Wissen | Gesundheit
15.05.2018

Wie viel Zucker soll in Ihren Pudding?

Handelsketten wollen die Zuckermengen in ihren Eigenmarken senken. Für Konsumentenschützer ein überfälliger erster Schritt.

Wie intensiv muss Süße wirklich sein? Kunden von Rewe International (konkret von Billa, Merkur, Adeg) sollen – bei einem Produkt – darüber abstimmen können: Ein Schoko-Pudding wird ab 17. Mai in einem Probier-Set in vier Varianten angeboten: In der Orginal-Rezeptur sowie mit minus 20, minus 30 und minus 40 Prozent Zucker. Bis 30. Juni könne dann abgestimmt werden, welches am besten schmeckt – dieses soll dann in den Handel kommen, so Vorstand Marcel Haraszti bei der Präsentation. Insgesamt soll in den kommenden zwei Jahren bei 200 Eigenmarken-Artikeln aus allen Produktgruppen der Zuckergehalt gesenkt werden. Der Prozentsatz der Reduktion werde von Produkt zu Produkt unterschiedlich sein, „aber 30 Prozent sind schon ein großer Erfolg“.

Bei Spar heißt es, dass „bereits bei 50 Produkten der Zuckergehalt reduziert wurde, weitere 300 sind in Arbeit“. Sprecherin Nicole Berkmann nennt zwei Beispiele: Das „Spar Natur*pur Bio-Joghurt Pfirsich-Marille enthielt ursprünglich 13 Gramm Zucker auf 100 g, "heute sind es nur noch 11,8 Gramm. „Und während durchschnittliche Eiscremen zwischen 23 und 25 Gramm Zucker auf 100 Gramm haben, kommt die Spar Vital Schokolade mit 10 Gramm aus“.

Kritikern, die etwa die Reduktion bei dem Fruchtjoghurt-Beispiel als zu gering bezeichnen, hält Berkmann entgegen: „Wir wollen die Kunden schrittweise an den geringeren Zuckergehalt gewöhnen, weil sie sonst auf andere Joghurts ausweichen.“

„Deshalb erreicht man auch mit einer generellen Zuckersteuer wie in Großbritannien rascher eine deutlichere Reduktion“, sagt die Ernährungswissenschaftlerin Birgit Beck vom Verein für Konsumenteninformation (VKI). Für sie haben die Reduktionsinitiativen zwei Seiten: „Es ist einerseits dringend notwendig und begrüßenswert, dass Handel und Hersteller hier aktiv werden. Es gibt angesichts der Übergewichts-Epidemie auch einen massiven Druck der EU in diese Richtung.“

Gleichzeitig müsse man aber auch kritisch sehen, „dass über Jahre hinweg der Zuckergehalt in vielen Produkten als Kaufanreiz sehr hoch gehalten wurde – und jetzt geht man langsam mit den Zuckermengen zurück. Das kann aber nur ein erster Schritt sein.“

„Radikal umbauen“

Auch der Grazer Stoffwechselexperte Univ.-Prof. Hermann Toplak spricht „von begrüßenswerten Initiativen“, aber die Sortiments müssten „radikal umgebaut werden, ohne Ausnahmen“. In England würden die Umsätze nicht zurückgehen: „Aber die Leute kaufen Produkte mit weniger Zucker.“

Beck betont auch die Notwendigkeit einer bewussten Lebensmittelauswahl: „Von hohen Zuckergehalten sind ja vor allem jene Produkte betroffen, die nur einen kleinen Teil der Ernährung ausmachen sollten.“ So falle ein Fruchtjoghurt streng genommen nicht unter die zwei bis drei Portionen Milchprodukte, die in der Ernährungspyramide täglich empfohlen werden – „sondern unter die Süßigkeiten“. Man müsse jetzt auch nicht auf alles verzichten, „aber es ist die Masse an Produkten, die Probleme macht. Limonade, Schokomüsli und Fruchtjoghurt – das ist einfach zu viel“.

Erst, wenn die Zuckerreduktion mehr als 30 % ausmacht – im Vergleich mit anderen Produkten derselben Kategorie – darf dies auf der Packung ausgelobt werden.

Übergewicht, Diabetes: Welche Rolle spielt Zucker?

Aus Sicht der Lebensmittelindustrie sei es nicht gerechtfertigt, ein Lebensmittel herauszugreifen: „Übergewicht ist insbesondere die Folge eines Ungleichgewichts von Kalorienaufnahme und Kalorienverbrauch“, hieß es bereits im Vorjahr in einer Aussendung.  Und Zucker trage zur Kalorienaufnahme ebenso bei wie der Verzehr anderer Kohlenhydrate, Fette oder Eiweiße.

„Nimmt jemand zu viele Kalorien auf und wird dadurch übergewichtig, ist das Diabetesrisiko  höher, wenn in dieser kalorienreichen  Ernährung der Zuckeranteil höher ist“, sagt Stoffwechselexperte Hermann Toplak, MedUni Graz. Vor allem die süßen Getränke – egal, ob natürliche Fruchtsüße oder gesüßte Getränke – spielen hier eine Rolle: „Sie werden ja zusätzlich zum Essen konsumiert.“  Auch bei der Deutschen Gesellschaft für  Ernährung (DGE) heißt es: „Neuere epidemiologische und experimentelle Studienergebnisse zeigen immer deutlicher, dass vor allem ein erhöhter Konsum zuckergesüßter Getränke mit einer Gewichtszunahme bzw. Adipositas verbunden ist.“

"Getrunkener Zucker macht nicht satt"

Dazu Beck: „Der getrunkene Zucker macht ja nicht satt, im Gegenteil: Fruktose hat einen negativen Einfluss auf das Sättigungsgefühl und kann das Verlangen nach Essen sogar noch erhöhen. Mit Bewegung kann man ein Zuviel an Zucker nicht immer ausgleichen. Wer etwa über den Tag verteilt einen Liter Cola, einen anderen Softdrink oder einen Fruchtsaft trinkt, nimmt damit 480 Kilokalorien zusätzlich auf – das entspricht einer kleinen Hauptmahlzeit.“

Toplak ergänzt: „Es ist ziemlich egal, ob Cola, Fruchtsaft oder Energy Drink: Sie sind alle sehr kalorienreich. Im Typenschein des Menschen steht als Treibstoff Wasser, getankt wird aber – im übersetzten Sinne – meistens Kerosin.“ Eine Devise der Österreichischen Diabetes-Gesellschaft lautet deshalb: „Wasser gegen Zucker statt Wasser mit Zucker.“