Spermien-Studie: Gängiger Rat für Männer nun infrage gestellt

Analyse: Längere Enthaltsamkeit kann Spermien schaden. Was das für Kinderwunschbehandlungen bedeutet.
sperm with ovum

Vor einer Samenprobe oder Kinderwunschbehandlung wird Männern oft geraten, einige Tage enthaltsam zu sein. Eine große neue Analyse stellt diese Routine nun zumindest teilweise infrage: Je länger Spermien im Körper gespeichert werden, desto häufiger zeigten sie Schäden am Erbgut und Anzeichen von Zellstress. Gleichzeitig nahm ihre Beweglichkeit ab. 

Lange galt: besser ein paar Tage warten - vor einer Samenprobe oder Kinderwunschbehandlung. Doch genau das könnte nicht immer die beste Lösung sein. 

Ein Forschungsteam um Krish Sanghvi und Rebecca Dean von der University of Oxford hat Daten aus 115 Studien mit mindestens 54.889 Männern aus 31 Ländern ausgewertet. Zusätzlich flossen 56 Studien zu 30 Tierarten in die Meta-Analyse ein. Veröffentlicht wurde die Arbeit in Proceedings of the Royal Society B.

Spermien: Wie sich längere sexuelle Abstinenz konkret auswirkte

Das Ergebnis: Längere sexuelle Abstinenz war mit einer statistisch signifikanten Verschlechterung verschiedener Spermienmerkmale verbunden. Konkret stiegen DNA-Schäden und oxidativer Stress – also Zellstress durch aggressive Sauerstoffverbindungen. Gleichzeitig nahmen Beweglichkeit und Lebensfähigkeit der Spermien ab. 

Die Forscher fassen das so zusammen: „Durch sexuelle Abstinenz steigen oxidativer Stress und DNA-Schäden, während Beweglichkeit und Lebensfähigkeit sinken.“

Nicht alles wurde jedoch schlechter. Die Forschenden fanden keinen signifikanten Effekt auf die Form der Spermien, ihre Geschwindigkeit, die Befruchtungsrate oder die Qualität der Embryonen in den Humanstudien. 

Die Arbeit sagt also nicht: längere Enthaltsamkeit verschlechtert automatisch die Fruchtbarkeit. Sie zeigt vielmehr, dass bestimmte Qualitätsmerkmale der Spermien leiden können. 

Warum das biologisch plausibel ist, erklärt die Studie ebenfalls: Reife Spermien sind aktiv, können sich aber nur begrenzt selbst reparieren oder gegen Schäden schützen. Ihnen fehlt viel von dem zellulären „Werkzeug“, das andere Zellen dafür haben. 

Deshalb gelten DNA-Schäden, oxidativer Stress und der Verlust von Energiereserven laut den Autoren als die wahrscheinlichsten Mechanismen dafür, dass Spermien während der Speicherung altern.

Was die Ergebnisse für Kinderwunschbehandlungen bedeuten könnten

Spannend wird das vor allem für Kinderwunschzentren. Denn die Forschenden schreiben ausdrücklich, dass die Dauer der Abstinenz davon abhängen sollte, was man eigentlich optimieren will: die Anzahl der Spermien, ihre Qualität oder beides.

Sexuelle Enthaltsamkeit kann zwar die Spermienzahl erhöhen. Gleichzeitig kann sie aber die Qualität einzelner Spermien verschlechtern. Für Verfahren wie IVF, bei denen das gesamte Ejakulat verwendet wird, könnten deshalb eher mittlere Abstinenzzeiten sinnvoll sein. 

Für ICSI, bei der eine einzelne möglichst gute Samenzelle ausgewählt wird, könnten kürzere Zeiten günstiger sein als die oft genannte WHO-Spanne von zwei bis sieben Tagen. Die Autoren betonen allerdings auch, dass diese Schlussfolgerung mit Vorsicht angewendet werden sollte, weil der Gesamteffekt bei Männern eher klein war. 

Im britischen Guardian sagt Studienleiter Krish Sanghvi, dass Paare und Behandelnde darüber nachdenken sollten, ob längere Abstinenz wirklich immer sinnvoll ist, weil sie die Spermienqualität verschlechtern könne.

Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahren zunehmend Hinweise, dass eine kürzere Abstinenzzeit bei assistierter Befruchtung wie IVF von Vorteil sein könnte.  Der Grund: Die Spermien seien dann frischer, beweglicher und wiesen weniger DNA-Schäden auf.  

Die Studie macht trotzdem deutlich, dass es keine Universalregel gibt, die sich daraus ableiten ließe. Sie ist kein Beweis dafür, dass häufigerer Samenerguss automatisch die Fruchtbarkeit steigert. 

Man kann also nicht sagen, dass Männer möglichst oft ejakulieren sollen. Sie ist aber ein deutlicher Hinweis darauf, dass längere Enthaltsamkeit vor einer Samenabgabe nicht immer die beste Lösung sein muss – und dass bisherige Empfehlungen differenzierter betrachtet werden sollten. 

Oder zugespitzt: Mehr Spermien sind nicht zwingend die besseren Spermien. 

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