Eva Brauns Gewand wird versteigert.

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Nazi-Kult
06/01/2016

Hitler-Objekte unter dem Hammer

Die Nachfrage nach NS-Relikten ist enorm. Jetzt soll eine ganze Sammlung versteigert werden.

von Daniela Davidovits, Gabriele Kuhn

Reichsmarschall Hermann Göring beendete sein Leben mit einer Blausäure-Kapsel. Die Messinghülle zu deren Aufbewahrung soll jetzt in einer umstrittenen Auktion versteigert werden, Rufpreis 25.000 Euro. Unter den Hammer kommen auch seine Jagdhose und Stiefel, Krawatten und Hosen von Adolf Hitler, Kleider von Eva Braun und besonders makabre Objekte: Teile der Stricke, mit denen der Österreicher Ernst Kaltenbrunner und andere Nazi-Größen am 16. Oktober 1946 in Nürnberg hingerichtet wurden. Das Münchner Auktionshaus Hermann Historica rechnet bei seiner Auktion am 18. Juni mit einem Erlös von 170.000 Euro, schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.

Ein US-Arzt bei den Nürnberger Prozessen

Zusammengetragen wurden die Stücke von John K. Lattimer, einem renommierten US-amerikanischen Arzt, der als junger Militärmediziner die Nürnberger Prozesse begleitete (siehe weiter unten). Später arbeitete er an der berühmten Columbia-Universität und obduzierte im Auftrag der Familie die Leiche von John F. Kennedy.

Das auf Militärgeschichte spezialisierte Auktionshaus hält sich allerdings bedeckt über die Lattimer-Sammlung und verweigert Journalisten sogar den Zugang zum Onlinekatalog. Eine Interviewanfrage wird abgelehnt, es kommt nur ein eMail: "Die Hermann Historica ist sich der verhängnisvollen deutschen Geschichte von 1933 bis 1945 völlig bewusst und lehnt alle neonazistischen und nationalsozialistischen Strömungen strikt ab."

Markt für Nazi-Objekte

Gegenstände mit Nazi-Vergangenheit finden nach wie vor Käufer, weiß Andreas Beham vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes: "Auf vielen Flohmärkten in Österreich werden Helme und Orden verkauft. Vor einigen Jahren ist es eskaliert, seit damals macht die Polizei Kontrollen." Untersagt sei Wiederbetätigung nur mit politischem Vorsatz und die Verwendung verbotener Zeichen wie des Hakenkreuzes und der SS-Runen, "aber das wird manchmal einfach überklebt", nennt er die Tricks der Verkäufer. Ein österreichischer Aktivist wurde verurteilt, weiß Beham: "Der ist selbst ein Neonazi und hat in Österreich, Deutschland und Italien mit Devotionalien gehandelt, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen und um damit Szene-Aktivitäten zu finanzieren. Es gibt auch Buchhandlungen, die seit Jahren einschlägige Bücher und Postkarten verkaufen."

Eine Nazi-Auktion in Paris wurde wegen vehementer Proteste abgesagt. Das Wiener Dorotheum würde die Finger davon lassen, betont Sprecherin Michaela Strebel: "Für uns sind Nazi-Objekte ein No-Go." Sie kennt das deutsche Auktionshaus: "So ein Thema ist immer ein Grenzbereich."

Missbrauch vermeiden

Im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien wird die Zeit von 1918 bis 1945 ausführlich dargestellt, um die historischen Zusammenhänge zu vermitteln, erklärt Direktor Christian Ortner: "Wir bekommen unsere Exponate meist durch Nachlässe und Schenkungen, weil die Eigentümer verhindern wollen, dass ihre Objekte missbräuchlich verwendet werden." Nazi-Devotionalien seien in ganz Europa gefragt und zählen zu den hochpreisigsten Antiquitäten. "Uniformen und Abzeichen werden daher sehr häufig gefälscht", weiß er. Zum Kundenkreis zählen nicht nur Alt- und Neonazis, betont Beham: "Es gibt international einen anhaltenden Hype um das Dritte Reich. Im arabischen Raum und sogar in Asien lebt der Hitler-Kult. Die Faszination des Bösen ist enorm."

John K. Lattimer war ein detailverliebter Sammler und Arzt

Hollywoodreif – kein anderes Wort könnte das Leben und Wirken des John Kingsley Lattimer (1914–2007) besser beschreiben.

Der Mediziner wurde nicht nur durch seine Arbeit als Leiter der urologischen Abteilung an der renommierten Columbia University bekannt oder aber durch so prominente Patienten wie Katharine Hepburn, Greta Garbo und Charles Lindbergh. Es war vor allem seine Faszination an historischen Objekten und die Liebe zum Detail, die ihn weltberühmt machten. Lattimer sammelte, und er sammelte viel – so viel, dass der gesamte dritte Stock seiner Villa in Englewood zu einer Art Museum wurde, wie die New York Times in ihrem Nachruf schrieb. Unter seinen Sammelobjekten fanden sich allerlei makabre Kuriositäten – etwa ein konserviertes Stück Penis, der Napoleon Bonaparte zugeordnet wurde, der blutgetränkte Kragen Abraham Lincolns sowie Röntgenaufnahmen Hitlers. Oder aber jener Messingbehälter für die Phiole mit Blausäure, mit der sich Hermann Göring vor seiner Hinrichtung umbrachte.

"Blick in den Abgrund"

Der Mediziner war bereits als Bub von Waffen fasziniert – später vertieft durch seinen Einsatz als Armeearzt während der Invasion der Normandie im Zweiten Weltkrieg, wo er medizinisches Personal trainierte und vielen US-Soldaten das Leben rettete. Die meisten Objekte aus der Kollektion "Hitler und die Nazi-Granden – ein Blick in den Abgrund des Bösen", die im Juni durch das Auktionshaus Hermann Historica unter den Hammer kommen, stammen aus der Zeit der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. Da war Lattimer für die medizinische Versorgung der Angeklagten verantwortlich. Wie er zu den Objekten kam, scheint rätselhaft, merkt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung an. Möglicherweise habe er die Gelegenheit genutzt, um an Habseligkeiten der Gefangenen zu kommen. Er war es, der die Leiche Görings nach dessen Suizid untersuchte, und er stellte den Tod aller hingerichteten Kriegsverbrecher fest. 1999 veröffentlichte Lattimer das Buch "Hitler’s Fatal Sickness and other Secrets of the Nazi Leaders" (Hitlers fatale Erkrankung und andere Geheimnisse der Nazi-Führer). Darin schrieb er nicht nur über die Betreuung der Inhaftierten und diverse medizinische Untersuchungsergebnisse, sondern nahm zu Hitlers möglicher Parkinson-Erkrankung Stellung.

Laut FAZ bekam das Münchner Auktionshaus Hermann die Sammlung von Lattimers Tochter Evan, die mit dem Erlös der Nazi-Relikte die Erbschaftssteuer finanzieren möchte.