Gennady Borisov mit seinem Teleskop

© Privat/Gennady Borisov

Wissen
09/22/2019

Astronomie: Ein Komet von einem fernen Stern entdeckt

Der Ukrainer Gennady Borisov entdeckte einen interstellaren Besucher. Nicht nur die Wissenschaft ist begeistert.

von Michael Jäger

Gennady Borisov ist ein glücklicher Mann: „Ich wollte einen einzigartigen Kometen entdecken. Ich hoffte, dass es ein heller sein würde. Aber es ist ein interstellarer Besucher. Das ist auch gut“, erzählt er dem KURIER.

Der Ukrainer ist nicht unbedingt der Mann der großen Worte. Das lichtschwache Objekt, das er Ende August zwischen Jupiter- und Marsbahn entdeckt hat, wird von Fachkreisen als Jahrhundertfund bezeichnet.

Der erste extrasolare Komet durchquert rasant unser Sonnensystem. Er ist mit der doppelten Geschwindigkeit der Voyager-Raumsonden (17 Kilometer pro Sekunde) unterwegs. Die Anziehungskraft der Sonne kann er damit locker überwinden. Doch woher kommt er? Wo geht er hin? Das sind zwei von vielen Fragen, die sich die Wissenschaft jetzt stellt.

Borisov

Der schlaue Amateur

Doch zurück zum Entdecker. Auch wenn Herr Borisov als Cheftechniker einer Sternwarte auf der geopolitisch heiklen Halbinsel Krim arbeitet, lebt er dort seinen ganz besonderen Traum. „Kometen zu finden, und zu entdecken, war seit meiner Kindheit mein Wunsch. Ich wollte mein eigenes Teleskop bauen. Ich habe viele Jahre daran gearbeitet und experimentiert“, fährt er fort.

Seine Familie unterstützt ihn dabei, wenn er nach eigenen Erzählungen 80 Nächte im Jahr nach Kometen sucht und tagsüber seine Aufnahmen auswertet.

Strategisch

Gennady Borisov geht strategisch vor: „Ich beobachte am Morgenhimmel vor Sonnenaufgang. In diesem Himmelsbereich gibt es eine bessere Chance, Kometen zu entdecken. Denn die großen Himmelsüberwachungsprogramme funktionieren dort nicht“, plaudert er Details aus seinem ungewöhnlichen Hobby aus.

Stimmt, die von den Amerikanern und Europäern (um Hunderte Millionen Euro) errichteten Großteleskope zur Himmelsüberwachung können konstruktionsbedingt nicht so tief am Horizont nach dem Unbekannten forschen wie es der schlaflose Herr Borisov kann.

 

In der Kometenszene ist der Techniker kein Unbekannter mehr. Mehrere schwache Schweifsterne hat er mit seinen selbst gebauten, lichtstarken Teleskopen aufgespürt. Mehr als zwei Jahre schliff und schweißte er am großen Astrografen, mit dem er nun das Objekt mit der Bezeichnung C/2019 Q4 fand. Der helle Schweifstern, der ihm zu Ruhm und Auftritten in den internationalen TV-Stationen verhelfen würde, blieb ihm aber bisher verwehrt. Mit seiner neuesten Entdeckung ist er aber trotzdem gefragter als je zuvor.

Nicht nur Herr Borisov ist gespannt, was die Berufsastronomen nun über sein Objekt herausfinden: „Jeder wartet auf gute Bilder von Hubble und die ersten Ergebnisse der Wissenschaft.“

Spektralaufnahmen

Letztere ließen nicht lange auf sich warten. Spektralaufnahmen zeigen keinen Unterschied zwischen Borisov und Objekten unseres Sonnensystems. Sind damit alle Kometen, die Wasser auf die Erde gebracht haben könnten, in unserer Milchstraße ähnlich zusammengesetzt? Astrophysiker Thomas Maindl von der Universitätssternwarte Wien wagt eine Antwort: „Es gibt Untersuchungen über Kometen in extrasolaren Sternen (ferne Sonnen). Man kann daher jetzt sagen, dass Kometen in Sonnensystemen üblich sind.“ Nicht festlegen will sich der Astronom auf die Aussage, ob im Universum alle Schweifsterne ähnlich zusammengesetzt sind: „Das wäre doch ein bisschen gewagt.“

Aus nächster Nähe

Warum die Astronomen kaum Zweifel an der Herkunft des Objekts haben, hängt mit seiner Geschwindigkeit zusammen. Haben sich die Wissenschafter nicht komplett vermessen, „dann kommt das Objekt von weit draußen“, erklärt Maindl. „Aktuell ist der Komet mit

33 Kilometer pro Sekunde (150.000 km/h) unterwegs. Das reicht, um das Sonnensystem wieder zu verlassen. Aber noch wichtiger als die Bahnbestimmung ist für die Wissenschaft die Frage nach den Bausteinen des Objekts. „Die chemische und Isotopenzusammensetzung kann Aufschluss über die Entstehung anderer Planetensysteme geben,“ fährt Maindl fort.

Der Besucher aus den Tiefen des Weltalls ist für die Astronomen ein Geschenk. Eine Reise zu den nächsten Sonnsystemen würde Zehntausende Jahre dauern, zu schwach sind die Antriebssysteme unserer Raumfahrzeuge.

Spekulation

Schon wird viel über die Herkunft des Borisov-Kometen spekuliert. Er muss kein interstellarer Wanderer aus den ganz fernen Gegenden der Milchstraße sein. „Möglicher Ursprung ist ein anderes Sonnensystem, das nahe an unserem vorbeigezogen ist“, sagt der Astronom. Zuletzt geschehen vor 50.000 Jahren, berichtet Maindl.

„Erst letzte Woche haben zwei Kolleginnen und ich einen Forschungsantrag eingereicht, der sich mit solch nahen Vorbeigängen von Sternen und den Folgen für das Sonnensystem und die Erde befasst“, schließt der Astronom das Gespräch ab.

Und Herr Borisov? Der bastelt bereits an seinem nächsten Teleskop. Auch macht er sich seine Gedanken über die Weiten des Weltalls: „Ich bin mir sicher, dass wir im Universum nicht alleine sind.“