Wie Patienten in Österreich von neuen Krebs-Therapien profitieren
Spitzenforschung ist die Grundlage für die Entwicklung neuer Therapien gegen Krebs. Die Fortschritte der Wissenschaft in den vergangenen 15 Jahren waren enorm, aber auch in den kommenden Jahren werden weitere Durchbrüche erwartet.
Das Risiko, an einer Krebserkrankung zu versterben, wird in den kommenden Jahren weiter zurückgehen, zeigt eine Prognose der Statistik Austria. Ein wesentlicher Grund sind neue Therapien, die die Überlebenschancen verbessern, sagt Matthias Preusser, Leiter der Klinischen Abteilung für Onkologie von MedUni/AKH Wien anlässlich des heutigen Weltkrebstages.
„Wobei immer wirksamere Chemotherapien und präzisere Strahlentherapie Grundpfeiler der Therapie bleiben und ebenso wie verbesserte Operationsmethoden die Behandlungserfolge ebenfalls erhöhen.“
Ein Überblick über die neuen Therapiemöglichkeiten.
Immuntherapien:
Krebszellen können das Immunsystem blockieren und sich so vor dem Zugriff von Abwehrzellen „verstecken“, sagt Preusser. Spezielle Antikörper nehmen den Krebszellen diese „Tarnkappe“ weg.
Der Onkologe Matthias Preusser leitet die Klinische Abteilung für Onkologie der MedUni / AKH Wien.
„Es gibt mittlerweile sehr viele Zulassungen, etwa gegen schwarzen Hautkrebs, Krebs der Lunge, des Magens, der Leber, der Blase, des Gebärmutterhalses oder der Lymphdrüsen. Und wir haben viele neue Biomarker, messbare biologische Merkmale, die helfen, vorab einzuschätzen, welcher Patient auf eine Therapie ansprechen wird und welcher nicht.“ Kombinationen unterschiedlicher Immuntherapien erhöhen die Wirksamkeit noch zusätzlich.
- 409.000 Menschen lebten laut Statistik Austria Anfang 2025 mit einer Krebserkrankung in Österreich.
- Im Schnitt der Jahre 2019 bis 2023 stieg die Zahl der mit Krebs lebenden Menschen um knapp 9.000 Personen pro Jahr.
Seither zeigt sich eine stärkere Zunahme:
- 2024: plus rund 11.000 Personen.
- 2025: plus rund 12.000 Personen.
Dies ist vor allem eine Folge der Alterung der Gesellschaft. Gleichzeitig erhöht die seit Jahren rückläufige Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu sterben, die Zahl der mit Krebs lebenden Menschen zusätzlich, so die Statistik Austria.
„Die ersten Immuntherapien waren nur für eine Anwendung in einem späten Krankheitsstadium zugelassen. Jetzt gibt es aber vielversprechende Studiendaten für den Einsatz in früheren Stadien, in denen der Tumor noch keine Metastasen gebildet hat – das erhöht die Chance auf eine Heilung.“
Allerdings gibt es auch Tumorarten, gegen die es noch keine wirksamen Immuntherapien gibt, wie etwa den Bauchspeicheldrüsenkrebs oder das Glioblastom, der häufigste bösartige Hirntumor bei Erwachsenen: „Es wird aber intensiv daran geforscht.“
Dass Hoffnung auf Durchbrüche auch bei derzeit noch schwer behandelbaren Krebsarten bestehe, zeige das Beispiel des Melanoms, betont Preusser: „Vor fünfzehn Jahren waren die Überlebenschancen bei fortgeschrittenem schwarzen Hautkrebs ganz niedrig. 2011 wurde die erste Immuntherapie gegen das Melanom zugelassen. Es gibt Patienten, die seit dieser Zeit diese Therapie erhalten und heute noch am Leben sind.“
Zielgerichtete Therapien:
Ein Beispiel sind Verbindungen eines Antikörpers und eines Chemotherapeutikums („Antikörper-Wirkstoff-Konjugate“). Der Antikörper erkennt spezielle Eiweißmoleküle an der Oberfläche von Krebszellen und dockt an diese an. Das mittransportierte Chemotherapeutikum dringt in die Krebszellen ein.
„Der Antikörper ist sozusagen das trojanische Pferd, in dem nicht Soldaten, sondern die Chemotherapie versteckt ist. Sobald er den Wirkstoff zur Krebszelle gebracht hat, zerstört dieser die Krebszelle von innen – so wie die im hohlen Pferd versteckten griechischen Soldaten in Troja.“
Zulassungen gibt es bereits für bestimmte Brustkrebsformen, Lymphome oder Eierstockkrebs – weitere Einsatzgebiete sind absehbar.
„Der Antikörper ist sozusagen das trojanische Pferd, in dem nicht Soldaten, sondern die Chemotherapie versteckt ist."
Ein Forschungsteam um Matthias Preusser veröffentlichte 2025 eine Studie zur Therapie von Metastasen in den Hirnhäuten mit Antikörper-Chemotherapie-Kombinationen. Für diese schwerwiegende Komplikation besonders bei Brust- und Lungenkrebs gab es bisher wenig Therapien: „Die Lebenszeit vieler Patienten konnte deutlich verlängert werden.“
Zelltherapien:
Bei speziellen Blutkrebsarten (akute lymphatische Leukämie, bestimmte Lymphome, Multiples Myelom) kommt die CAR-T-Zelltherapie zum Einsatz. Aus dem Blut der Patienten werden Abwehrzellen (T-Zellen) gewonnen und im Labor gentechnisch so verändert, dass sie bestimmte Merkmale an der Oberfläche ihrer Krebszellen erkennen und diese damit zielgerichtet bekämpfen können.
Diese individuell „scharf“ gemachten Abwehrzellen werden den Patienten als Infusion zurückgegeben. „Ein Teil kann damit geheilt werden.“ Für „solide Tumore“ wie Darm- oder Lungenkrebs ist dieser Ansatz noch im Forschungsstadium.
Therapeutische Impfung:
Impfstoffe für bereits Erkrankte könnten künftig nach der Entfernung des Tumors oder nach der Chemo- und Strahlentherapie eingesetzt werden, um das Risiko eines Rückfalls zu reduzieren. „Es laufen viele Studien dazu.“
Eine Technologie sind mRNA-Impfstoffe, an denen die Entwickler der Covid-Vakzine bereits lange vor der Pandemie forschten. Die mRNA enthält den Bauplan für Eiweiße an der Oberfläche der Krebszellen. Sie sind meist einzigartig für den Tumor des Patienten. Nach der Impfung produzieren Zellen diese Moleküle.
„Das Immunsystem erkennt sie als fremd und bekämpft sie – und damit auch den Tumor“, sagt Preusser. Beim Melanom gibt es bereits Daten, dass eine mRNA-Impfung kombiniert mit einer Immuntherapie das Risiko für das Wiederauftreten von Krebs deutlich senken konnte. „Der erste mRNA-Krebsimpfstoff könnte in wenigen Jahren zugelassen werden.“
Personalisierung:
„Es geht immer mehr in die Richtung, Therapien an die biologischen Eigenschaften eines Tumors anzupassen“, sagt Preusser. Ein Beispiel: Im Rahmen einer österreichweiten Studie werden Zellen eines Tumors von Glioblastom-Patienten nach der Operation im Labor angezüchtet und mit 28 verschiedenen Wirkstoffen behandelt: „Auf diese Weise könnte in Zukunft das ideale Medikament für den individuellen Patienten identifiziert und so die Überlebenschancen deutlich verbessert werden.“
Es ist eine Größenordnung, die sich in Untersuchungen immer wieder zeigt: Knapp vier von zehn Krebserkrankungen haben eine Ursache, die vermeidbar wäre:
- Entweder individuell durch den Lebensstil (z. B. nicht Rauchen, wenig Alkohol),
- durch Maßnahmen zur Reduktion berufsbedingter Risiken wie langfristige Nachtarbeit oder Kontakt mit potenziell krebserregenden Substanzen,
- oder durch weniger umweltbedingte Belastungen wie eine Schadstoffbelastung der Atemluft.
- Der wichtigste vermeidbare Risikofaktor in Europa ist das Rauchen.
- Weitere potenzielle Krebs-Auslöser sind u. a. erhöhter Alkoholkonsum, ein hoher Body-Mass-Index, UV-Strahlung (Sonne, Solarien), einseitige Ernährung, Bewegungsmangel sowie Infektionen, etwa durch Humane Papillomviren (HPV). Diese können Gebärmutterhalskrebs auslösen. Die HPV-Impfung kann davor schützen.
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