Postorgasmic Illness Syndrome: Kann ein Höhepunkt krank machen?
Zusammenfassung
- Das seltene Postorgasmic Illness Syndrome (POIS) verursacht nach dem Orgasmus grippeähnliche Symptome und psychische Belastungen, vor allem bei Männern.
- Ein Fallbericht zeigt, dass das Antidepressivum Sertralin die Beschwerden bei zwei Patienten deutlich lindern konnte.
- Die Ursache von POIS ist unklar, mögliche Erklärungen sind Autoimmunreaktionen oder Fehlregulationen im Nervensystem; weitere Forschung ist nötig.
Das Postorgasmic Illness Syndrome gilt als selten und wird vermutlich häufig nicht erkannt. Viele Betroffene sprechen aus Scham nicht darüber, obwohl die Symptome das Leben erheblich einschränken können.
Die neue Fallstudie liefert nun einen ersten Hinweis darauf, dass neurologische und psychologische Faktoren eine wichtige Rolle spielen könnten – und dass Medikamente, die bereits in der Psychiatrie eingesetzt werden, möglicherweise auch bei diesem ungewöhnlichen Syndrom helfen können.
Antidepressivum brachte deutliche Besserung
Ein Forschungsteam um die Psychiaterin Thalia Herder vom Universitätsklinikum Utrecht untersuchte nun einen anderen Ansatz. In ihrem Bericht beschreiben sie zwei Patienten mit POIS, die mit dem Antidepressivum Sertralin behandelt wurden.
Sertralin gehört zur Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Diese Medikamente werden vor allem bei Depressionen oder Angststörungen eingesetzt und erhöhen die Verfügbarkeit des Neurotransmitters Serotonin im Gehirn.
Ein Beispiel aus der Studie
Ein 28-jähriger Mann litt seit seinem ersten Samenerguss unter POIS-Symptomen: extreme Müdigkeit, Krankheitsgefühl, Nasenverstopfung und ausgeprägte Konzentrationsprobleme. Die Beschwerden traten zuverlässig innerhalb einer Stunde nach der Ejakulation auf und hielten bis zu einer Woche an.
Er hatte zuvor bereits Allergiemedikamente und Schmerzmittel ausprobiert – ohne Wirkung. Zusätzlich stellten Ärzte bei ihm eine soziale Angststörung fest. Daraufhin erhielt er Sertralin.
Nach drei Monaten berichtete der Mann über eine deutliche Verbesserung:
Die Erschöpfung nahm ab, die geistige Klarheit verbesserte sich und die Dauer der Symptome verkürzte sich deutlich. Nebenwirkungen traten nicht auf.
Möglicher Mechanismus im Körper
Die Forschenden vermuten, dass Sertralin das neuroendokrine Stresssystem des Körpers stabilisieren könnte.
Ein Orgasmus löst normalerweise eine komplexe Kaskade im Körper aus – mit Aktivität des autonomen Nervensystems sowie der Ausschüttung verschiedener Hormone und Stresssignale. Bei Menschen mit POIS könnte dieses System aus dem Gleichgewicht geraten und eine übermäßige Stressreaktion auslösen.
Sertralin erhöht die Verfügbarkeit von Serotonin zwischen Nervenzellen. Dadurch könnten überaktive Stresssignale im Gehirn gedämpft werden. Gleichzeitig beeinflusst das Medikament indirekt auch Dopamin, das mit Motivation und Belohnungssystemen zusammenhängt.
Erste Hinweise – aber noch kein Beweis
Die Autoren betonen jedoch, dass ihre Ergebnisse vorsichtig interpretiert werden müssen. Der Bericht basiert lediglich auf zwei Patienten. Fallberichte liefern wichtige Hinweise, erlauben aber keine verlässlichen Aussagen über die Wirksamkeit einer Behandlung. Weitere klinische Studien sollen nun klären, welche biologischen Mechanismen hinter POIS stehen und welche Therapieformen tatsächlich helfen.
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