Wissen und Gesundheit
25.06.2017

Keine Angst vor der Darmspiegelung

Darmkrebs ist die einzige Tumorart, bei der man die Entstehung von Frühformen verhindern kann.

Friedrich A. Weiser ist Facharzt für Chirurgie in Wien (Gruppenpraxis Medico Chirurgicum), allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger.

KURIER: Was bringt die Darmspiegelung ab dem 50. Lebensjahr tatsächlich?

Friedrich A. Weiser: Bei neun von zehn Patienten entsteht der Tumor aus gutartigen Darmpolypen (Schleimhautwucherungen). Erkennt und entfernt man diese rechtzeitig mithilfe eines Koloskops (biegsamer Kunststoffschlauch mit einer kleinen Kamera an der Spitze, durch den die medizinischen Instrumente vorgeschoben werden), sind die Chancen gut, diese lebensgefährliche Erkrankung nie zu bekommen. Darmkrebs ist die einzige Tumorart, bei der man die Entstehung von Frühformen verhindern kann. Denn es dauert in der Regel rund zehn Jahre, bis aus einem Polypen ein bösartiges Gewächs entsteht.

Viele Menschen haben aber nach wie vor Bedenken.

Ängste sind heute wirklich unbegründet. Durch Sedoanalgesie – eine Art Dämmerschlaf – ist die Untersuchung schmerzfrei. Wird das Präparat Propofol eingesetzt, was häufig der Fall ist, muss eine zweite Person – ein Arzt oder speziell ausgebildetes Pflegepersonal – die Sauerstoffsättigung des Blutes, die Herzfrequenz und den Blutdruck überwachen.

Damit kann eine theoretisch mögliche Verlangsamung der Atmung erkannt und die intravenöse Verabreichung von Propofol gestoppt werden. Innerhalb weniger Minuten lässt dann die Wirkung nach. Bei einer Darmspiegelung wird Propofol außerdem nur in einer sehr geringen Dosis eingesetzt.

Und das Risiko einer Blutung bzw. einer Verletzung der Darmwand?

Das Risiko einer Blutung beim Abtragen eines Polypen mittels Schlinge und Strom beträgt 0,8 Prozent (ein Patient von 125), ist aber sehr gut beherrschbar. Die Blutung kann mit Clips und mit Verschorfung durch Strom leicht gestoppt werden. Das Risiko eines Durchstoßens der Darmwand ist noch viel geringer und liegt bei 0,09 Prozent (ein Patient von 1111). Ein Risiko besteht besonders bei älteren Frauen nach Gebärmutteroperationen, die Verwachsungen haben. Hier verwendet man vorsorglich ein kleineres Kinderkoloskop.

Ist ein neuer Stuhltest eine Alternative?

Der bisherige Stuhltest erkannte verstecktes Blut – reagierte aber auch auf Lebensmittel wie z. B. Blutwurst, weshalb man vor der Anwendung Diät halten musste. Ein neuerer Test (iFOBT) weist das Hämoglobin – den roten Blutfarbstoff – indirekt über Antikörper nach. Er ist deutlich genauer, eine Verfälschung durch Lebensmittel ist nicht möglich.

Allerdings können nicht blutende Polypen und nicht blutende Adenome (Gewächse die bereits Zellveränderungen in unterschiedlichem Ausmaß aufweisen, die aber noch nicht bösartig sind) nicht erkannt werden. Deshalb ist auch dieser Test kein Ersatz für die Koloskopie.

Buchtipp: F. Weiser, M. Ferlitsch, G. Slavka: " Darmkrebs: Vorbeugen – Erkennen – Behandeln", Verlagshaus der Ärzte, 14,90 Euro