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Wissen
03/11/2019

Je näher am Menschen, desto "kulturloser" der Schimpanse

Die Menschenaffen geben Gewohnheiten an die nächste Generation weiter. Eigentlich. Warum das nicht mehr so ist.

von Hedwig Derka

Das Forschungs-Camp in der Demokratischen Republik Kongo musste aus Sicherheitsgründen aufgegeben werden, Rebellen hatten die Zelte niedergebrannt. Manch anderes Lager wurde geräumt, bevor die Arbeit richtig begonnen hatte. Die Population der Schimpansen war dort zu klein, um seriöse Schlüsse zuzulassen. Rund 50 Standorte im mittleren Afrika – verstreut über 15 Länder – blieben. Hier sammelten geschulte Volontäre im Jahreslauf, bei Regen- wie bei Trockenzeit, Material über die affigen Dschungel- und Savannenbewohner.

In bis zu 80  großen Gebieten installierten sie Kameras, setzten sich auf die Lauer und schickten Daten nach Deutschland. Neun Jahre lang. Ihr Ergebnis: Der Mensch ist Schuld, dass seine nächsten Verwandten kulturelle Vielfalt einbüßen.

Viele Fähigkeiten

„Natürlich wurde schon sehr viel über das Verhalten von Tieren geforscht. Was unsere Studie so besonders macht, ist der umfangreiche Datensatz“, sagt Erstautor Hjalmar Kühl. Unter seiner Leitung dokumentierten Wissenschafter des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig sowie des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung 31 Verhaltensweisen von frei lebenden Schimpansen. Mit ergänzender Literatur zur Feldforschung konnten sie 144 Gruppen erfassen – nahezu aus dem gesamten Verbreitungsgebiet der Pan – so der wissenschaftliche Name für Schimpansen: Hier knacken sie Nüsse mit Steinen, dort nutzen sie Tümpel zum Bad. Da stochern sie mit Halmen in Termitenhügeln oder angeln im Wasser nach Algen, dort graben sie mit Stöcken nach Knollen und verjagen Leoparden mit Speeren.

„Wir wollten begreifen, wie ein großes bzw. kleines Verhaltensrepertoire entsteht. Es ist ein Fenster in die evolutionäre Vergangenheit – auch des Menschen“, sagt Kühl. Und so verglichen die Forscher die Gewohnheiten von Schimpansen, die massiven Störungen und Umweltveränderungen durch den Menschen ausgesetzt sind, mit jenen von Tieren, die weitgehend ohne menschliche Bedrohung leben. Sie berücksichtigten die Bevölkerungszahlen vor Ort, das Straßennetz, Flüsse, Waldbestände und Landnutzung.

Wenig Möglichkeiten

„Im Durchschnitt ist die Verhaltensvielfalt der Schimpansen an Orten mit dem stärksten menschlichen Einfluss um 88 Prozent reduziert“, fasst der Primatologe zusammen. Die Gründe für den Verlust an Strategien ist ebenso logisch, wie die Prozent-Rechnung „einfach“ ist: Je weniger Individuen, desto weniger Ideen, desto weniger Austausch mit Artgenossen, desto weniger Möglichkeiten zur Weitergabe an die nächste Generation.

Teilen Straßen den Lebensraum von Schimpansengruppen, bleiben Verhaltensweisen auf der Strecke. Lockt das laute Knacken von Nüssen Wilderer an, vermeiden die intelligenten Tiere diese Art der Nahrungsbeschaffung. Bringt der Klimawandel die Vegetation durcheinandern und Nüsse reifen über längere Zeit nicht, gerät die Technik des Schalenöffnens mit Hammer und Ambos ebenfalls in Vergessenheit.

„Es ist eine Kombination aus verschiedenen Mechanismen, die Schimpansen enorm unter Druck setzt“, sagt Kühl und fordert: „Die Strategien zur Erhaltung der Biodiversität sollten auf den Schutz der Verhaltensdiversität von Tieren ausgedehnt werden.“ Es reicht nicht, eine Art vor dem Aussterben zu retten oder die genetische Vielfalt zu bewahren, es gelte vielmehr, Kulturen zu erhalten. Ökologe Hjalmar Kühl: „Orte mit außergewöhnlichen Verhaltensweisen können als ,Schimpansen-Kulturerbe‘ geschützt werden. Dieses Konzept kann auch auf andere Arten mit hoher kultureller Variabilität ausgedehnt werden – auf Vögel, Orang-Utans, Wale oder Kapuzineraffen.“

Gemeiner Schimpanse – Pan troglodytes

Intelligenzbestie: Schimpansen sind die menschlichsten Tiere. Sie hocken gerne beisammen und unterhalten, streiten oder bekämpfen sich. Sie schneiden Grimassen, erkennen sich im Spiegel und passen sich an. Sie kommunizieren lautstark und mit visuellen Signalen. Sie beschaffen sich trickreich Nahrung – wenn nötig mit Werkzeug. Im Alter werden sie grau.


Kulturerbe: Die Gewohnheiten von „Pan troglodytes“ sind außergewöhnlich vielfältig. Das allein fällt für Biologen nicht unter den Begriff „Kultur“. Maßgeblich ist, dass die Affen ihre Verhaltensweisen durch soziales Lernen weitergeben – untereinander und an ihre Nachkommen – und dass sich ihr Repertoire regional von Population zu Population unterscheidet.

Primaten in Zahlen

98 Prozentdes Erbguts von Schimpansen stimmen mit jenem von Menschen überein.

300 Tausend Schimpansen gibt es derzeit maximal. Die Primaten sind als „stark gefährdet“ eingestuft.

4 Unterarten  von Schimpansen leben in Afrika – in Gemeinschaften von bis zu 80 Tieren.