Psilocybin: Einmalige Dosis bringt schnelle Linderung bei Depressionen
Das zeigt die erste randomisierte, doppelblinde Studie aus Schweden zur Anwendung von Psilocybin bei Depressionen. Derzeit sind SSRI‑Medikamente eine häufige Behandlung bei Depression. Dabei handelt es sich um Antidepressiva, die die Wiederaufnahme des Botenstoffs Serotonin im Gehirn hemmen, um depressive Symptome zu lindern. Nicht immer sprechen Patientinnen und Patienten darauf an. Zudem kann es mehrere Wochen dauern, bis ihre Wirkung einsetzt, und Nebenwirkungen sind häufig, heißt es in einer Presseaussendung des Instituts.
Psilocybin, das in sogenannten „Magic Mushrooms“ vorkommt, hat in früheren Studien bereits antidepressive Effekte gezeigt. Die meisten dieser Studien konzentrierten sich jedoch auf krebsbedingte oder therapieresistente Depressionen. In der aktuellen Phase‑2‑Studie, die in JAMA Network Open veröffentlicht wurde, untersuchten die Forschenden, ob Psilocybin auch bei häufiger vorkommenden Formen der Depression wirksam ist.
Placebokontrollierte Studie
Insgesamt nahmen 35 Personen im Alter von 20 bis 65 Jahren mit mittelgradiger bis schwerer, rezidivierender Depression teil. Die Teilnehmenden wurden zufällig entweder einer einmaligen Dosis von 25 mg Psilocybin oder einem aktiven Placebo in Form von Niacin zugeteilt – einem Vitamin, das eine deutlich spürbare körperliche Reaktion hervorruft.
Beide Gruppen erhielten an fünf Terminen psychotherapeutische Unterstützung: vor, während und nach der Behandlung. Am Tag der Einnahme wurden die Teilnehmenden gebeten, sich hinzulegen, eine Augenmaske zu tragen und über Kopfhörer Musik zu hören, um sich nach innen zu fokussieren.
Reduktion depressiver Symptome
Die Wirkung der Behandlung wurde mit der MADRS‑Skala (Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale) gemessen. Die Beurteilungen erfolgten durch Ärztinnen und Ärzte, die hinsichtlich der Behandlung verblindet waren, an den Tagen 8, 15, 42 und 365 nach der Einnahme.
Für die Studienteilnahme war ein Gesamtwert von mindestens 22 Punkten erforderlich. Der primäre Endpunkt der Studie war die Veränderung der depressiven Symptome acht Tage nach der Behandlung. Zu diesem Zeitpunkt war der MADRS‑Wert in der Psilocybin‑Gruppe im Durchschnitt um 9,7 Punkte gesunken, verglichen mit 2,4 Punkten in der Placebo‑Gruppe. Dies entspricht einem Gruppenunterschied von 7,3 Punkten zugunsten von Psilocybin. Der Unterschied war statistisch signifikant und gilt als klinisch relevant. Der Effekt hielt auch nach 15 und 42 Tagen an.
Die MADRS (Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale) wird zur Beurteilung der Schwere depressiver Symptome verwendet. Die Skala reicht von 0 bis 60 Punkten, wobei höhere Werte eine stärkere Depression anzeigen:
- 0–12 Punkte: keine oder sehr leichte Depression
- 13–19 Punkte: leichte Depression
- 20–34 Punkte: mittelgradige Depression
- 35–60 Punkte: schwere Depression
Zusätzlich füllten die Teilnehmenden eine Selbstbeurteilungsversion der MADRS aus. Diese Eigenbewertungen zeigten bereits ab dem zweiten Tag einen antidepressiven Effekt, der im Vergleich zur Placebo‑Gruppe etwas mehr als drei Monate anhielt.
Nach sechs Wochen befanden sich 53 Prozent der Teilnehmenden in der Psilocybin‑Gruppe in Remission, das heißt, sie waren weitgehend frei von depressiven Symptomen, in der Placebogruppe waren es lediglich sechs Prozent. Nach einem Jahr blieb derselbe Anteil der Psilocybin‑Gruppe in Remission.
„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Psilocybin eine schnelle, klinisch bedeutsame Verbesserung bei Depressionen bewirken kann und als Alternative zur Standardbehandlung dienen könnte, wenn eine rasche Symptomlinderung wichtig ist“, sagt der Hauptautor der Studie, Hampus Yngwe, Facharzt für Psychiatrie und Doktorand an der Abteilung für Klinische Neurowissenschaften des Karolinska‑Instituts. Er ergänzt: „Die langfristigen Effekte sind jedoch unklar. Um Rückfälle zu verhindern, könnten wiederholte Behandlungen notwendig sein. Dies muss in größeren Studien untersucht werden.“
Weitere Forschung notwendig
Die Behandlung wurde insgesamt gut vertragen. Die meisten Nebenwirkungen waren mild bis moderat und vorübergehend. Allerdings berichteten zwei Teilnehmende, die Psilocybin erhalten hatten, über schwere und anhaltende Angstzustände, die eine medizinische Behandlung erforderlich machten.
„Es ist wichtig zu betonen, dass die Behandlung nicht risikofrei ist und dass einige Patientinnen und Patienten zusätzliche Unterstützung benötigen könnten“, sagt Johan Lundberg, Professor an der Abteilung für Klinische Neurowissenschaften und am Zentrum für Psychiatrieforschung des Karolinska‑Instituts, der die Studie leitete.
Die Forschung zu psychedelischen Behandlungen steht vor methodischen Herausforderungen, da diese Substanzen starke und leicht erkennbare Erfahrungen hervorrufen. Wenn Teilnehmende und Forschende erkennen können, ob Psilocybin oder ein Placebo verabreicht wurde, wird es schwieriger, den Behandlungseffekt von Erwartungseffekten zu trennen. In der vorliegenden Studie konnten fast alle Teilnehmenden erraten, welche Behandlung sie erhalten hatten, was die Ergebnisse beeinflusst haben könnte, so die Forschenden.
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