Im Winter sind besonders viele Rabenvögel in Trupps unterwegs.

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Wissen
02/04/2019

Saatkrähe? Nebelkrähe? Rabenkrähe?: "Jeder weiß, wer wer ist"

Im Winter gibt es in Österreich mehr Saatkrähen als im Rest des Jahres. Auch die Aaskrähen bilden jetzt Trupps.

von Hedwig Derka

„Man glaubt immer, einen Raben vor sich zu haben, das ist aber im seltensten Fall richtig.“ Wien ist die Stadt der Krähen. Erst Recht im Winter. Remo Probst kennt sich mit der gefiederten Verwandtschaft in der Familie der Corviden bestens aus. Die Bundeshauptstadt ist für den Biologen von Birdlife Österreich ein „interessantes Pflaster“.

Denn hier ziehen ständig Saatkrähen um die Häuser; hier stoßen seit Ende der letzten Eiszeit zwei Welten von Aaskrähen aufeinander; hier mischen Zugvögel die heimischen Überflieger saisonal auf. Das sorgt für Tratsch in den schwarzen Gangs, weiß Verhaltensforscher Thomas Bugnyar von der Uni Wien.

Aktuelle Wintervogelzählung

„Im Winter ziehen viele Vögel ab, die Rabenvögel wirken dominant“, erklärt Probst einen Grund für den eintönigen Luftraum.Tatsächlich landen Aaskrähen  in Wien bei Österreichs jüngster Vogelzählung, der „Stunde der Wintervögel“, auf Platz zwei hinter der Kohlmeise. Tendenz gegenüber dem Vorjahr: steigend. Die Saatkrähen belegen bei der aktuellen Birdlife-Aktion Rang vier hinter dem Spatz.

„Große Trupps an Saatkrähen sind typisch für die kalte Jahreszeit. Das hat es schon immer gegeben“, sagt Bugnyar. Die Wintergäste aus Russland gesellen sich ab Oktober zu den heimischen Brütern, von denen einige Richtung Süden ausweichen; Futter und Territorium sind begrenzt. Die großen Schwärme pendeln oft täglich bis zu 30 km. Zwischen den Häusern schläft es sich wärmer und sicherer vor Fressfeinden als auf den Feldern im offenen Umland.

Beliebte Raststätten befinden sich im Prater, im Donaupark, in der Lobau, in der Freudenau und auf der Baumgartnerhöhe. Nicht zuletzt tauschen sich die Vögel hier über gute Futterplätze und gute Partien für die tendenziell monogame Zukunft aus.

„Im Winter schließen sich auch territoriale Paare zu Gruppen zusammen. Das kann den Eindruck der Zahlenzunahme verstärken“, nennt Bugnyar einen weiteren Grund für die schwarze Vorherrschaft. Auch Junggesellentrupps sind jetzt unterwegs. Typisch Krähe.

 

Die Vorfahren der Aaskrähen wurden hier vor etwa 10.000 Jahren heimisch: Die Eisdecke, die sich in der jüngsten Kaltzeit über Europa ausbreitete, drängte die Rabenkrähen zunächst in den Südwesten, die Nebelkrähen in den Südosten des Kontinents. Als das Klima und die Lebensbedingungen wieder freundlicher wurden, kam es in Wien zum Klassentreffen. „Hier gibt es heute auch Hybriden. In Vorarlberg schaut das schon anders aus“, beschreibt Birdwatcher Probst das schmale Mischgebiet.

Wer auch immer die Rabeneltern sind, die schwärmerischen Beziehungen haben es in sich – der Professor am Department of Cognitive Biology spricht von „mehr Struktur in der Ansammlung als bisher gedacht“. Bugnyar untersucht die Dynamik von Kolkraben – riesige Verwandte aus den Alpenregionen – und hält die Ergebnisse für pauschalierbar: „Raben sind dem sehr ähnlich, was Menschen machen.“

Die schlauen Vögel suchen einen Partner, bauen gemeinsam eine Bleibe und pflegen den Nachwuchs. Ihre Freundschaften gehen über die Familienbande hinaus. Kumpels halten besonders fest zusammen. Fremde dagegen müssen sehr nett sein, um akzeptiert zu werden; vom Tratsch bleiben sie ausgeschlossen. Aber sind in der Nacht nicht alle Raben schwarz? Mitnichten, sagt Bugnyar: „In der Gruppe weiß jeder genau, wer wer ist.“

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