Wissen und Gesundheit
02.05.2017

Migräne bei Kindern: "Wie ein Messer im Kopf"

Was können Eltern tun, wenn ihre Kinder unter starken Kopfschmerzen leiden?

Wenn Jonas mit seinen Kopfschmerzen aufwacht, spürt er einen fürchterlichen Druck hinter seiner Stirn. Instinktiv presst der Zehnjährige seine Hand dagegen, doch gegen den Schmerz hilft ihm gar nichts. Bei einer Migräneattacke braucht er ein verdunkeltes Zimmer, ein ruhiges Bett und Geduld. 90 Prozent der Zwölfjährigen klagen über Kopfschmerzen, bei 12 Prozent der Kinder ist es sogar Migräne, zeigen die erschreckenden Zahlen. Sogar Volksschulkinder leiden schon darunter. Eltern sollten diese Schmerzen nicht auf die leichte Schulter nehmen, sondern den Ursachen nachgehen. 15.000 solcher jungen Patienten hat Prof. Cicek Wöber-Bingöl als Leiterin der inzwischen geschlossenen Kinder-Kopfschmerz-Klinik des Wiener AKH behandelt, schätzt sie. "Bei vielen beginnt die Migräne in der Pubertät. Aber manche Kinder sind so klein, dass sie sich noch gar nicht richtig ausdrücken können. Die zeichnen ihren Kopf mit Messern, die hineinstechen."

Im Erstgespräch fragt sie genau nach: "Drückt es, hämmert es oder sticht es? Wo genau spürst du den Schmerz? Kannst du manchmal nicht so genau sehen? Bevor der Kopfschmerz kommt oder währenddessen?" Viele Muster der kindlichen Migräne sind ähnlich: Sie ist oft nach zwei bis vier Stunden vorbei, macht licht- oder lärmempfindlich und ist mit Übelkeit verbunden, erklärt sie. Doch nicht immer: Jonas’ Schmerzen dauern länger und kommen sogar in Serie, einmal zehn Tage lang.

Schmerztagebuch

Vor dem Gespräch mit der Neurologin müssen Eltern ihre Hausaufgaben erledigen und andere Ursachen ausschließen lassen. Manche stellen beim Augenarzt fest, dass ihr Kind nur eine Brille braucht. Der Hals-, Nasen-, Ohren-Arzt kann eine Nebenhöhlenentzündung als Ursache ausmachen. Da Jonas’ Schmerzen nachts beginnen, ist eine Magnetresonanz des Kopfes sinnvoll. Drei Monate müsste er auf einen Krankenkassen-Termin warten. Um 199 Euro kann man noch am selben Abend einen Tumor ausschließen.

Wer Migräne-Patienten nach ihren Erfahrungen fragt, bekommt vielfältige Tipps. Meist geht es ihnen darum, die Vorzeichen zu merken: "Erst nach zwanzig Jahren habe ich erkannt, dass sich eine Attacke bei mir mit kribbelnden Füßen ankündigt", so die kopfwehgeplagte Mutter zweier Migräne-Kinder. Anzeichen sind auch Sehstörungen oder Übelkeit.

Ein Schmerztagebuch soll helfen, die Muster besser zu erkennen. Wann und wie lange tut es weh? Wann hat das Kind gegessen, getrunken oder geschlafen? Eine allgemeine Diät schreiben die Experten nicht vor, man müsse jede Situation individuell betrachten. Nahrungsmittel, gegen die man eine Unverträglichkeit hat, können die Migräne triggern, also hervorrufen – so wie andere Belastungen von Körper und Seele.

Doch manchmal werden Auslöser und Anzeichen verwechselt, weiß Neurologin Marion Vigl: "Manche Kinder haben Tage vor der Migräne Heißhunger auf Schokolade. Die Eltern glauben, die Süßigkeiten lösen die Attacke aus. Dabei ist es ein Warnsignal des Körpers."

Zeit lassen

Ein wichtiger Faktor ist Stress, betont Wöber-Bingöl und fragt die Kinder, wie sie sich in der Schule fühlen. Sie erklärt, "dass ein Migräne-Hirn in der Früh nicht zu schnell von 0 auf 100 starten soll. Zwischen Aufwachen und Weggehen sollten 40 Minuten und ein Frühstück liegen, zumindest ein Glas Wasser und ein Glas Milch." Mit einem Glas Orangensaft und einer Banane sichert sie die Grundversorgung mit Mineralstoffen und Vitaminen, "Kinder brauchen keine Nahrungsergänzungsmittel."

Schmerzmittel will sie nicht vorschnell geben, weil Kinder leichtere Migräneattacken sogar verschlafen können. Doch manchmal geht es nicht anders – und keinesfalls ohne einen Arzt: "Schmerzsäfte wie Nureflex oder Parkemed haben in ihren Beipackzetteln die Dosis für normale Schmerzen angegeben. Bei einer Migräneattacke berechnet der Arzt eine höhere Menge." Der richtige Zeitpunkt ist wichtig: "Die Schmerzmittel helfen nur, wenn man sie gleich zu Beginn nimmt." Spezifischer wirken die Migräne-Medikamente Triptane als Tablette oder Spray, doch sie sind eigentlich erst für Kinder ab zwölf Jahren empfohlen.

Was ist Migräne?

Migräne ist eine Art von Kopfschmerzen, die genetisch angelegt und vererblich ist.
Man spürt sie nicht am ganzen Kopf, sondern meist nur auf einer Seite. Manchmal kommt eine Aura dazu, etwa Sehstörungen mit einer verschwommenen Zickzack-Linie.

Dem Kind erklären

Für Kinder ist es wichtig, die Krankheit zu verstehen. Im Internet gibt es dazu das YouTube-Video „ Migräne. Hab ich im Griff“. Ärzte empfehlen, dass Kinder selbst ihr Schmerztage- buch führen (z.B. Klinik Kiel www.schmerzklinik.de oder per Handy-App) sowie auf ihre Gewohnheiten achten.

Kinder reagieren gut auf alternative Behandlungen

Bei der Kindermigräne ziehen auch Schulmediziner ergänzende Methoden in Betracht. Bei einem Vortrag im Wiener Wilhelminenspital sprach der US-Psychologieprofessor Frank Andrasik ( Uni Memphis) über seine Erfahrungen mit Migränekindern. "Es ist ein Mythos, dass es sich einfach auswächst. Das ist oft nicht so." Bei Mädchen bleiben die Attacken nach der Pubertät eher bestehen als bei Buben. Mit Biofeedback bringt er Kindern Entspannungstechniken bei, die wie Medikamente wirken: "Wir beobachten auf Monitoren, was der Körper tut: Muskelspannung, Herzrate, Atemfrequenz. Kinder sind dabei offener als Erwachsenen, denn sie haben weniger Hemmschwellen gegenüber der Technik. Und sie erleben es wie ein Spiel." Man könne die Migräne nicht ganz eliminieren, aber Frequenz und Stärke fast auf die Hälfte reduzieren. "Die Zukunft wird Selbstmessung von Körperfunktionen mit Sensoren und Mobiltelefon sein."

Jede Entspannung hilft, Migräneattacken vorzubeugen: Sport, Physiotherapie gegen Verspannungen im Nacken- und Rückenbereich (wird von der Krankenkassa bezahlt), geregelte Essens- und Schlafenszeiten.

Auch HNO-Arzt Prof. Andreas Temmel setzt nicht nur auf Medikamente: "Es wurde nachgewiesen, dass Akupunktur auf der Stirn und neben der Nase so wirkt wie Nasentropfen. Ich kenne selbst ein Beispiel, bei dem ein auf fernöstliche Medizin spezialisierter Arzt einem Kind geholfen hat, das wegen Migräne fast ein Jahr zu Hause bleiben musste. Der hat erkannt, dass ein früherer Unfall noch nachwirkte."