Die stillen Helden im Kampf gegen den Krebs

Eine Frau mit lockigem Haar und weißem Hemd steht vor einem Netz.
Eine Sterbeamme aus Wien und ein Klinischer Psychologe aus Graz erzählen, wie sie Menschen in verschiedenen Phasen einer Krebserkrankung Halt geben.

Wer einmal eine Krebserkrankung durchgemacht hat, weiß: Es braucht ein starkes Netz, um nicht ins Bodenlose zu fallen. Dazu zählen Familie und Freunde, vor allem aber auch geschulte Health-Care-Worker – Therapeutinnen und Therapeuten, Psychoonkologinnen und -onkologen, Pflegekräfte und Rettungsfahrer. „Sie bilden das oft unsichtbare Netz, das Krebspatientinnen und -patienten durch eine der schwierigsten Zeiten ihres Lebens trägt“, sagt Martina Löwe, Geschäftsführerin der Österreichischen Krebshilfe.

Hoffnung schenken

Um diese Menschen sichtbar zu machen, hat ihnen die Krebshilfe nun das Buch „Mutgeber:innen“ (siehe unten) gewidmet. Darin berichten zwölf Personen von ihrer täglichen Arbeit mit krebskranken Menschen.

46-222041154

„Mutgeber:innen: Unser Netz für Krebs-Patient:innen" Echomedia Verlag. 25,50 Euro

Erstmals stehen damit nicht die Betroffenen selbst im Mittelpunkt der Buchserie, sondern jene, „die ihnen Tag für Tag Hoffnung, Orientierung und Halt schenken“, so Löwe. „Mit diesem Buch wollen wir uns bei all jenen bedanken, die in unserem Gesundheitswesen mit großem Engagement, Empathie und Professionalität arbeiten und das Leben von Krebspatientinnen und -patienten maßgeblich verbessern.“

Die „Mutgeber“ leisten Außergewöhnliches, betont auch Krebshilfe-Präsident Paul Sevelda: „Sie hören zu, wo andere sprachlos werden. Sie bleiben, wenn Situationen kaum auszuhalten sind. Und sie schenken Kraft, wenn Hoffnung zu verschwinden droht.“

Anlässlich des Weltkrebstages am kommenden Mittwoch holt der KURIER zwei dieser Mutgeber vor den Vorhang. Sie erzählen, wie sie ihre tägliche Arbeit mit krebskranken Menschen erleben – und wie die ständige Konfrontation mit dem Sterben den Blick auf das eigene Dasein schärft.

„Ich begleite Menschen aus dem Leben hinaus“

Auf der Station 17K des AKH Wien verbringen Menschen die letzten Tage, Wochen und Monate ihres Lebens. In 98 Prozent handelt es sich um Krebspatienten und -patientinnen. Ingrid Geringer ist da, um ihnen  auf diesem Weg psychosozial und spirituell beizustehen. Wenn sie ihre Berufsbezeichnung nennt, müssen die meisten erst einmal nachfragen: Sterbeamme, im Englischen „End of Life Doula“, ist in Österreich noch kein bekannter Begriff. Die Ausbildung hat sie in Deutschland absolviert. Die semantische Ähnlichkeit zur Geburtshelferin ist kein Zufall, erklärt Geringer: „So wie die Hebamme Menschen ins Leben hebt, begleite ich als Sterbeamme Menschen aus dem Leben hinaus.“

Nicht zuletzt durch ihre frühere Arbeit als Chefredakteurin eines Mode-Magazins merkte sie, dass  Sterben immer stärker tabuisiert wird. „Der Tod wird ja auch ,outgesourct’, er findet heute meist in öffentlichen Institutionen statt, nicht mehr zu Hause.“ 

Gleichzeitig gehe durch das schwindende religiöse Leben vielen Sterbenden Halt verloren. „Ich wollte mit meinem Wissen über den Tod Menschen helfen, in höchstmöglichem Frieden zu sterben.“

Um diesen Frieden zu erreichen, müssen viele Sterbende noch einen „letzten Rucksack loswerden“, wie es Geringer formuliert. „Bei vielen poppt etwas auf, das sie ihr Leben lang verdrängt haben.“  So wie bei jenem 60-jährigen Patienten, der ihr am Sterbebett voller Trauer gestand, dass er seinen Sohn seit 21 Jahren nicht gesehen hat. „Dann hat sich sein Zustand  rapide verschlechtert, aber er konnte einfach nicht sterben.“ Geringer machte den 23-jährigen Sohn und seine Mutter ausfindig und organisierte eine letzte, berührende Begegnung am Sterbebett. „Zwei Tage später konnte mein Patient friedlich einschlafen.“ 

Geringer versteht sich als Brückenbauerin – zwischen Patienten, Pflegepersonal, Angehörigen. „Meine Arbeit hat mich gelehrt, dass wir Menschen keine Einzelwesen sind. Wir brauchen die anderen, wenn wir geboren werden und wenn wir gehen.“ 

Was sie von ihren Palliativpatienten gelernt hat? „Wenn man sich auf das Unvermeidbare einlässt und gut versorgt ist, ist das eine enorm wichtige Zeit, in der noch vieles seinen Frieden, seinen Platz, seine Klärung findet.“ Auch ihr eigener Blick auf das Leben habe sich verändert: „Dinge, die mich früher viel Energie gekostet haben, sind klein und nichtig geworden.“

46-222040702

Max Presker betreut Patienten in allen Stadien.

„Mut zu geben heißt, die Angst zuzulassen“

Wenn Max Presker über Krebs spricht, geht es ihm selten um Diagnosen oder Statistiken. „Kein Mensch ist gleich – und genauso ist keine Krebserkrankung gleich“, sagt der 35-jährige Klinische Psychologe der Krebshilfe Steiermark. Genau dort setzt seine Arbeit an: bei den individuellen Bedürfnissen der Betroffenen, oft in Momenten großer Unsicherheit.

Presker arbeitet mit erwachsenen Krebspatienten – unabhängig von Art oder Stadium der Erkrankung – sowie mit deren Angehörigen. Manche kommen unmittelbar nach der Diagnose, andere erst während oder nach der Therapie. „Wir versuchen, die Menschen dort abzuholen, wo sie gerade stehen“, sagt er. Häufig geht es um den Umgang mit Angst, Traurigkeit oder Wut, ebenso aber um die Frage, welche inneren Ressourcen noch vorhanden sind und gestärkt werden können.

Besonders berührt hat ihn zuletzt die Begleitung eines jungen Mannes, der seine Krebsdiagnose kurz nach der Matura erhielt – in einer Lebensphase, die eigentlich von Aufbruch geprägt ist. „Alle Pläne waren von einer Sekunde auf die andere eingefroren“, erzählt Presker. Er habe Unterstützung gesucht, weil das Leben plötzlich stillstand. Erschwerend kam die Zeit des Wartens hinzu, bis Therapien beginnen konnten. „Diese Phase lässt sich kaum beschleunigen und ist für viele extrem belastend.“

Trotz intensiver und schwieriger Behandlungen habe der Patient jedoch rasch Orientierung gefunden. Er setzte sich klare Ziele, blieb motiviert und blickte nach vorne. „Teilweise hatte man den Eindruck, dass sein Umfeld mehr an der Situation zu knabbern hatte als er selbst“, sagt Presker.

Er erlebe immer wieder, wie schnell viele Patienten nach dem ersten Schock aktiv werden, sich informieren, Unterstützung annehmen und zu Experten für den eigenen Körper werden. „Es ist beeindruckend, diesen Prozess begleiten zu dürfen.“

Mut spielt dabei eine zentrale Rolle, auch im Buch (siehe oben), an dem Presker mitgewirkt hat. „Mut zu geben heißt, die aufkommende Angst zuzulassen. Ohne Angst kann man schlichtweg nicht lernen, mutig zu sein“, sagt er. Angst, Sorge, Verzweiflung oder Wut seien natürliche Reaktionen auf eine schwere Erkrankung. Entscheidend sei, dass diese Gefühle Raum bekommen. „Erst wenn sie angenommen werden, kann man sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren – und Schritt für Schritt weitergehen.“

Kommentare