Lärm-Belastung: Ruhe, bitte!

Wer zu sich finden möchte, braucht Momente der Stille.

In der Lärmkammer des Technischen Museums schreien sich die Schüler die Seele aus dem Leib. Hier dürfen sie laut sein. Vor der Tür des Kammerls steht Peter Payer, Historiker, Stadtforscher und Bereichsleiter Alltag & Umwelt im Museum. „Der Lärm in der Stadt hat eine nie dagewesene Dimension erreicht, wir nähern uns der Grenze des Erträglichen.“

Die Frage, was Lärm mit uns macht, ist nicht neu. Im späten 19. Jahrhundert klagten Bürger bereits über den Krach auf den Straßen, über die „Autler“, deren stinkende Automobile einen höllischen Krawall machten. 1908 wurde der erste Antilärmverein gegründet. Heute stöhnen Öffi-Fahrer über die Dauer-Telefoniererei in U- und Straßenbahn. Payer, nüchtern: „Die menschliche Stimme kehrt in den öffentlichen Raum zurück“. Und löst dort nach wie vor heftige, teils sogar gewalttätige Kontroversen aus.

Lärm-Belastung: Ruhe, bitte!
Peter Payer, Historiker und Stadtforscher
Die entscheidende Frage ist aber noch immer nicht beantwortet: Warum tun wir uns das an? Wir wissen, dass Lärm ein Umweltgift ist, dennoch wird es immer lauter.

Stadt-Stress

Lärm bedeutet Stress für den Organismus. Dieser führt zur Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol oder Adrenalin, die den Körper in Alarmbereitschaft versetzen. Es folgen Blutdruckanstieg, steigende Herz- und Atemfrequenz, vermehrte Muskelspannung, Erhöhung des Blutzuckerspiegels und Beeinträchtigung des Immunsystems (siehe Bericht unten).

Psychiater beobachten zudem, dass „Umwelt-Stressfaktoren“ an der wachsenden Zahl von psychischen Leiden mitschuld sind. „Für Menschen, deren Belastbarkeit reduziert ist, fehlen ökologische Nischen zur Erholung von Lärm“, sagt Peter Falkai, Direktor der Psychiatrischen Klinik München.

Auch die totale Stille wird nicht geschätzt, erläutert Payer, sondern als bedrückend empfunden, man fühlt sich verlassen. Mit tragbaren Abspielgeräten wie iPods könne man sich vor der gefürchteten Stille schützen oder vor den störenden Geräuschen der anderen abschirmen, „jeder trägt sein Geräusch mit sich herum“.

Im Großstadttreiben wird nicht die absolute, sondern „relative Ruhe“ gesucht, wie sie in Kirchen oder Bibliotheken herrscht, „wo man den Geist aktiviert und sonst nichts“, oder in Kunst-Museen, „die so angelegt sind, dass man andächtig die Ausstellung genießt“, sagt Payer.

Lärm ist schwer zu definieren: Ein tropfender Wasserhahn raubt uns den Schlaf, das lautere Meeresrauschen wird als beruhigend erlebt. Lärm ist aber auch positiv besetzt. Satte Motorengeräusche gelten als maskulin, das Pfeifen von Dampfmaschinen ist der Soundtrack des 19. Jahrhunderts. Die Klangwelt hat sich verändert. Der Anteil der Naturgeräusche war früher höher. Fuhrwerke, Viehtreiber, Fußgänger, Pferde und Ochsen beherrschten das Stadtbild. 2013 sind fast zwei Drittel der Geräusche maschinell.

Grazer Ruhe-Gebot

In der Steiermark versucht man es unterdessen mit „Ruhesymbolen“. Die kleben seit 2008 auf den Straßenbahnen und fordern zum Verzicht auf Telefonate während der Fahrt auf. Wie sagt die Öffentlichkeitsarbeiterin der Stadt so schön: „Es funktioniert, teils teils“. Auch ein Verbot würde nicht viel bringen. Um den Lärm zu besiegen, sind Forscher überzeugt, muss er an der Wurzel gepackt werden. Heißt: Ohne Selbstbeschränkung ist kein Sieg möglich.

Lärm ist das Geräusch der anderen“, notierte Kurt Tucholsky einst. Soll heißen: Lärm ist eine individuelle Empfindung. Der eigene Rasenmäher, die eigene Bohrmaschine wird als nützlich und nicht als störend empfunden. Beim Nachbarn schaut es da schon anders aus. Physikalisch messbar ist nicht Lärm, sondern Schall. Mediziner und Akustikforscher sind sich einig, dass ein erhöhter Geräuschpegel negative Folgen für die Gesundheit hat. Wer über einen längeren Zeitraum tagsüber einen Pegel von mehr als 65 dB und nachts von mehr als 55 dB ausgesetzt ist, der hat ein erhöhtes Risiko, Bluthochdruck und dadurch eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu entwickeln. Gehörschäden stellen sich ab einer Dauerbeschallung von 85 dB ein wie sie in Diskotheken vorkommt. Auch Bürolärm erzeugt Stress. Wenn mehrere Mitarbeiter gleichzeitig sprechen oder telefonieren, führt das zu Konzentrationsmangel, Müdigkeit und Aggressivität.

Fauna und Flora

Vögel ändern ihr Verhalten, wenn es laut wird. Sie singen lauter, um Verkehrs-Lärm zu übertönen. Fledermäuse stellen bei Störgeräuschen die Jagd nach Insekten ein. Nachtaktive Räuber wie Wildkatze, Marder oder Hermelin jagen nach Gehör. Bei störendem Lärm wird es für sie schwierig, Beute zu fangen.

Ein neues Forschungsfeld sind die indirekten Folgen des Lärms auf die Pflanzenwelt. Pflanzen brauchen Tiere, um ihren Bestäubungserfolg zu sichern und ihre Samen zu verbreiten. US-Forscher haben die Keimlingszahl von Piñon-Kiefern in North Carolina untersucht. Ergebnis: In leiser Umgebung keimen vier Mal so viele Bäumchen wie in lauten Biotopen. Ursache dafür: Wo es laut wird, steigt die Zahl der Mäuse, die gegen Lärm offenbar wenig empfindlich sind. Die lärm-sensiblen Eichelhäher hingegen nehmen ab. Sie wären aber wichtig, weil die Vögel einen Teil der Samen als Vorrat vergraben, berichtet das Fachblatt Proceedings of the Royal Society B.

120 Dezibel (dB). So laut sind die Tröten im Fußballstadium, die berühmt-berüchtigten Vuvuzelas erreichen beinahe die Lautstärke eines startenden Düsenjets und verursacht heftige Ohrenschmerzen. Noch lauter sind Trillerpfeifen (140 dB) und Silvesterknaller (160 dB), direkt neben dem Ohr. Sie können bleibende Hörschäden verursachen.

Gegen Flugzeuglärm wird an vielen Orten protestiert. Die Ingenieure suchen nach Lösungen und finden sie in der Tierwelt. Die gezackten Flügel der Eulen mit ihrem weichen Flaum an der Unterseite machen die Mäusejäger so leise, dass ihre Beute sie nicht anrauschen hört. Auch die Vertiefungen in der Haut der Haie hat es den Planern bei Boeing und Airbus angetan. Dellen sorgen dafür, dass die Luft nicht an der Außenhaut kleben bleibt und die nachdrängenden Luftschichten über sie stolpern. So können Haie ihre Opfer bei hoher Geschwindigkeit überraschen ohne Lärm zu machen. In der Stadt entstehen neue Oasen der Ruhe. Gestresste Städter flüchten in den Kosmetik-Salon Ruheraum in der Salesianergasse in Wien 3. Alexandra John hebt während der Behandlungen bewusst das Telefon nicht ab und macht niemandem auf (www.derruheraum.at). Der nächste Aktions-Tag gegen Lärm in Österreich ist am 20. April (www.oeal.at).Also bitte, pst.

Kommentare