Wissen und Gesundheit
15.05.2017

Hüfte und Knie: Wie Abnützungen heute erfolgreich behandelt werden

Arthrose: Immer öfter geht es auch ohne künstliches Gelenk, oder kann die Operation zeitlich lange hinausgeschoben werden: Bei der Behandlung von Knorpelschäden gibt es große Fortschritte.

Rund 40.000 Hüft- und Kniegelenke werden jährlich in Österreich implantiert. „Wir haben heute aber immer mehr Möglichkeiten im Vorfeld“, sagt Univ.-Prof. Reinhard Windhager. Leiter der Uni-Klinik für Orthopädie der MedUni Wien / AKH Wien. „In den vergangenen Jahren hat es bei der Behandlung von Knorpelschäden bei Hüft- und Kniegelenken enorme Fortschritte gegeben.“ Diese werden auch Thema bei einer großen Info-Veranstaltung am Dienstag (siehe auch unten) sein.

Vier wichtige Bereiche

Arthroskopische Verfahren:

Häufig besteht bei der Hüfte ein Missverhältnis zwischen Gelenkspfanne und Gelenkskopf. Wenn der Gelenkskopf am Übergang zum Gelenkshals Ausbuchtungen hat, kann es im Bereich des Pfannenrandes zu Einklemmungen kommen (Engpass-Syndrom oder Impingement). „Das führt aber zu einer Knorpelschädigung und Arthrose.“ Entfernt man diese mechanische Irritation im Rahmen einer minimalinvasiven Arthroskopie (das Gelenk kann mit Hilfe einer speziellen Optik auf einem Bildschirm von innen betrachtet werden), bedeutet das für die Patienten in der Regel eine große Erleichterung.

Minimalinvasive Operationen:

Bei minimalinvasiven Operationsverfahren wird kein Muskel mehr zerstört. „Wir gehen zwischen den Muskeln und Sehnen hindurch, dadurch ist die auch die Heilungsphase stark verkürzt.“ Auch Fasziengewebe (Bindegewebe) werde dabei nicht durchtrennt: „Die von den Faszien ausgehenden Reizzustände sind sehr quälend für die Patienten. Erst vor kurzem ist eine Patientin von mir am zweiten Tag nach einer minimalinvasiven OP nachhause gegangen.“

Knorpelregeneration:
Bei Knorpelschäden am Knie, aber auch der Hüfte transplantiert man zunehmend eine spezielle kollagenartige Struktur (Matrix), in die neue Zellen, die vom Knochen kommen, einwachsen können. „Das ist einfacher im Vergleich zur aufwendigen Zelltransplantation: Für diese muss man Zellen entnehmen, vier Wochen lang züchten und dann reimplantieren. Das sind zwei Eingriffe.“ Eine weitere Möglichkeit ist die Mikrofraktionierung: Der Knochen wird angebohrt, die Stammzellen setzen sich in den angebohrten Stellen fest und bauen Ersatzknorpel auf. Auch hier kann eine Kollagenstruktur den Knorpelaufbau unterstützen.

Verbesserte Implantate:
„Minimale Änderungen z. B. in der Gelenksgeometrie haben wesentliche Vorteile gebracht – der Bewegungsablauf wirkt viel natürlicher, die Mobilisierung geht schneller.“ Ein Trend sind, besonders im Kniebereich, Prothesen, die individuell angefertigt werden: „Welche Vorteile das wirklich bringt, lässt sich aber noch nicht abschließend sagen.“ Kürzere Schäfte bei Hüftgelenken seien einerseits eine vielversprechende Entwicklung, andererseits gebe es bei sehr kurzen Schäften ein erhöhtes Risiko der Instabilität und Lockerung. „Ein abschließendes Urteil ist noch nicht möglich.“

Im Alltag seien heute bereits 96 Prozent der Patienten beschwerdefrei. : „Früher waren Arzt und Patient zufrieden, wenn keine Schmerzmittel notwendig waren und die Patienten gut gehen konnten“, sagt Windhager. „Heute sind die Ansprüche der Patienten größer – sie wollen Sport betreiben, aktiv sein – und dabei die Hüfte oder das Knie vergessen.“

Warum Bewegung so wichtig ist

Und, was Windhager auch betont: Warum Bewegung so wichtig ist. "Viele glauben, sie müssen das Gelenk schonen, damit es sich nicht abnützt, aber genau das Gegenteil ist der Fall." Selbst dann, wenn Beschwerden vorhanden sind, sollte man versuchen, das Gelenk - etwa mit Schwimmen oder Radfahren - weiterhin in Bewegung zu halten. Damit kann man die Beschwerden reduzieren und eine Endoprothesenversorgung weiter hinaus schieben."

Bewegung führt zu einer lokalen Verbesserung des Stoffwechsels: "Entzündungsreaktionen, die als Folge der Gewebereparatur auftreten, können mit Bewegung reduziert werden. Stoffwechselprodukte, die in Folge der Entzündung gebildet werden, werden besser abtransportiert."

Die Veranstaltung am Dienstag

Info-Abend für Patienten: „Gelenke – schützen – reparieren – erhalten“ ist das Thema eines Info-Abends des Endoprothetikzentrums der Maximalversorgung der Uni-Klinik für Orthopädie der MedUni Wien / AKH Wien am Dienstag, 16.5., 15.30 bis 19 Uhr.

Die Themen der Vorträge der Spezialisten mehrerer MedUni-Kliniken reichen von Vorbeugung und Diagnose über Operation und Schmerztherapie bis zur Nachbehandlung.

Veranstaltungsort: Van-Swieten- Saal der MedUni Wien, Van- Swieten-Gasse 1a, 1090 Wien.

Moderne Prothesen und OP-Techniken machen es möglich

Was heute mit einer Gelenksprothese im Optimalfall alles möglich ist, zeigt das Beispiel von Ewald Jarz, 60: Im Dezember 2015 hat der Steirer am Grazer LKH-Uni-Klinikum auf der linken Seite ein neues Hüftgelenk bekommen und damit bereits 14.300 Kilometer mit seinem Rennrad zurückgelegt. „Seither habe ich keine Schmerzen mehr, davor waren sie sogar im Ruhezustand fast unerträglich.“

Für sportliche Patienten wie Jarz werden an der Grazer Uni-Klinik für Orthopädie und TraumatologieHüftgelenke verwendet, deren Kernstück ein bananenförmiger Kurzschaft ist. „Um ihn zu fixieren, braucht man weit weniger Knochensubstanz zu entfernen als für die bisher verwendeten Langschäfte notwendig gewesen ist“, erklärt Oberarzt Werner Maurer-Ertl, Leiter der Sektion Hüfte der Uni-Klinik für Orthopädie.

Vorteilhaft sei das vor allem bei jüngeren Patienten und Sportlern, die möglichst schnell wieder sportlich aktiv und in der Bewegung belastbar sein wollen. Ältere Patienten seien hingegen oft von Osteoporose betroffen, welche die Ausgangssituation für diese Art von Hüftprothese jedoch verschlechtere.

Ewald Jarz belegte übrigens bei einem Radmarathon vor kurzem sogar den dritten Platz, als 60-Jähriger in der Klasse der 18- bis 30-Jährigen – wäre er in selbiger offiziell gewertet worden.