"Ozempic-Personality": Wie die Abnehm-Medikamente auf die Psyche wirken
Die bisherigen GLP-1-Medikamente werden mittels Spritze verabreicht.
Abnehm-Medikamente helfen Millionen Menschen weltweit, Gewicht zu verlieren und Folgeerkrankungen zu reduzieren. Mit ihrer rasanten Verbreitung rückt eine neue Frage in den Fokus: Was machen die Medikamente mit der Psyche? In Arztpraxen und sozialen Medien berichten manche davon, dass sie nicht nur weniger essen, sondern auch weniger fühlen. Begeisterung, Motivation und Lebensfreude nehmen ab.
Zu diesem Phänomen gibt es derzeit keine Studien, die eine Häufung belegen, vielmehr sind es Einzelfallberichte. Der Begriff „Ozempic-Personality“ hat sich etabliert. Gemeint ist eine Form emotionaler Abflachung. Das namensgebende Mittel „Ozempic“ ist zwar zur Behandlung von Diabetes zugelassen, wird aber häufig synonym für die Abnehm-Medikamente verwendet. „Manche beschreiben, dass sie weniger Lebensfreude empfinden. Es gibt auch Menschen, die die Medikamente selbst absetzen, weil sie die emotionale Verflachung als unangenehm erleben. Die Mehrheit profitiert aber, wenn die Präparate nicht missbräuchlich verwendet werden“, sagt Psychiater Christof Argeny, Ärztlicher Leiter vom Kompetenzzentrum für Menschen mit Essstörungen sowhat.
Professionelle Begleitung nötig
Häufiger erlebt Argeny positive Veränderungen. „Bei vielen verbessern sich psychiatrische Symptome wie Depression oder Angst. Sie sind im positiven Sinne wie ausgewechselt. Es braucht aber professionelle Begleitung – psychologisch bzw. psychotherapeutisch sowie hinsichtlich Ernährung und Lebensstil“, betont Argeny. Dann verbessere sich oft der Selbstwert, viele empfinden weniger Scham, depressive Symptome gehen zurück.
Ein möglicher Erklärungsansatz liegt im Gehirn. Die Medikamente wirken nicht nur auf Stoffwechsel und Appetit, sondern auch auf das Dopaminsystem, das steuert, wie lohnend sich etwas anfühlt. Dadurch wird der „Food Noise“, das ständige Kreisen der Gedanken ums Essen, leiser. In manchen Fällen könnten dabei jedoch auch andere Belohnungssysteme mitgedämpft werden. Forschende diskutieren unterschiedliche Mechanismen: Entweder reagieren Belohnungszentren insgesamt weniger stark oder sie registrieren schneller „genug“. Das Ergebnis kann ähnlich sein: weniger Verlangen, weniger emotionale Intensität. Betroffene berichten, dass sich dieser Zustand bessert, wenn die Dosis reduziert wird. Manche setzen das Medikament ab, andere finden mit ärztlicher Begleitung eine Balance. Entscheidend sei, dass emotionale Veränderungen ernst genommen werden.
Zunehmende Relevanz
Bislang sieht Argeny nur wenige problematische Verläufe, rechnet aber mit zunehmender Relevanz. „Für Menschen mit Adipositas ohne Vorgeschichte von Essstörungen oder Suchterkrankungen ist das Risiko durch Abnehm-Medikamente eine Essstörung zu entwickeln, sehr gering. Bei Menschen mit früheren Essstörungen, Binge-Eating-Störung, Suchterkrankungen oder starkem emotionalem Essen muss man aber aufmerksam sein“, sagt der Mediziner.
Insbesondere beim Binge-Eating, einer Essstörung, bei der Betroffene wiederholt unkontrollierbare Essanfälle mit großen Nahrungsmengen haben, kann ein bisher genutzter Mechanismus zur Emotionsregulation wegfallen, wenn das Hungergefühl unterdrückt wird. Argeny: „Das Ziel ist dann, zu lernen, mit seinen Impulsen gut umzugehen. Das braucht therapeutische Begleitung, sonst kann es passieren, dass, wenn die Medikamente abgesetzt werden, manche schnell in alte Muster kippen.“
Bei Normalgewichtigen kann es zu einer gefährlichen Dynamik kommen
Kritisch sieht Argeny den Einsatz der Medikamente bei normalgewichtigen Menschen, etwa aus Schönheits- oder Selbstoptimierungsgründen. In sozialen Medien werde Schlanksein massiv belohnt, was eine gefährliche Dynamik begünstigen könne. Der Mechanismus ist aus der Anorexie (Magersucht), einer Essstörung, bei der Betroffene aus großer Angst vor Gewichtszunahme ihr Essen stark einschränken und ein verzerrtes Körperbild haben, bekannt: Die Gewichtsabnahme steigert den Selbstwert, positives Feedback von Freunden und Familie wirkt wie eine Belohnung.
Besonders gefährdet seien laut Argeny Menschen mit perfektionistischen oder zwanghaften Persönlichkeitszügen sowie solche, die in Bereichen arbeiten, in denen die Körperfigur eine wichtige Rolle spielt, etwa Sport, Tanz oder Fitness. Auch die sogenannte Körperschemastörung spielt eine Rolle: Betroffene nehmen ihren Körper verzerrt wahr und erleben sich selbst bei Untergewicht als „zu dick“. Gewichtsabnahme kann diese Wahrnehmung weiter verschieben, vor allem, wenn Rückmeldungen fehlen, die helfen, das eigene Verhalten und Aussehen realistisch einzuordnen.
Wann man genauer hinschauen muss
Je niedriger der Ausgangs-BMI und je stärker ästhetische Motive im Vordergrund stehen – im Unterschied zu gesundheitlichen –, desto genauer müsse hingeschaut werden, meint Argeny. Abnehm-Medikamente verändern zudem nicht nur den Körper, sondern auch Gewohnheiten und manchmal Beziehungen: Man isst weniger mit, trinkt nicht mehr mit – viele berichten, keine Lust auf Alkohol mehr zu haben –, und nimmt anders am sozialen Leben teil.
Für manche ist das entlastend, für andere irritierend. „In Beziehungen kann das Probleme schaffen, die es vorher nicht gab. Wenn etwa ein Partner stark abnimmt, der andere aber nicht, kann das die Beziehung verändern“, sagt Argeny.
Hinweise, dass die Verwendung der Abnehm-Medikamente zu einer erhöhten Suizidalität führt, haben sich bisher nicht bestätigt. „Es gibt keine Studien, die belegen, dass die Wirkstoffe negativ auf die Psyche wirken. Menschen fällt es aber oft nicht leicht, sich auf Neues einzustellen. Wenn man mit rascher Veränderung konfrontiert ist, etwa mit sehr starkem Gewichtsverlust in kurzer Zeit, kann Sicherheit wegfallen, auch wenn das bisher Vertraute nicht gesund war“, so Argeny. Die Abnehm-Medikamente seien ein wirksames Instrument. Es brauche aber eine klare medizinische Indikation und eine gute Begleitung.
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