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Pilze & LSD bei Depression: Wer davon profitiert und wer nicht

Psychedelika werden als mögliche Therapien bei psychischen Erkrankungen erforscht. Eine Charité-Studie zeigt nun, wem das helfen könnte und bei wem Vorsicht geboten ist.
„Wie lernt man, Nein zu sagen?“

Zusammenfassung

  • Psychedelisch unterstützte Therapien wie Psilocybin und LSD zeigen bei bestimmten psychischen Erkrankungen teils starke, aber sehr unterschiedliche Wirkungen.
  • PatientInnen mit stabilem sozialen Umfeld, Offenheit für neue Erfahrungen und sicheren Bindungen profitieren laut Charité-Studie am ehesten, während bei bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen Vorsicht geboten ist.
  • Die Behandlung sollte ausschließlich in spezialisierten Zentren und unter professioneller Begleitung erfolgen, da Setting und Nachbereitung entscheidend für den Therapieerfolg sind.

Die psychedelisch unterstützte Therapie ist erneut in den Fokus gerückt. Dabei werden bewusstseinsverändernde Substanzen wie Psilocybin, der Wirkstoff aus psychoaktiven Pilzen, oder LSD zur Behandlung psychischer Erkrankungen eingesetzt – allerdings nicht als Selbstversuch, sondern in einem therapeutisch begleiteten Setting.

Zahlreiche Studien laufen derzeit, gelegentlich ist sogar von einer „Revolution in der Psychiatrie“ die Rede. Doch es gibt auch Zweifel. Während manche Patient:innen deutlich profitieren, sprechen andere gar nicht an. 

Einzelnen geht es nach der Behandlung sogar schlechter. Um die Therapie künftig präziser einsetzen zu können, haben WissenschaftlerInnen unter Leitung der Charité – Universitätsmedizin Berlin die Erfahrungen von Therapeut:innen weltweit gebündelt. Im Fachjournal Nature Mental Health beschreiben sie nun erstmals das Profil eines passenden Patientenbildes.

„Die Therapie mit Psychedelika ist eine scharfe Klinge. Es ist deswegen sehr wichtig, zu wissen, wann sie eingesetzt werden sollte – und wann nicht“, sagt Studienleiter Felix Betzler, Leiter der Arbeitsgruppe Recreational Drugs an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Charité Mitte.

Wenn eine Therapie anschlägt

Wie groß die Unterschiede sein können, zeigt die Charité anhand zweier Fallbeispiele. Eine Frau mittleren Alters leidet seit vielen Jahren an Depressionen. Freude kann sie nicht mehr empfinden. Medikamente haben ihr nicht geholfen, auch eine langjährige Psychotherapie blieb ohne ausreichenden Erfolg. Arbeitsfähig ist sie schon lange nicht mehr. Halt geben ihr Freunde, ihre Partnerschaft und ihr Hund.

In einem kontrollierten Studien-Setting nimmt sie an einer Psilocybin-Sitzung teil. Die Erfahrung ist intensiv, schmerzvoll, zugleich aber heilsam. Später beschreibt sie es, als sei sie durch einen Sturm gesegelt und plötzlich sei die Sonne durchgebrochen. Sechs Wochen nach der Behandlung ist ihre Depression verschwunden. Ein anerkannter Depressions-Score zeigt keine messbaren Krankheitszeichen mehr.

Doch es kann auch anders laufen. Eine zweite Patientin mit ähnlicher Diagnose, vergleichbarem Krankheitsverlauf und ähnlichen Lebensumständen erlebt die Sitzung als innere Tortur. Einen Durchbruch gibt es nicht. Ihre Depression bessert sich nicht, im Gegenteil: Danach fühlt sie sich noch hoffnungsloser, weil auch dieser letzte Strohhalm nicht getragen hat.

Die Therapie mit Psychedelika ist eine scharfe Klinge. Es ist deswegen sehr wichtig, zu wissen, wann sie eingesetzt werden sollte – und wann nicht.

 

von Felix Betzler, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Charité Mitte.

Was Psychedelika bewirken könnten

Psychedelika können Wahrnehmung, emotionales Erleben und Bewusstsein stark verändern. Wissenschaftlich erforscht werden sie seit mehr als 70 Jahren. Besonders im Blick sind heute schwere, therapieresistente Depressionen, aber auch Angststörungen, Suchterkrankungen und andere psychische Störungen.

Wie genau die Substanzen wirken, ist noch nicht vollständig geklärt. Vermutet wird, dass der kontrolliert herbeigeführte Ausnahmezustand neue Verknüpfungen im Gehirn begünstigen kann. Das Gehirn wird möglicherweise „beweglicher“. Auffällig ist: In Studien können bereits eine oder wenige therapeutisch begleitete Sitzungen starke Effekte haben.

Gerade deshalb ist die zentrale Frage: Bei wem ist eine solche Behandlung sinnvoll – und bei wem nicht?

158 Therapeut:innen weltweit befragt

Für die Studie befragten Felix Betzler und sein Team gemeinsam mit Forschenden aus Deutschland, England, Frankreich und den USA Therapeut:innen auf der ganzen Welt, die regelmäßig psychedelisch begleitete Behandlungen durchführen.

Der eigens entwickelte Fragebogen erfasste unter anderem die Berufserfahrung der Therapeut:innen, den Behandlungskontext, Lebensumstände und Persönlichkeitsmerkmale der Patient:innen, Dauer und Schwere der Erkrankung, Eigenschaften des Settings, Intensität der Betreuung und die Dosierung des Psychedelikums.

Insgesamt gingen Antworten von 158 Therapeut:innen in die Auswertung ein. Berücksichtigt wurden sowohl Behandlungen in gesetzlich geregelten Settings, etwa im Rahmen klinischer Studien, als auch Erfahrungen aus Ländern, in denen der Einsatz solcher Substanzen erlaubt ist. Auch Angaben von Therapeut:innen, die jenseits der Legalität, also im sogenannten Untergrund, arbeiten, flossen ein.

Wer profitieren könnte

„Das wohl wichtigste Ergebnis ist die Gesamtheit des Patientenprofils, das aus Sicht der Therapeut:innen ein gutes Ansprechen vorhersagt“, erklärt Betzler. Einige Merkmale hätten sich dabei deutlich gezeigt.

Günstig wirken demnach vor allem ein stabiles soziales Umfeld, Unterstützung durch Familie, Freund:innen oder Partner:innen, Offenheit für neue Erfahrungen, die Fähigkeit, belastende Umstände annehmen zu können, loslassen zu können und sichere Bindungsfähigkeit. Auch frühere Erfahrungen mit veränderten Bewusstseinszuständen, etwa durch Meditation oder Atemtechniken, können hilfreich sein.

„Offenheit für neue Erfahrungen, die Fähigkeit, bestimmte Umstände annehmen und akzeptieren zu können, loslassen zu können, aber auch eine sichere Bindungsfähigkeit sind entscheidende Faktoren“, sagt Erstautorin Grace Viljoen, Nachwuchsforscherin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie.

Ungünstig wirkt sich den Befragten zufolge der Konsum anderer Substanzen aus – etwa Kokain, Amphetamin, Alkohol oder Cannabis.

Wo besondere Vorsicht nötig ist

Auch Persönlichkeitsmerkmale spielen nach Einschätzung der TherapeutInnen eine Rolle. Besonders gut könnten demnach Menschen mit vermeidenden, abhängigen oder zwanghaften Persönlichkeitstypen auf eine psychedelisch unterstützte Therapie ansprechen.

Vorsicht sehen die Befragten dagegen bei paranoiden, schizoiden und schizotypen Persönlichkeitszügen. Schwerer einzuordnen waren narzisstische und antisoziale Persönlichkeitstypen sowie emotional-instabile Persönlichkeiten vom Borderline-Typ.

„Mit dem Wissen, für welches Profil von Patientinnen und Patienten die Therapieform prinzipiell geeignet ist und wo sie dagegen eher Schaden anrichtet, können wir besser steuern, wer eine solche Therapie erhalten kann. Damit gehen wir einen weiteren Schritt in Richtung Präzisionspsychiatrie in diesem sehr dynamischen Feld“, betont Betzler.

Kein Wundermittel

Die Studie macht deutlich: Psychedelisch unterstützte Therapie ist kein einfaches Wundermittel. Entscheidend ist nicht nur die Substanz, sondern auch das Setting. Die Behandlung muss gut vorbereitet, professionell begleitet und anschließend sorgfältig nachbesprochen werden. Patient:innen sollten Vertrauen zu den Therapeut:innen aufbauen können, klare Ziele formulieren und Ängste im Vorfeld ansprechen.

Die Charité rät, solche Behandlungen ausschließlich an spezialisierten Zentren und im Rahmen klinischer Studien in Anspruch zu nehmen. Nur dort sei gewährleistet, dass wissenschaftlich fundiert gearbeitet und sorgfältig entschieden wird.

Auffällig war auch ein Unterschied zwischen regulierten und nicht regulierten Settings: TherapeutInnen, die Psychedelika außerhalb klinisch kontrollierter und rechtlich geregelter Rahmenbedingungen anbieten, schätzten die Erfolgsaussichten insgesamt optimistischer ein. Ihre Vorbehalte waren geringer – auch bei älteren Menschen, schwereren Erkrankungen, geringem sozialem Halt oder früheren negativen Erfahrungen.

„Im besten Fall werden die jetzt erhobenen, entscheidenden Parameter bei der Auswahl künftiger Patient:innen berücksichtigt“, sagt Betzler. Künftig könnte dabei auch ein digitales Tool helfen. Das Studienteam will auf Basis der erhobenen Daten ein Instrument entwickeln, das die Erfolgswahrscheinlichkeit einer psychedelisch begleiteten Therapie vorab besser einschätzbar macht.

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