Psychedelika verändern das Gehirn anders als gedacht

Psychedelika gelten als Hoffnungsträger gegen Depressionen und Angst. Eine neue Studie räumt mit Mythen vom „neu verdrahteten Ich“ auf.
Human profile illustration. Brain, mental activity, mental activity. Brain nerves.

Psychedelika erleben seit Jahren ein Comeback. Forscher betonen ihr Potenzial bei Depressionen, Angst, Sucht und existenzieller Belastung. 

Der Hype ist auch deshalb groß, weil man sich neue Einsichten und sogar ein neues Verständnis psychischer Erkrankungen erhofft. Oft klingt es, als würden diese Stoffe das Gehirn komplett neu verdrahten oder das Ich einfach auflösen. Damit würden starre Denkmuster weniger dominant, Menschen blieben dann weniger in den üblichen Schleifen von Selbstbezug, Grübeln, Angst oder festgefahrenen Geschichten über sich selbst hängen.

Mega-Analyse zu Psilocybin & Co.

In einer neuen, großen Analyse unter Beteiligung von Forschenden der University of California, McGill University, des Imperial College London sowie weiterer Zentren, veröffentlicht in Nature Medicine, wird nun etwas nüchterner erklärt, was sich im Gehirn unter diesen Substanzen tatsächlich wiederholt zeigt. 

Für die Analyse bündelte ein internationales Forschungsteam 11 unabhängige Ruhe-fMRT-Datensätze zu fünf Psychedelika: Psilocybin, LSD, Mescalin, DMT und Ayahuasca

Dabei wird das Gehirn gescannt, während die Testperson keine konkrete Aufgabe löst. So lässt sich untersuchen, welche Hirnnetzwerke auch im Ruhezustand miteinander „kommunizieren“.  Die Daten stammen aus fünf Ländern auf drei Kontinenten. 

Was dabei gemessen wurde, heißt „funktionelle Konnektivität“. Das klingt sperrig, zeigt aber, welche Hirnregionen zeitlich auffällig gemeinsam aktiv sind, also welche Bereiche stärker miteinander „sprechen“.

Das Gehirn wirkt „durchlässiger“

Der wichtigste Befund: Unter Psychedelika steigt vor allem die Verbindung zwischen bestimmten großen Hirnnetzwerken. Besonders betroffen sind Netzwerke, die mit Selbstbezug, innerem Denken, Planung und Emotionen zu tun haben, und solche, die stärker für Sehen, Bewegung und Körperwahrnehmung zuständig sind. 

Die Studie nennt hier etwa das „Default Mode Network“, ein Hirnnetzwerk, das oft aktiv ist, wenn Menschen mit inneren Gedanken, Erinnerungen oder Selbstbezug beschäftigt sind. 

Betroffen waren außerdem das limbische System, das eng mit Gefühlen und Erinnerung verknüpft ist, sowie Netzwerke für das Sehen und für Bewegung und Körperwahrnehmung.

Auch der Thalamus als wichtige Umschaltstelle für Signale und das Kleinhirn, das an Koordination und Abstimmung beteiligt ist, zeigten veränderte Kopplungen. 

Einfacher gesagt: Das Gehirn wirkt unter Psychedelika nicht nur ungeordneter, sondern in Teilen durchlässiger. Systeme, die sonst stärker in ihren eigenen Bahnen arbeiten, treten eher miteinander in Kontakt. 

Das passt zu Berichten, dass Wahrnehmung, Körpergefühl, Gedanken und das Erleben des eigenen Selbst unter dem Einfluss solcher Substanzen anders ineinandergreifen.  

Was die Studie nicht stützt: die allzu simple Idee, Psychedelika würden das Gehirn insgesamt „desintegrieren“. Laut den Forschern waren Rückgänge der Konnektivität innerhalb einzelner Netzwerke eher schwach bis moderat, selektiv und je nach Substanz und Netzwerk unterschiedlich. 

Es zeigt sich also nicht das große neuronale Durcheinander, sondern eine gezielte Umorganisation der Kommunikation zwischen den Netzwerken im Gehirn.   

Die Analyse liefert damit vor allem eines: eine klarere Landkarte. Sie zeigt, welche Bereiche des Gehirns unter Psychedelika stärker miteinander in Kontakt treten als sonst. Für die weitere Forschung ist das wichtig, weil sich damit gezielter untersuchen lässt, welche dieser Veränderungen mit subjektiven Erfahrungen und möglichen therapeutischen Effekten zusammenhängen.

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