Wissen
22.03.2018

Ökologe: "Es geht ohne Pestizide"

Ein Ökologe hält Grenzwerte für problematisch und würde Gifte im Privatbereich sofort verbieten

„Wir versprühen Tausende Tonnen Substanzen in unsere Umwelt, über die wir erschreckend wenig wissen“, sagt Johann G. Zaller. Von manchen weiß der Ökologe an der Universität für Bodenkultur Erschreckendes. In seinem Buch „Unser täglich Gift. Pestizide – die unterschätzte Gefahr“ (Deuticke Verlag, 240 Seiten, 20,60 €) beschreibt er das Lobbying der Agrochemiekonzerne und die Faulheit kontaminierter Regenwürmer. Lösungsvorschläge inklusive.

KURIER: Ein Apfel ist durchschnittlich 31 Mal mit Pestiziden behandelt. An den vielen Blättern des Salats sammeln sich Rückstände besonders gut an. Was können wir noch guten Gewissens essen?

Johann G. Zaller: Mit gutem Gewissen kann man am ehesten das essen, was im eigenen Garten wächst, oder das, was biologisch produziert ist. Dem vertraue ich schon noch, da wird strikt kontrolliert. Bei den vielen Betrügereien, die in den letzten Jahren bekannt wurden, ist Vertrauen auf eine funktionierende Kontrolle wichtig.

Von den Alpen-Gletschern bis in den Marianengraben kann man Pestizide nachweisen, weil sie durch Regenwasser, Wind und Staub dorthin getragen werden. Wie sauber kann da biologische Landwirtschaft in Nachbarschaft zu konventioneller Bewirtschaftung sein?

Das ist ein großes, wenig thematisiertes Problem. Eigentlich müsste man Bio-Regionen ausweisen – z.B. ganze Talschaften, wo dann nur mehr bio bewirtschaftet wird. Aber man kann den Leuten nicht vorschreiben, was sie tun sollen, auch wenn es der richtige Zugang wäre.

Wem schaden die Pestizide am meisten – abgesehen von den so genannten Schädlingen?

Ich mache mir Sorgen um die Landwirte, die das Zeug ausbringen. Bei uns gibt es zumindest strikte Regelungen – auch wenn sie nicht so streng kontrolliert werden. In anderen Ländern ist es noch viel schlimmer: Da tragen die Feldarbeiter keine Schutzkleidung oder sie können den Beipackzettel nicht lesen. Oft gibt es gar keinen Text auf den Großgebinden, wie man die Pestizide anwendet. Das ist zum Teil menschenverachtend, was da läuft.

Wie steht es um Konsumenten, Kinder oder chronisch Kranke?

Die Grenzwerte werden für durchschnittliche Erwachsene berechnet. Wir wissen von Medikamenten z.B., dass sie bei Frauen anders wirken als bei Männern; dass wir anders auf Umwelteinflüsse reagieren, wenn wir gestresst sind, als wenn wir pumperlgesund sind. So genannte Sicherheitsfaktoren werden bei den Grenzwerten zwar eingerechnet, aber wirklich getestet wird das an den Leuten nicht. Natürlich ist es extrem schwierig, eine Erkrankung kausal auf die Pestizide zurückzuführen. Aber wenn Parkinson eine anerkannte Berufskrankheit bei französischen Weinbauern ist, da kann ich doch nicht weitermachen wie bisher.

Verlassen wir uns auf unseriöse Grenzwerte?

Grenzwerte sagen nur etwas darüber aus, ob alles rechtlich in Ordnung ist. Sie sagen wenig über gesundheitliche Auswirkungen aus. Sie werden auch immer nur für Einzelstoffe festgelegt, aber nicht für die Vielzahl an Stoffen, die gleichzeitig eingesetzt werden. Eigentlich bräuchte man Summengrenzwerte. Problematisch ist auch, dass Grenzwerte wissenschaftlich überhaupt nicht belegt, sondern willkürlich festgelegt sind. Außerdem gibt es eben auch Wissenschafter, die sich von der Industrie kaufen lassen. Dafür gibt es gerichtskundige Beweise.

Ist ein kompletter Pestizid-Ausstieg nach 50 Jahren intensiver Nutzung möglich?

Pestizide sind nicht alternativenlos. Die Alternativen werden nur zu wenig ausprobiert – auch weil die chemische Keule so günstig und einfach ist. Wenn ich Landwirt bin und weiß, da gibt es Pestizide, wenn etwas schief geht, brauche ich mir keine Fruchtfolgen überlegen oder Grünstreifen anlegen etc. Der Öko-Landbau funktioniert aber auch – mit Bio-Pestiziden, die viel besser abbaubar sind und sparsam eingesetzt werden. Wir müssten das System umstellen. Was in den letzten 50 Jahren an Intensivierung gemacht wurde, hat ja auch Schädlinge und Krankheiten bei Pflanzen gefördert – diese große Schläge, diese Monokulturen, das Aufgeben von Brachen, von Hecken, wo sich eben Nützlinge angesiedelt hätten, die dann in den Feldern biologische Kontrolle hätten machen können. Das hat eine Pestizid-Tretmühle in Gang gebracht.

Pestizide bringen die Ökosysteme aus dem Gleichgewicht.

Die Gifte sind grundsätzlich dazu hergestellt, um Tiere und Pflanzen zu töten. Sie sind nicht so selektiv, dass sie zwischen Nützling und Schädling unterscheiden können. Man geht mit der Pestizid-Keule in das fragile, abgestimmte Wechselsystem zwischen den Organismen, das sich über Jahrmillionen eingependelt hat. Dann läuft das ganze Werkel nicht mehr rund: Wenn ich Herbizide einsetze und die Pflanzen wegspritze, haben die Vögel keine Samen mehr und die Bestäuber keine Blüten mehr, wovon sie den Nektar kriegen. Da kommt dann eins zum anderen. Das wirkt sich nicht zuletzt auf die Biodiversität aus.

Können Verbraucher mithelfen, Pestizide zu reduzieren?

Hände weg von Insektenstecker und Ameisenfalle, der Rasen muss auch kein Golfrasen sein. Der Apfel aus dem eigenen Garten kann ein paar Schorfflecken haben, was soll’s. Jeder Landwirt braucht einen Sachkundenachweis, wenn er Pestizide anwendet. Für Private gilt das nicht, schon eigenartig. Wenn ich Gesetzgeber wäre, würde ich Gifte im Privatbereich sofort verbieten – fertig!

Apropos Gesetzgeber. Sehen Sie einen politischen Willen zur Veränderung?

Es gibt durchaus Anzeichen – und praxiserprobte Konzepte: In anderen Ländern gibt es Pestizidsteuern oder wirkungsvolle Reduktionsprogramme. In Österreich bräuchte es klare Strategien und Ziele, die man abarbeiten kann – z.B. eine Pestizid-Verringerung um 30 Prozent in drei Jahren. Der Ausstieg aus der Pestizid-Tretmühle wäre nicht die Katastrophe, wir müssten uns nur umstellen.