Wissen und Gesundheit
03.09.2017

Katastrophensommer: Ist das jetzt der Klimawandel?

Hurrikan Harvey, der Bergsturz in Bondo, verheerende Regenfälle und Muren weltweit: Ist der Klimawandel für diese Wetterkapriolen verantwortlich?

Dieser Tage sah man sich an höchster Stelle genötigt, die Stimme zu erheben: Alle, die in besonderer Verantwortung stehen, sollten "den Schrei der Erde und den Schrei der Armen, die am meisten durch Umweltzerstörung betroffen sind, hören", mahnte Papst Franziskus bei der Generalaudienz am Petersplatz in Rom.

Und da war noch nicht einmal klar, wie groß die Zerstörungswut von Hurrikan Harvey tatsächlich sein würde. Klar, US-Präsident Donald Trump richtet das Augenmerk auf die Rettungseinsätze. Klimaschutz als Sturm-Prävention? Kein Thema!

Dabei kamen die Fluten in Texas alles andere als plötzlich. Längst sind Stürme und Überschwemmungen für den südlichen Bundesstaat Routine: Schon 2015 und 2016 stand man unter Wasser, 76 Prozent der Texaner waren betroffen. Künftig könnten es durch den Klimawandel noch mehr sein. 123 Millionen Menschen leben in den USA in Küstennähe. Bis 2035 seien 170 Gemeinden von chronischer Überschwemmung bedroht, schätzt die Organisation Union of Concerned Scientists. Bis 2060 seien es 270.

Golf von Mexico

Der Golf von Mexico als potenzieller Klimawandel-Hotspot? Dass Ereignisse wie Harvey jetzt öfter passieren werden, glaubt auch Michael Staudinger. Auf die Frage, ob das jetzt der Klimawandel sei, sagt der Direktor der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik: "Es ist ein Element. Klimamodelle sagten vorher, dass Hurrikans im Atlantik häufiger werden." Schließlich sei der Golf von Mexico in den vergangenen Jahren um ein Grad wärmer geworden. Klingt wenig, doch die Erderwärmung führt zu einer feuchteren Erdatmosphäre, weil wärmere Luft mehr Wasserdampf aufnehmen kann. Dadurch bringen Wirbelstürme mehr Regen als früher. Meteorologe Staudinger: "In der Nähe von Houston sind jetzt zum Beispiel mehr als 1100 mm Niederschlag gefallen." Zum Vergleich: "Das ist ungefähr die Jahresmenge in vielen Orten in Österreich."

Verheerender

Wissenschafter sind sich ziemlich sicher, dass Hurrikane, Zyklone und Taifune durch die Erderwärmung zwar nicht häufiger, aber verheerender werden. Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) bringt es auf den Punkt: Harvey sei nicht durch den Klimawandel verursacht worden, aber "seine Auswirkungen – die Sturmflut und vor allem die extremen Regenmengen – wurden sehr wahrscheinlich durch die vom Menschen verursachte globale Erwärmung verschlimmert". Und Staudinger ergänzt: "Man rechnet damit, dass die Häufigkeit der Hurrikans der Kategorie 4 und 5 bis zum Jahr 2100 um den Faktor zwei zunimmt."

Weitgehende Einigkeit herrscht in der Wissenschaft auch darüber, dass der Anstieg der Meeresspiegel durch den Klimawandel die Folgen schwerer Stürme verstärkt. Denn je höher der Meeresspiegel, desto schneller werden Küstenstädte überschwemmt. Ein simples Beispiel: Hätte der verheerende Hurrikan Sandy nicht 2012, sondern ein Jahrhundert früher gewütet, wäre Manhattan wohl nie überflutet worden – damals lag der Meeresspiegel etwa 30 Zentimeter niedriger.

Wer das Jahr 2017 mit Fokus auf den Klimawandel betrachtet, findet rasch viele verdächtige Ereignisse: Starke Hagelschauer verwüsteten ganze Urlaubsregionen an der Adria. Verheerende Waldbrände brachten Feuerwehren in Italien, Portugal, Frankreich und Korsika an ihre Grenzen. Mariazell versank Ende April meterhoch im Schnee, während das Eis des Larsen-C-Schelf in der Antarktis so instabil wurde, dass es brach.

Wetter vs. Klima

Wissenschafter warnen zwar ständig davor, Wetterkapriolen nicht mit dem Klimawandel in Verbindung zu bringen. Allerdings: Hellhörig ist man allemal. Nehmen wir nur den Fall des Bergunglücks in Salzburg, bei dem unlängst eine ganze Seilschaft abgestürzt ist. "Der Gletscher war blank und mit einem aus Firn nicht zu vergleichen", sagt Staudinger. Natürlich habe es früher auch blanke Gletscher gegeben, aber nur kurz und nicht über den ganzen Sommer. "Wenn der Gletscher von Ende Juni bis Ende August blank ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand darauf ausrutscht, natürlich größer."

Der Bergsturz über dem Schweizer Dorf Bando ist dagegen ziemlich sicher dem Klimawandel geschuldet – dem schwindenden Permafrost, um genau zu sein. 2080 wird der zum Beispiel auf der Zugspitze verschwunden sein, haben Forscher errechnet. Staudinger: "Das ist in Österreich ähnlich. Die Permafrostgrenze liegt derzeit auf 2500 Meter Höhe und wird in den nächsten 20 bis 30 Jahren auf 2900 Meter steigen. Überall dort, wo die geologische Struktur so ist, dass der Permafrost alles zusammenhält, gibt es riesige Probleme mit der Stabilität. Felsstürze wird es also häufig geben", sagt der ZAMG-Chef. Österreich habe aber einen Vorteil: Es wurde nicht so nahe an exponierte Stellen heran gebaut wie in der Schweiz.

Dringender Handlungsbedarf

Kein Wunder also, dass das Umweltbundesamt in seinem am Donnerstag vorgelegten Klimaschutzbericht 2017 "dringenden Handlungsbedarf" für Österreich sieht: "Um die Ziele für 2030 und 2050 (weitgehender Verzicht auf fossile Energieträger) zu erreichen, ist ein weitreichender Wandel von Gesellschaft und Wirtschaft notwendig."

Ein Schelm, der jetzt denkt, Österreich sei ähnlich Klimawandel-resistent wie die USA. Dort meint Trump noch immer, Klimaschutzmaßnahmen würden Jobs kosten. Dass der Klimawandel Katastrophen verursachen und dadurch der Wirtschaft seines Landes große Schäden zufügen kann, erkennt er offenbar nicht.

P.S. Das Karlsruher Institut für Technologie hat die Schäden, die Harvey allein in Texas angerichtet hat, errechnet: Mit 58 Milliarden US-Dollar gehört Harvey zu den zehn teuersten Naturkatastrophen seit 1990.

Vier Hitzeperioden in einem einzigen Sommer; kaum Regen von Mai bis Juli. „Das halten die Fichten nicht aus.“ Werner Koch, Leiter des Forstreviers Eisenbergeramt nördlich von Krems, das zu den Österreichischen Bundesforsten (ÖBf) gehört, steht kopfschüttelnd vor dem x-ten „Käferloch“ in seinem Forst. Der Borkenkäfer frisst sich von einer Fichte zur nächsten, die, durch die Hitze geschwächt, dem Schädling keinen Widerstand leisten kann. Die Folge: Befallene Bäume müssen rasch aus dem Wald entfernt werden. Zurück bleiben baumfreie Flächen, die Käferlöcher eben.
Heuer hat Koch schon mehr Käferschadholz wegräumen müssen als er regulär an Holz ernten wollte. Durchschnittlich fünf Euro mehr kostet ihn das, die Preise für Schadholz aber sind schlechter. „Als ich 1998 das Revier übernommen habe, lag der Niederschlag im Durchschnitt bei 650 Millimeter, jetzt bei 500 Millimeter pro Quadratmeter“, sagt Koch.


Ein Stückchen weiter südlich, auf den Hängen zum Kremstal, ist die Lage noch dramatischer. Dort sterben nicht nur die Fichten. Auch Laubbäume werfen schon ihre Blätter ab. Die rotbraunen Verfärbungen des Waldes zeigen das deutlich. Kein Wunder: Die durchschnittliche Niederschlagsmenge beträgt hier nur noch rund 300 Millimeter. „Das ist fast so wenig wie in der Sahelzone“, erklärt Bernhard Funcke, Leiter des ÖBf-Forstbetriebs Waldviertel-Voralpen. „Das kontinentale Klima des Weinviertels schiebt sich ins Waldviertel hinein, Stürme nehmen zu, die Niederschläge fallen vermehrt im Winterhalbjahr, die Sommer werden noch trockener“, fasst er die spürbare Klimaveränderung zusammen. Im Gebiet Waldviertel-Voralpen sei es in den vergangenen 40 Jahren bereits um ein Grad wärmer geworden.
Die Bäume leiden nicht nur unter der Trockenheit, die den Harzfluss zur Abdeckung von Schadstellen verringere, sondern auch unter den Stürmen. Sie reißen die Feinwurzeln ab, die zur Wasseraufnahme benötigt werden. Und wenn es regnet, kühlt es oft zu wenig ab. „Der Baum kann gar nicht so viel Wasser aufnehmen, wie er über das Blattwerk ausschwitzt“, erklärt der Chef der ÖBf, Rudolf Freidhager.

Wald im Umbau

Freidhagers Aufgabe ist es nun, den Wald so zu erneuern, dass er dem heißeren Klima standhält. „Vielfalt ist das Zauberwort“, sagt er. Fichten wird es im Waldviertel künftig viel seltener geben. Stattdessen setzt er auf eine Mischung aus Tannen, Douglasien und Laubbäumen wie Eiche oder Buche. „Das Landschaftsbild des Waldviertels wird jedenfalls in zehn, 20 Jahren völlig anders aussehen als heute“, sagt er.
Freidhager muss sich dabei nicht auf Versuch und Irrtum verlassen, sondern kann auf ein „Waldlabor“ zurückgreifen. So nennt er das Aufforstungsgebiet in Weinzierl bei Wieselburg. Dort hat vor mehr als 40 Jahren ein Sturm ein riesiges Waldgebiet zerstört. Und damals hat der dortige Forst-Chef keine Fichten mehr gepflanzt, sondern Eichen, Douglasien, Tannen und Buchen.
In diesem „Versuchswald“ ist auch einiges schief gegangen. Die Eichen etwa sind nicht so richtig hoch gekommen. „Daraus können wir nun lernen“, erklärt Freidhager. Douglasien wachsen schnell und nehmen langsamer wachsenden Bäumen das Licht. Daher lassen die ÖBf heute zum Beispiel Eichen einige Jahre Wachstums-Vorsprung und setzen erst dann Douglasien dazwischen.
Am liebsten ist dem ÖBf-Chef, wenn sich der Wald natürlich verjüngt – zum Beispiel aus Tannensamen Bäume wachsen. Tannen wären auch widerstandsfähiger als Fichten. Aber: Es gibt zu viel Wild, weil Hobbyjäger gerne große Auswahl haben. Und das Wild liebt nichts mehr als junge Tannen. Die ÖBf wollen die Jagd nun selbst in die Hand nehmen und Berufsjäger anstellen. Jagdpachtverträge laufen sukzessive aus – außer der Pächter hält die Jagdregeln der ÖBf ein.

Vielfalt der Natur versus Reduktion auf hoch effiziente, also rasch wachsende und wirtschaftlich gut verwertbare Baumarten. Das ist der Zwiespalt, in dem sich die Problematik der Genetik abspielt.
Für die Österreichischen Bundesforste ist die Antwort allerdings klar. „Wir setzen auf Vielfalt“, sagt ÖBf-Chef Rudolf Freidhager. Vor 40 Jahren wurden 55 Hektar Samenplantagen mit zehn Baumarten angelegt. Und dazu haben die ÖBf 1536 anerkannte Samenbestände in ihren Wäldern in ganz Österreich. „Damit decken wir nicht nur unseren Bedarf zur Gänze ab, sondern sichern auch die Vielfalt der im Klimawandel benötigten Baumarten“, erklärt Freidhager. Andere Länder, etwa die Skandinavier, machen es anders. Sie setzen auf effiziente Baumarten und haben den Genpool stark reduziert.
Das könne auch schief gehen, betont Bernhard Juncker, Leiter des Forstbetriebs Waldviertel-Voralpen. Beispiel: die so genannte Christbaumtanne. Sie sei gut und schnell gewachsen. Aber nach 40 Jahren sei der Bestand plötzlich abgestorben. Der Grund sei nicht bekannt. Bei der Baumgenetik hat sich auch eines herausgestellt: Es müsse nicht sein, dass die Samen eines besonders starken und gut wachsenden Baumes auch in anderen Regionen derart gut wachsen, sagt Juncker. Die Umwelt habe einigen Einfluss darauf, wie sich genetisch an sich gleiche Samen entwickelten. Also bleibt doch ein bisschen Versuch und Irrtum übrig.