Postorgasmic Illness Syndrome: Kann ein Höhepunkt krank machen?

Nach dem Sex wie erschlagen: Betroffene kämpfen mit extremer Erschöpfung, Muskelschmerzen und „Brain Fog“ – teils tagelang.
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Zusammenfassung

  • Das seltene Postorgasmic Illness Syndrome (POIS) verursacht nach dem Orgasmus grippeähnliche Symptome und psychische Belastungen, vor allem bei Männern.
  • Ein Fallbericht zeigt, dass das Antidepressivum Sertralin die Beschwerden bei zwei Patienten deutlich lindern konnte.
  • Die Ursache von POIS ist unklar, mögliche Erklärungen sind Autoimmunreaktionen oder Fehlregulationen im Nervensystem; weitere Forschung ist nötig.

Ein Orgasmus gilt gemeinhin als Höhepunkt körperlichen Wohlbefindens. Für manche Menschen beginnt danach jedoch eine Phase, die eher an eine schwere Grippe erinnert: extreme Müdigkeit, Muskelschmerzen, Konzentrationsprobleme. 

Dieses seltene Krankheitsbild heißt Postorgasmic Illness Syndrome (POIS) – und kann das Leben massiv beeinträchtigen.

Ein neuer Fallbericht im Fachjournal The Journal of Sexual Medicine beschreibt nun eine mögliche Behandlungsoption: Ein häufig verschriebenes Antidepressivum könnte die Symptome deutlich reduzieren.

Wenn Sex krank macht

Beim Postorgasmic Illness Syndrome treten kurz nach dem Orgasmus körperliche und geistige Beschwerden auf. Die meisten dokumentierten Fälle betreffen Männer. Betroffene berichten etwa über:

  • extreme Erschöpfung
  • , Muskelschwäche oder Muskelschmerzen
  • , grippeähnliches Krankheitsgefühl
  • , Konzentrationsprobleme („Brain Fog“)
  • , verstopfte Nase oder Fiebergefühl

. Die Symptome beginnen oft innerhalb einer Stunde nach der Ejakulation und können zwei bis sieben Tage anhalten. Viele Betroffene vermeiden deshalb sexuelle Aktivitäten vollständig.

Neben den körperlichen Beschwerden entsteht häufig auch ein erheblicher psychischer Druck. Männer berichten über sinkendes Selbstwertgefühl, Gefühle von Hilflosigkeit und Belastungen in Partnerschaften. 

Manche glauben sogar, mit ihrem Körper oder ihrer Sexualität stimme grundsätzlich etwas nicht.

Ursache bislang unklar

Warum manche Menschen nach einem Orgasmus krank werden, ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig geklärt. Mehrere Hypothesen werden diskutiert.

Eine mögliche Erklärung ist eine Autoimmunreaktion. Dabei könnte das Immunsystem Bestandteile der eigenen Samenflüssigkeit fälschlicherweise als fremd erkennen und eine allergieähnliche Reaktion auslösen.

Andere Forschende vermuten eine Fehlregulation im Nervensystem. Dabei könnten neurochemische Prozesse aus dem Gleichgewicht geraten – etwa bei Botenstoffen wie Serotonin oder Dopamin, die eine wichtige Rolle für Stimmung, Stressreaktionen und sexuelle Funktionen spielen.

Die unklare Ursache erklärt auch, warum es bislang keine etablierte Standardtherapie für POIS gibt. Versuche mit Antihistaminika, entzündungshemmenden Medikamenten oder immunologischen Behandlungen führten bisher zu uneinheitlichen Ergebnissen.

Antidepressivum brachte deutliche Besserung

Ein Forschungsteam um die Psychiaterin Thalia Herder vom Universitätsklinikum Utrecht untersuchte nun einen anderen Ansatz. In ihrem Bericht beschreiben sie zwei Patienten mit POIS, die mit dem Antidepressivum Sertralin behandelt wurden.

Sertralin gehört zur Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Diese Medikamente werden vor allem bei Depressionen oder Angststörungen eingesetzt und erhöhen die Verfügbarkeit des Neurotransmitters Serotonin im Gehirn.

Ein Beispiel aus der Studie

Ein 28-jähriger Mann litt seit seinem ersten Samenerguss unter POIS-Symptomen: extreme Müdigkeit, Krankheitsgefühl, Nasenverstopfung und ausgeprägte Konzentrationsprobleme. Die Beschwerden traten zuverlässig innerhalb einer Stunde nach der Ejakulation auf und hielten bis zu einer Woche an.

Er hatte zuvor bereits Allergiemedikamente und Schmerzmittel ausprobiert – ohne Wirkung. Zusätzlich stellten Ärzte bei ihm eine soziale Angststörung fest. Daraufhin erhielt er Sertralin.

Nach drei Monaten berichtete der Mann über eine deutliche Verbesserung:
Die Erschöpfung nahm ab, die geistige Klarheit verbesserte sich und die Dauer der Symptome verkürzte sich deutlich. Nebenwirkungen traten nicht auf.

Möglicher Mechanismus im Körper

Die Forschenden vermuten, dass Sertralin das neuroendokrine Stresssystem des Körpers stabilisieren könnte.

Ein Orgasmus löst normalerweise eine komplexe Kaskade im Körper aus – mit Aktivität des autonomen Nervensystems sowie der Ausschüttung verschiedener Hormone und Stresssignale. Bei Menschen mit POIS könnte dieses System aus dem Gleichgewicht geraten und eine übermäßige Stressreaktion auslösen.

Sertralin erhöht die Verfügbarkeit von Serotonin zwischen Nervenzellen. Dadurch könnten überaktive Stresssignale im Gehirn gedämpft werden. Gleichzeitig beeinflusst das Medikament indirekt auch Dopamin, das mit Motivation und Belohnungssystemen zusammenhängt.

Erste Hinweise – aber noch kein Beweis

Die Autoren betonen jedoch, dass ihre Ergebnisse vorsichtig interpretiert werden müssen. Der Bericht basiert lediglich auf zwei Patienten. Fallberichte liefern wichtige Hinweise, erlauben aber keine verlässlichen Aussagen über die Wirksamkeit einer Behandlung. Weitere klinische Studien sollen nun klären, welche biologischen Mechanismen hinter POIS stehen und welche Therapieformen tatsächlich helfen.

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