Welt-Aids-Tag: "Der weltweite Kampf gegen HIV steht auf der Kippe"
Gedenkveranstaltung in Indien: Rund 44 Millionen Menschen sind bisher weltweit an den Folgen von Aids gestorben.
In den vergangenen Jahrzehnten hat es in einigen Weltregionen beeindruckende Erfolge bei den Anstrengungen gegeben, die Zahl an Neuinfektionen mit dem HI-Virus und die Häufigkeit von Todesfällen durch Aids zu reduzieren: So sanken zwischen 2010 und 2024 die Neuinfektionen in Ost- und Südafrika um 56 Prozent, in West- und Zentralafrika um 55 Prozent.
Zwar gab es in anderen Regionen wie etwa in Osteuropa und Zentralasien auch Anstiege. Insgesamt aber ist laut den Daten des Programms der Vereinten Nationen zu HIV/Aids, UNAIDS, die Zahl der Neuinfektionen von 2,2 Millionen im Jahr 2010 auf rund 1,3 Millionen im Jahr 2024 zurückgegangen.
Doch anlässlich des heurigen Welt-Aids-Tages (1.12.) warnen zahlreiche Expertinnen und Experten vor einem massiven Rückschritt im Kampf gegen die HIV-Pandemie, ausgelöst durch den Rückzug der USA, aber auch anderer Staaten aus Projekten zur HIV-Prävention: "Die globale Reaktion auf HIV hat ihren schwerwiegendsten Rückschlag seit Jahrzehnten erlitten", heißt es in einem neuen UNAIDS-Bericht. Die Kürzungen internationaler Finanzmittel und mangelnde globale Solidarität "haben in den von HIV stark betroffenen Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen Schockwellen ausgelöst".
Die Kürzungen durch die Vereinigten Staaten und andere Länder könnten in den kommenden fünf Jahren zu zehn Millionen zusätzlichen HIV-Infektionen führen, darunter eine Million bei Kindern, sowie zu drei Millionen zusätzlichen Todesfällen, berichtet die New York Times. "Die Finanzierungskrise hat die Zerbrechlichkeit der Fortschritte offengelegt, für die wir so hart gekämpft haben“, sagte Winnie Byanyima, Exekutivdirektorin von UNAIDS, bei der Präsentation des neuen Berichts.
Kürzung der Mittel: Junge Frauen besonders betroffen
Laut UNAIDS habe der Stopp von HIV-Präventionsprogrammen, die mit und für junge Frauen entwickelt wurden, in vielen Ländern bereits dazu geführt, dass Mädchen im Teenageralter und junge Frauen keinen Zugang mehr zu HIV-Prävention, psychischer Gesundheitsversorgung und Unterstützungsangeboten bei häuslicher Gewalt haben. "Dies erhöht ihre Verwundbarkeit weiter – bereits im Jahr 2024 gab es weltweit täglich 570 neue HIV-Infektionen bei jungen Frauen und Mädchen im Alter von 15 bis 24 Jahren."
"Der weltweite Kampf gegen HIV steht auf der Kippe – nicht, weil uns das Wissen fehlt, sondern weil Finanzierungslücken und politische Rückschritte Menschenleben gefährden", betont auch die Gynäkologin Mirijam Hall, Vorsitzende der Aids Hilfe Wien. Die Aids Hilfen in Österreich feiern 2025 ihr 40-jähriges Bestehen.
Die Vorsitzende der Aids Hilfe Wien, die Gynäkologin Mirijam Hall, warnt vor Rückschritten bei der Prävention von HIV.
"Alle Menschen müssen Zugang zu Prävention, Diagnostik und Beratung haben, unabhängig von Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung und Herkunft." Die Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte seien nicht in Stein gemeißelt, so Hall.
Gerade jetzt brauche es ein klares Bekenntnis Europas zu Menschenrechten und globaler Solidarität, um bereits erreichte Erfolge nicht zu verspielen.
Gedenken an die Opfer der HIV-Pandemie im Vorjahr vor dem Weißen Haus noch mit Ex-US-Präsident Biden: Solche Veranstaltungen sind öffentlichen Einrichtrungen in den USA mittlerweile untersagt.
Unterdessen hat das US-Außenministerium eine Anweisung herausgegeben, dass keine Gelder der US-Regierung für Gedenkveranstaltungen zum Welt-Aids-Tag verwendet werden dürfen, berichtet die New York Times.
Diese Anweisung sei Teil einer umfassenderen Richtlinie, "auf Botschaften zu jeglichen Gedenktagen, einschließlich des Welt-Aids-Tages, zu verzichten". Seit 1988 gab es derartige Veranstaltungen, auch im Weißen Haus, zuletzt im Vorjahr noch mit dem früheren US-Präsidenten Joe Biden. "Das wirkt einfach kleinlich und feindselig, ehrlich gesagt", sagt dazu ein jahrzehntelanger US-Aktivist für die HIV-Prävention.
Situation in Österreich: Anstieg der Neuinfektionen
In Österreich gab es im Vorjahr 454 HIV-Neudiagnosen. In den vergangenen zehn Jahren gab es nur 2022 (473) und 2017 (510) mehr Neudiagnosen (siehe Grafik):
- Bei 44 Prozent (2023: 55%) wurden als Übertragungsweg MSM-Kontakte ("Men who have sex with men" - Männer, die Sex mit Männern haben) angegeben,
- bei 39 Prozent (2023: 24%) heterosexuelle Kontakte (davon 52 Prozent der Betroffenen Frauen)
- und bei 12 Prozent (2023: 5,6 %) wurde intravenöser Drogengebrauch angegeben, heißt es in einem Datenblatt der Aids Hilfe Wien.
78 Prozent der Neudiagnostizierten waren zwischen 20 und 50 Jahre alt, 18 Prozent über 50 Jahre und vier Prozent unter 20 Jahren. Der Anteil sogenannter "Late Presenter" – HIV-Diagnosen, die oft erst Jahre nach der Infektion gestellt werden – ist mit 42 Prozent weiter hoch, heißt es bei der Aids Hilfe Wien.
Auf diese Problematik machten kürzlich auch die EU-Gesundheitsbehörde ECDC und das europäische Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation WHO aufmerksam – der KURIER berichtete. 54 Prozent aller HIV-Diagnosen in Europa wurden demnach 2024 zu spät für eine optimale Behandlung gestellt.
Dank moderner Therapien haben HIV-positive Menschen, die behandelt werden, heute eine nahezu gleiche Lebenserwartung wie alle anderen, heißt es bei der Aids Hilfe Wien. Und sie können das Virus nicht weitergeben.
Mehr als die Hälfte der zirka 9.000 Menschen in Österreich mit HIV ist älter als 50 Jahre, acht bis zehn Prozent der Infizierten sind noch nicht diagnostiziert. Die Aids Hilfe Wien stellt deshalb den Welt-Aids-Tag heuer unter das Motto "HIV-Prävention kennt kein Alter - Gemeinsam für sexuelle Gesundheit."
Denn obwohl Menschen mit HIV heute deutlich älter werden als früher, blieben Sexualität und Fragen des Infektionsschutzes jenseits der Lebensmitte vielfach tabuisiert. "Sexualität ist eine wichtige Quelle von Lebensqualität – und das für alle Altersgruppen", sagt Hall. "Nur wer über HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen gut informiert ist, kann sein Risiko senken und gesund bleiben."
Sexuelle Gesundheit: 2026 kommt ein neues Ambulatorium
Wie notwendig ein Ausbau von Präventions-, Test- und Behandlungsangeboten ist, zeigen europaweit steigende Zahlen anderer sexuell übertragbarer Infektionskrankheiten. Laut der EU-Gesundheitsbehörde ECDC stiegen die Gonorrhö-Fälle in Europa von 2022 auf 2023 um rund 31 Prozent, Syphillis-Meldungen um 13 Prozent.
In Wien soll Ende März kommenden Jahres ein neues Ambulatorium für sexuelle Gesundheit eröffnet werden. Das sogenannte "magnus Ambulatorium" soll als zentrale, niederschwellige Anlaufstelle erstmals Diagnostik, Therapie, Prävention und psychosoziale Unterstützung unter einem Dach vereinen.
Getragen wird es von der Aids Hilfe in Kooperation mit der Stadt Wien und mehreren Krankenversicherungsträgern (ÖGK, SVS, BVAEB). Der Name "magnus" soll an den Arzt und Sexualwissenschafter Magnus Hirschfeld erinnern, einem Pionier der sexuellen Gesundheit.
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