Bei Reflux und Sodbrennen: Begünstigen Magenschutz-Mittel Magenkrebs?
Reflux-Beschwerden betreffen immer mehr Menschen. Magensäureblocker verschaffen Linderung und werden in Österreich großzügig verschrieben.
Magensäureblocker, besser bekannt als Magenschutz, zählen in Österreich zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten. Rund vier Millionen Mal wurden die Arzneien 2021 laut dem Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs (Pharmig) ärztlich verordnet.
Linderung verschaffen die Mittel bei Reflux-Leiden. Damit verbundene Symptome – Sodbrennen und saures Aufstoßen – sind verbreitet: In der leichten und schweren Form zusammengenommen betrifft Reflux inzwischen 80 Prozent der Bevölkerung. Tendenz – unter anderem aufgrund moderner Essgewohnheiten – steigend.
Magenschutz: Risken bei Langzeiteinnahme?
Verfügbar sind verschiedene Varianten von Säureblockern, moderne Protonenpumpenhemmer wie Omeprazol, Esomeprazol oder das in Österreich bekanntere Pantoprazol sowie ältere H2-Blocker, die ebenfalls die Ausschüttung der Magensäure drosseln.
Insbesondere bei einer langfristigen Einnahme werden immer wieder Risiken diskutiert. In Studien wurde in der Vergangenheit beispielsweise ein stark erhöhtes Risiko für Magenkrebs festgestellt. Allerdings seien besagte Studien methodisch mangelhaft, die Ergebnisse möglicherweise verzerrt, schreiben Forscherinnen und Forscher des renommierten schwedischen Karolinska-Institut nun im British Medical Journal.
Sie haben dort Ergebnisse einer neuen umfassenden Erhebung veröffentlicht. Bei der Analyse von Patientendaten aus den fünf nordischen Ländern – Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden – über einen Zeitraum von bis zu 26 Jahren zeigte sich kein relevanter Zusammenhang zwischen der Einnahme von Magensäureblockern und der Entstehung von Magenkarzinomen.
Verglichen wurden die Akten von 17.232 Menschen mit Magenkrebs und 172.000 Kontrollpersonen, die hinsichtlich Alter, Geschlecht, Jahr und Land vergleichbar waren. Die Fachleute untersuchten die Verwendung von Protonenpumpenhemmern und H2-Blockern.
"Ergebnisse widersprechen Hypothese, dass Protonenpumpenhemmer Magenkrebs verursachen"
Um zu zuverlässigen Ergebnissen zu gelangen, wurden unter anderem Patientinnen und Patienten, die an Krebs im oberen Teil des Magens litten, ausgeschlossen. Hierfür ist Sodbrennen ein Risikofaktor. Auch potenziell verzerrende Faktoren wie eine Helicobacter-pylori-Infektion (Hauptrisikofaktor für Magenkrebs), Magengeschwüre, Rauchen, alkoholbedingte Erkrankungen, Fettleibigkeit, Diabetes und bestimmte Medikamente wurden berücksichtigt.
"Unsere Ergebnisse widersprechen der Hypothese, dass Protonenpumpenhemmer Magenkrebs verursachen", fasst Studienleiter Jesper Lagergren, Spezialist für gastrointestinale Tumore, die Datenanalyse zusammen. Das gebe "Patienten, die eine Langzeitbehandlung benötigen, Sicherheit" und sei wichtig für klinische Entscheidungen.
Vanessa Stadlbauer-Köllner, stellvertretende Leiterin der Klinischen Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie an der Med Uni Graz, zeigt sich wenig überrascht: "Frühere Studien aus den Achtzigern, die einen Zusammenhang nahegelegt haben, haben sich allein auf Magenkrebspatienten und deren Einnahme der Medikamente konzentriert. In den vergangenen Jahren haben einige Metastudien bereits darauf hingedeutet, dass es keine starke Assoziation gibt."
Die neue Studie, die laut Stadlbauer-Köllner methodisch sehr solide sei, bestätige diese Erkenntnisse. "Ob es bei einzelnen Menschen aber nicht doch einen direkten Effekt gibt, kann man mit so einer Studie nicht klären." Die Forschenden betonen selbst, dass es sich bei der Erhebung um eine Beobachtungsstudie handle. Finale Schlussfolgerungen zu Ursache und Wirkung könnten nicht gezogen werden.
Wichtigste Säule in der Therapie der Reflux-Erkrankung
"Magensäureblocker sind dennoch die wichtigste Säule in der Therapie der Reflux-Erkrankung, die sich häufig durch Sodbrennen äußert", betont Stadlbauer-Köllner. Wenn Säure aus dem Magen hinaufströmt, führt das zu entsprechenden Beschwerden sowie Entzündungsreaktionen und Gewebsschäden in der Speiseröhre.
Immer wieder werden auch andere gesundheitliche Risiken diskutiert. "Es gibt Hinweise auf Nierenschäden, die Entwicklung einer Demenz oder von Osteoporose, aber auch schädigende Effekte auf das Darm-Mikrobiom", erläutert Stadlbauer-Köllner.
Häufig komme es bei Dosis und Einnahmedauer zu Fehlern: "Man beginnt mit einer zeitlich begrenzten Therapie für maximal acht Wochen. Sobald die Beschwerden abklingen, ist es wichtig, auf die niedrigste effektive Dosis bzw. eine Medikation nach Bedarf umzustellen", sagt die Expertin. "Die Präparate sollten im Idealfall nur eingenommen werden, wenn Beschwerden auftreten oder diese befürchtet werden, zum Beispiel nach einem späten Abendessen."
Wichtig sei, die Mittel nicht abrupt abzusetzen. "Das regt erst recht die Säureproduktion an. Es kommt zu heftigen Beschwerden, die einer verstärkten Einnahme Vorschub leisten." Eine langfristige Gabe sollte nur in besonders schweren Fällen erfolgen. Etwa, wenn die Wundfläche an der Speiseröhre besonders großflächig ist oder bereits Zellveränderungen detektiert wurden, die Vorstufen von Krebs darstellen.
Begleitend sollte eine Beratung hinsichtlich des Lebensstils erfolgen, um weiteren Reflux-Episoden vorzubeugen. "Das umfasst zum Beispiel den Ratschlag, sich nach dem Essen nicht hinzulegen, fetthaltige, üppige Mahlzeiten insbesondere abends zu vermeiden oder das Bettende hochzustellen", erläutert Stadlbauer-Köllner.
Empfehlenswert sei auch, ein Ernährungstagebuch zu führen, um auslösende Nahrungsmittel zu identifizieren.
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