HPV kann Rachenkrebs verursachen, Männer sind häufiger betroffen
KURIER: Es ist bekannt, dass eine Infektion mit Humanen Papillomaviren (HPV) zur Entstehung von Gebärmutterhalskrebs beitragen kann. Aber es gibt darüber hinaus auch einen Zusammenhang mit der Entstehung von Tumoren im Hals-Nasen-Ohren-Bereich.
Isabella Stanicz: Es ist eine sehr häufige Annahme, dass eine HPV-Infektion nur Gebärmutterhalskrebs verursacht. Aber tatsächlich kann sie auch andere Tumore verursachen, unter anderem im Mund-Rachenraum und dort besonders bei den Mandeln und am Zungengrund. Übertragen wird das Virus hier häufig durch Oralsex. Generell infizieren sich 70 bis 80 Prozent aller Menschen im Laufe des Lebens mit HPV, aber in den meisten Fällen heilt eine Infektion von selbst aus. HPV kann sich jedoch in der Rachenschleimhaut festsetzen, dort über Jahre die Schleimhautzellen verändern und die Entstehung von Krebs fördern. 1 bis 5 Prozent der Menschen haben eine langanhaltende Infektion mit dem Virustyp HPV16, meist ohne Symptome
Am Samstag, 31. Jänner 2026, von 10:00 bis 13:00 Uhr, lädt das Comprehensive Cancer Center (CCC) Vienna in den Van Swieten Saal der MedUni Wien (Van Swieten Gasse 1a, 1090 Wien) sowie online via Livestream zum Krebs-Vorsorgetag ein.
In Vorträgen und Gesprächsrunden mit Expertinnen und Experten der MedUni Wien und des AKH Wien – darunter auch Christian Singer – erfährt man, wie man sein persönliches Krebsrisiko besser einschätzen und gezielt senken können. Die Vortragenden stehen im Anschluss für Fragen zur Verfügung.
Zusätzlich wird eine kostenlose HPV-Impfung für alle 21- bis 29-Jährigen angeboten, die bereits eine Impfung erhalten haben.
Wie viele Betroffene in Österreich gibt es, die einen durch HPV verursachten HNO-Krebs haben?
Im Jahr 2023 wurden in Österreich rund 1.300 bösartige Tumore im Kopf-Hals-Bereich neu diagnostiziert – dazu zählen Tumoren an der Lippe, in der Mundhöhle und im Rachenraum. Über 70 Prozent davon betreffen Männer. Mehr als zwei Drittel der Rachentumore sind durch HPV verursacht. Zum Vergleich: In den USA werden jährlich etwa 44.000 HPV-assoziierte Krebsneuerkrankungen festgestellt, davon rund 19.000 bei Männern. Die häufigste Krebsform in diesem Zusammenhang bei Männern ist der Rachenkrebs.
Diese Zahlen wirken auf den ersten Blick vielleicht abstrakt. Doch im Unterschied zu Lungen- oder Brustkrebs betreffen Tumore im Rachenraum oft sehr schnell grundlegende Funktionen wie Sprechen, Schlucken und Atmen – also Dinge, die unseren Alltag unmittelbar und deutlich einschränken können, schnell mal auffallen und Lebensqualität beeinträchtigen.
Wichtig ist: Zwischen einer Infektion und dem Ausbruch eines HPV-bedingten Krebses können 20 bis 30 Jahre vergehen. Besonders gefährdet sind Menschen, bei denen die Infektion bestehen bleibt und das Virus nicht von selbst abheilt. Die meisten erkranken zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr, aber wir sehen auch einige, die deutlich jünger sind, also um die 40.
Warum sind Männer häufiger betroffen?
Wir wissen, dass Männer das Virus nach einer Infektion oft schlechter wieder loswerden als Frauen – der genaue Grund ist noch nicht ganz geklärt, vermutlich spielen Unterschiede im Immunsystem eine Rolle. Außerdem haben Männer im Durchschnitt mehr Sexualpartner im Laufe ihres Lebens und praktizieren häufiger Sexualkontakte, bei denen eine HPV-Übertragung möglich ist.
Es heißt ja, dass die Zahl der Fälle zunimmt. Warum ist das so? Und welche Risikofaktoren spielen eine Rolle?
Zum einen sind HPV-Infektionen insgesamt häufiger geworden. Das hängt damit zusammen, dass Menschen heute im Durchschnitt mehr Sexualpartner haben als frühere Generationen. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, sich mit HPV – und insbesondere mit dem Hochrisikotyp HPV16 – zu infizieren. Interessant ist aber auch, dass die klassischen Risikofaktoren für Kopf-Hals-Tumore, also Rauchen und Alkoholkonsum, inzwischen zurückgehen. Dadurch fällt der Anteil der HPV-bedingten Tumore heute deutlich stärker ins Gewicht als früher. Hinzu kommt, dass wir diese Erkrankungen inzwischen besser diagnostizieren und gezielt auf HPV testen. HPV-bedingter Rachenkrebs gilt als eigene Erkrankung mit einer eigenen Stadieneinteilung – im Gegensatz zu HPV-negativem Rachenkrebs.
Aber: Rauchen und Alkohol sind nach wie vor starke Risikofaktoren – und die Kombination ist besonders gefährlich. Der Unterschied ist: Bei HPV ist das Virus der Auslöser, das die Zellen gezielt verändert. Beim Rauchen hingegen wirken die Giftstoffe über Jahre direkt auf die Schleimhaut und schädigen das Erbgut der Zellen.
Gibt es Unterschiede in der Behandlung und Prognose von HPV-bedingten Tumoren im Vergleich zu Tumoren, die durch Rauchen und Alkohol entstehen?
Ja, die gibt es. HPV-bedingte Tumore sprechen im Allgemeinen besser auf die Behandlung an – sowohl auf Operationen als auch auf Bestrahlung und Chemotherapie – als Tumore, die durch Rauchen und Alkohol verursacht werden. Ein wichtiger Grund dafür liegt in der Biologie dieser Tumore: HPV-bedingte Krebszellen reagieren empfindlicher auf Strahlen und Chemotherapie, weil ihre Reparaturmechanismen im Inneren der Zellen weniger widerstandsfähig sind. Die Therapien können den Tumorzellen dadurch leichter Schaden zufügen.
Hinzu kommt, dass das Immunsystem HPV-bedingte Tumore oft besser erkennt, was die Wirkung der Behandlung unterstützt. Außerdem sind diese Tumore meist weniger aggressiv aufgebaut und weisen seltener ungünstige Gewebemerkmale auf, die das Risiko für Metastasen erhöhen. Ein weiterer Vorteil: HPV-bedingte Tumore treten häufig bei jüngeren Patienten auf, die gesünder sind und die Behandlung besser vertragen. Allerdings gilt: Wenn ein Patient sowohl einen HPV-bedingten Tumor hat als auch stark raucht und regelmäßig Alkohol konsumiert, hebt sich dieser prognostische Vorteil leider wieder auf.
Wie wird behandelt?
Das hängt vom Stadium der Erkrankung ab. Therapieoptionen sind sowohl eine Operation als auch Bestrahlung mit Chemotherapie. Bei frühen Stadien kommt eine Operation infrage – im Rachenraum wird dabei häufig ein roboterassistiertes Verfahren eingesetzt. Zusätzlich entfernt man meist die Lymphknoten am Hals, denn das ist der erste Abflussweg des Tumors und hier könnten sich Metastasen bilden.
Interessant ist, dass HPV-bedingte Tumore oft zuerst durch vergrößerte Lymphknoten am Hals auffallen – manchmal sogar als flüssigkeitsgefüllte, zystische Metastasen – während der eigentliche Tumor im Rachen klein ist.
Abgesehen von der Impfung – spielt Früherkennung eine Rolle?
Leider gibt es derzeit keine Screening-Methode für HPV-bedingten Rachenkrebs. Die beste Prävention ist aktuell die HPV-Impfung sowie der Verzicht auf Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum. Seit Ende 2006 ist die Impfung in Österreich verfügbar, seit 2014 im kostenfreien Kinderimpfprogramm enthalten.
Woran liegt es, dass die Impfbereitschaft nach wie vor eher gering ist?
Der Hauptgrund ist, dass HPV lange als "Frauenthema" galt und vor allem mit der Vermeidung von Gebärmutterhalskrebs in Verbindung gebracht wurde. Vielen Buben und Männern war nicht bewusst, dass HPV auch sie betrifft. Anfangs lag der Fokus darauf, Männer zu impfen, damit sie das Virus nicht übertragen – nicht darauf, sie selbst zu schützen.
Auch die ärztliche Empfehlung spielt eine Rolle – wer von seinem Arzt darauf hingewiesen wird, lässt sich eher impfen. Dazu kommen generelle Impfskepsis in Österreich, organisatorische Hürden und Kosten. Lange Zeit wurden die Impfkosten nicht übernommen, selbst heute gilt die Gratisregelung nur für bestimmte Altersgruppen. Außerdem waren es früher drei Teilimpfungen, heute sind es zwei – das ist einfacher, aber viele junge Erwachsene schrecken die Kosten von mehreren hundert Euro immer noch ab. Die Impfung ist vom 9. bis zum vollendeten 21. Lebensjahr gratis. Kürzlich wurde sie von Bund, Ländern und Sozialversicherung bis zum 30. Lebensjahr verlängert. Wer im letzten Jahr die erste Dosis erhalten hat, kann sich bis zum 30. Juni 2026 die zweite Dosis gratis geben lassen.
Und über 30-Jährige? Macht die Impfung da noch Sinn?
Am meisten wirkt die Impfung vor dem ersten Sexualkontakt, weil das Risiko einer bestehenden Infektion dann am geringsten ist. Je älter man wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich schon einmal mit HPV angesteckt hat – dann ist die Schutzwirkung geringer. Trotzdem kann man die Impfung auch über 30 empfehlen. Sie muss dann allerdings selbst bezahlt werden. Für HPV-bedingten Rachenkrebs fehlen uns noch Langzeitdaten, weil hier die Zeitspanne zwischen Infektion und Krebsentstehung deutlich länger ist.
Sollen sich Betroffene von Gebärmutterhalskrebs nach erfolgreicher Behandlung noch impfen lassen?
Ja – unter bestimmten Voraussetzungen empfiehlt der österreichische Impfplan die Impfung auch nach einer nachgewiesenen HPV-Infektion, bei Genitalwarzen oder bei HPV-bedingten Krebsvorstufen, die eine Operation erfordern. Die Impfung kann Neuinfektionen mit anderen HPV-Typen verhindern und senkt möglicherweise das Risiko, dass die Vorstufen oder der Krebs zurückkehren.
Was ist Ihr wichtigster Rat?
Frühzeitig impfen. Die HPV-Impfung schützt vor einer Infektion und damit vor mehreren Krebsarten, darunter Rachenkrebs, Gebärmutterhalskrebs und Scheidenkrebs. Sie verhindert außerdem Genitalwarzen und – im HNO-Bereich – gutartige Wucherungen wie Papillome im Rachen oder Kehlkopf. Gerade im Kehlkopf können solche Wucherungen, vor allem bei Kindern, zu Stimm- und Atemproblemen führen und wiederholte Operationen notwendig machen. Diese Infektion wird meist von der Mutter auf das Kind übertragen – eine geimpfte Frau schützt ihr Kind indirekt, weil das Risiko einer HPV-Übertragung während oder nach der Geburt deutlich sinkt.
Kommentare