will die Europäische Union den Umgang mit „Substanzen menschlichen Ursprungs“ bis zum Jahr 2027 regeln und das Geschäft mit dem Spermium sicherer machen.

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Reproduktionsmediziner Michael Feichtinger

Gleichzeitig rücken solche Fälle jene Männer in den Fokus, die bereit sind, anonyme Väter fremder Kinder zu werden. Sie verbergen sich hinter Pseudonymen wie „Crush“, „Aquarius“ oder „Skol“, kommen aus Dänemark, Indien oder den USA und sind laut ihren Profilbeschreibungen meist umgänglich, zielorientiert und hilfsbereit. Tadellose Stimm- und Schriftproben ergänzen das Portfolio. Interessierte Paare können sich je nach Vorlieben Augenfarbe, Ethnie und Blutgruppe ihres Kindes wie aus dem Katalog auswählen.

Gene aus dem Norden

Eine besondere Rolle nimmt Dänemark ein. Das Land dominiert den europäischen Samenmarkt, auch die größte Samenbank der Welt, Cryos, befindet sich dort. „Die Auswahl ist groß, das schätzen unsere Paare“, sagt Michael Feichtinger vom Wunschbaby Institut Feichtinger in Wien, das auch über eine eigene Samenbank verfügt. Dänemark habe sich schon früh durch eine liberale Gesetzgebung und gesellschaftliche Akzeptanz auf dem Markt positioniert. Bei jungen Männern sei es ein altruistischer Akt wie Blutspenden, sagt Feichtinger.

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Dieses Motiv dominiert auch in einer englischen Studie über Samenspender aus dem Jahr 2019. 576 Männer wurden kontaktiert, 63 Prozent davon gaben als Grund an, anderen damit helfen zu wollen. Danach folgten die Bestätigung der eigenen Fruchtbarkeit und das Weiterreichen der Gene. Das Geld ist es jedenfalls nicht. Für Samenspenden gibt es lediglich eine Aufwandsentschädigung.

Für Stefan S. liegt die Antwort in seiner Biografie. Nach seiner Scheidung habe er keine Beziehung mehr gewollt, aber noch weitere Kinder. Fortpflanzung sei für ihn der Sinn des Lebens. Die private Samenspende wurde zur Lösung seines spezifischen Problems. Im Gegensatz zu Spendern auf Samenbanken sind private Spender auch rechtlich die Väter der Kinder – sie sind unterhaltspflichtig, haben Kontaktrechte, das Kind ist erbberechtigt. „Rechtlich ist diese Form der Samenspende also wesentlich konfliktträchtiger“, sagt Tanja Verbunkic, Anwältin für Medizinrecht in Salzburg.

Stefan S. zahlt nach eigenen Angaben monatlich 360 Euro Unterhalt pro Baby. Dank seiner Arbeit als Steuerberater und der Einkünfte aus Gewerbeimmobilien sei das gut zu stemmen. Wann und wie oft er die Kinder sehe, bestimme ausschließlich die Mutter. Bei acht Kindern und 16-Stunden-Arbeitstagen ist es aber nicht allzu viel. Der Kontakt beschränkt sich meist auf Videotelefonate. Dennoch entspricht diese Lebensweise in Ansätzen dem Modell des Co-Parenting, also einer geteilten Elternschaft zwischen Menschen, die kein Paar sind.

„Genau das ist mein Ziel“, sagt Stefan S. Auch die Frauen, die sich an ihn wenden, würden den bekannten Vater einem anonymen Spender vorziehen. Eine echte Wahl haben sie in Österreich nicht: Samenspenden sind für alleinstehende Frauen verboten. „Im europäischen Vergleich gehört Österreich zu den restriktiveren Ländern“, sagt Anwältin Verbunkic. In 17 von 27 EU-Ländern hätten Singles bereits Zugang zur künstlichen Befruchtung.

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Seit 2015 dürfen in Österreich auch lesbische Paare künstliche Befruchtung in Anspruch nehmen (siehe Artikel unten). Die Gesetzesnovelle brachte zudem die Eizellenspende und die genetische Untersuchung von Embryonen mit sich. Ab 2027 wird es Frauen möglich sein, ihre Eizellen auch ohne medizinischen Grund einfrieren zu lassen. Alleinstehenden Frauen bleibt der Zugang zur künstlichen Befruchtung aber weiterhin verwehrt: Sie müssen auf private Samenspender zurückgreifen oder ins Ausland ausweichen, was kostspielig ist.

Ihre Situation hängt auch mit einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel zusammen: Der Kinderwunsch rückt immer weiter nach hinten. In Österreich liegt das Durchschnittsalter von Erstgebärenden bei 31,6 Jahren. Jede siebte Frau erlebt die Geburt ihres Kindes erst mit 35 Jahren oder später. Frauen wie Männer investieren Jahre in Ausbildung, Karriere und Partnersuche. Der Kinderwunsch muss warten.

Eine Frage des Alters

„Das steigende Alter ist der Hauptgrund für den Anstieg künstlicher Befruchtungen“, sagt Reproduktionsmediziner Feichtinger. Mit jedem Lebensjahr schrumpft die Qualität von Eizellen und Spermien, das Risiko genetischer Anomalien steigt. Selbst bei In-vitro-Fertilisation liege die Chance auf eine Schwangerschaft um das 35. Lebensjahr nur bei 25 bis 35 Jahre Prozent pro Versuch, mit 40 Jahren seien es noch 15 bis 20 Prozent, mit 43 Jahren bleiben gerade noch 3 bis 5 Prozent Erfolgsaussicht. „Diese Statistiken müssen wir den Paaren veranschaulichen, die zu uns kommen“, sagt Feichtinger.

Das Alter ist auch in Stefan S. privater Reproduktionsmission die größte Hürde. Die meisten Singlefrauen, die sich bei ihm melden, seien zwischen 35 und 45. Beim Großteil klappe die Schwangerschaft nicht. Dass er mit seinen 49 Jahren auch nicht die idealen Voraussetzungen mitbringt, räumt er ein.

Wie viele Kinder es am Ende werden, lässt S. offen. Spätestens hier wird das Vorhaben zu einer Frage der Kalkulation. „Es gibt ein zeitliches und ein finanzielles Limit“, sagt er. „Und wenn ich irgendwann überfordert bin mit zu vielen Müttern, Kindern und Problemen, werde ich einen Schlussstrich ziehen.“

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