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Wissen Gesundheit
04/29/2020

Studie: Österreicher schätzen Risiko durch Corona geringer ein

Die Gefahr für die Gesundheit wird mittlerweile nicht mehr so hoch empfunden, auch die Regeln werden weniger befolgt.

Österreicher schätzen das Risiko für Gesundheit und Wirtschaft durch das Coronavirus deutlich geringer ein als noch Ende März. Gleichzeitig geht auch die Zustimmung zu den Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung des Virus zurück, die Regeln werden weniger befolgt als früher. Das passiert aber nicht leichtfertig, sondern etwa um psychische Probleme zu verhindern, zeigen Forscherteams der Uni Wien.

Während zu Beginn der Krise noch knapp 60 Prozent die allgemeine gesundheitliche Gefahr durch Corona als "groß" oder "sehr groß" eingeschätzt haben, sind es nun nur noch 33 Prozent bei Befragten mit niedrigem Gesundheitsrisiko bzw. 40 Prozent bei jenen, die durch Alter und/oder Vorerkrankungen zur Hochrisikogruppe gezählt werden. Gerade in der Hochrisikogruppe ist außerdem der Anteil derer, die das Coronavirus als "sehr große" oder "große" persönliche Gefahr für die Gesundheit sehen, massiv zurückgegangen, von rund der Hälfte auf etwa ein Viertel. Das zeigen aktuelle Daten des Austrian Corona Panel Projects der Uni Wien, für das regelmäßig 1.500 Personen befragt werden.

Auch bei der Wirtschaft hat Corona in der Wahrnehmung der Bevölkerung - ungeachtet der extrem negativen Wirtschaftsprognosen - einen Teil seines Schreckens verloren: Mitte April orteten noch rund 70 Prozent der Befragten eine (sehr) große Gefahr für Österreichs Wirtschaft, hier gab es einen Rückgang um 13 Prozentpunkte. Allerdings sind weiterhin über 70 Prozent der Meinung, dass die Regierung auch auf sehr unwahrscheinliche Ereignisse vorbereitet sein muss, selbst wenn diese Vorbereitungen viel Geld kosten.

Maßnahmen werden unbeliebter

Gleichzeitig deutet sich seit Mitte April ein Abwärtstrend bei der Zustimmung zu den Regierungsmaßnahmen gegen das Coronavirus an. Die Zustimmung ("eher", "voll und ganz") zur Aussage "Politischen Entscheidungen muss man auf jeden Fall Folge leisten" ist von 74 Prozent Ende März auf 64 Prozent Mitte April gesunken. Der Aussage "Die Regierung sollte auch dann an den Maßnahmen festhalten, wenn die Mehrheit der Bürger dagegen ist" stimmen nur noch 40 Prozent zu, Mitte April waren es 52 Prozent.

Im selben Zeitraum ist der Anteil an Menschen, die ihre Wohnung niemals für Sport oder aus Langeweile verlassen, von über 60 auf rund 50 Prozent zurückgegangen. Etwa 90 Prozent der Befragten geben allerdings an, den Sicherheitsabstand von einem Meter im öffentlichen Raum meistens oder nahezu immer einzuhalten.

Keine leichtsinniger Regelbrüche

Auch die Österreich-Daten einer Neun-Länder-Studie zu Corona, an der Politikwissenschafterin Barbara Prainsack an der Uni Wien beteiligt ist, liefern keine Hinweise darauf, dass die Österreicher weniger Abstand halten. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass die Regeln der Regierung weniger befolgt werden als bisher. Das hat nach Prainsacks Einschätzung allerdings nicht mit Verdruss zu tun, sondern damit, dass der Druck auf die Menschen steige und sie Wege suchen, sich das Leben leichter zu machen. "Wenn man zum Beispiel als alleinlebender Mensch mit anderen spazieren geht, weil man sonst die Einsamkeit bzw. Isolation nicht mehr ertragen kann, dann ist das formal ein 'Regelbruch', aber insgesamt verhindert man damit natürlich Schlimmeres", verweist Prainsack auf Folgen wie psychische Probleme oder vermehrten Alkoholkonsum. "Zudem ist es in unseren Daten offensichtlich, dass Menschen, die auf diese Weise die Regeln brechen, dies nicht leichtfertig tun."

Gleichzeitig gibt es in den vergangene Tagen auch erstmals Menschen, die in der Studie von einer "Angstmacherei" der Regierung sprechen, berichtet Prainsack. In der ersten Aprilhälfte hätten hingegen noch mehr Menschen die verpflichtenden Regeln begrüßt, weil sie dadurch von anderen ernst genommen und nicht "verhöhnt" wurden.

Transparenz notwendig

Der Regierung sei mit drastischen Worten gelungen, ein hohes Maß an Akzeptanz der Maßnahmen zu bewirken, das vielfach auf Einsicht in die Notwendigkeit beruhe, so Bernhard Kittel vom Institut für Wirtschaftssoziologie an der Uni Wien und Projektleiter des Austrian Corona Panel Projects. " In Anbetracht der bisher wesentlich geringeren Erkrankungs- und Todesraten, die Resultat des besonnenen Verhaltens der österreichischen Bevölkerung sind, beginnt nun der Wunsch nach Rückkehr zum bisherigen Leben stärker zu werden."

In den nächsten Wochen werde Transparenz bei den politischen Entscheidungen und vor allem die bisher vernachlässigte offene und öffentliche Diskussion wichtig sein, um der Bevölkerung die Sinnhaftigkeit der Beschränkungen zu vermitteln und dieser Einsicht "ein festeres Fundament zu geben".