Nina Grygoriew: „Wechseljahre können die Hölle sein“

Die Wechseljahre treffen viele Frauen unerwartet und stellen Körper, Psyche und Selbstbild auf den Kopf. Wie es gelingt, innere Umbrüche nicht abzutun, sondern als Chance zu sehen.
Nina Grygoriew

„Beginnende Wechseljahre! Bei weiteren Symptomen bitte melden!“ Diese Notiz der Frauenärztin stellte Nina Grygoriew vor die Frage: Was heißt das jetzt? Die ehemalige Journalistin und Kreativdirektorin begann sich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen und bietet heute Beratung, Workshops und Vorträge (www.be-moxie.de) rund um Frauengesundheit und Wechseljahre an. Ihr neues Buch „Ausflippen“ sieht die 55-jährige Deutsche als Einladung an Frauen im Wechsel, sich selbst zu respektieren, auch wenn sie gerade nicht „funktionieren“.

KURIER: Warum ist die Menopause zum „Ausflippen“?

Nina Grygoriew: In der Lebensmitte setzen sich Frauen oft mit vielen Themen auseinander und bekommen die Wechseljahre noch als Kirsche obendrauf. Da passt Ausflippen ganz gut: Der Körper verändert sich, man ist nicht mehr so leistungsfähig, die Hormone sinken ab, viele Frauen erleben Symptome wie Stimmungsschwankungen. Ich sehe das auch als Aufforderung und sage, ja, flippt doch einfach mal aus! Auch auf die Gefahr hin, dass das andere vielleicht nicht so toll finden. In den vergangenen Jahren tut sich zwar sehr viel, es gibt Podcasts und Social-Media-Accounts, die sich mit den Wechseljahren befassen. Das ist total wichtig, aber ich habe das Gefühl, dass es zu sehr in Richtung Selbstoptimierung geht. Dass Frauen auch in den Wechseljahren alles richtig machen müssen, das Richtige essen, zum Kraftsport gehen usw. Wenn sie nicht das Beste aus ihren Wechseljahren machen, sind sie selbst schuld. Das ist zu kurz gedacht.

Sorgen erste Symptome oft für Ratlosigkeit?

Sie werden häufig nicht dem Wechsel zugeschrieben. Lange Zeit kannte man ja auch nur Hitzewallungen. Selbst bei Ärztinnen und Ärzten hören Frauen mit Beschwerden oft nur, dass sie gestresst sind oder viel zu jung für den Wechsel. Dazu kommt, dass Frauen generell nicht gerne negative Gefühle zulassen, weil ihnen das wegsozialisiert wird. Sie müssen freundlich und fürsorglich sein. Wütende Frauen gelten als emotional instabil und ich glaube, dass viele das Gefühl haben, das darf jetzt gar nicht sein, dass sie sich so fühlen. Viele verdrängen erste Symptome und versuchen weiter zu funktionieren, obwohl sie wahnsinnig gerne aus der Haut fahren wollen.

Welche Rolle spielen psychische Belastungen?

In der Lebensmitte kommen häufig verschiedene Belastungen auf Frauen zu. Bei mir war es zum Beispiel so, dass in der Zeit meine Mutter gestorben ist, ich habe meinen Job aufgegeben und mich selbstständig gemacht, ich hatte viele Veränderungen im privaten Umfeld. Bei anderen ziehen vielleicht die Kinder aus und die Partnerschaft bekommt plötzlich mehr Raum. Und wenn man dann das Gefühl hat, der Kopf funktioniert jetzt gerade nicht richtig, oft kommt es ja zu Problemen mit der Konzentration, zu Brainfog, dann hat im Wechsel die psychische Komponente fast noch mehr Einfluss als die körperliche. Mit Medikamenten wie Hormonersatztherapien hat man Möglichkeiten, auf körperliche Symptome einzugehen, aber das Psychische ist sozusagen schwieriger „in den Griff zu kriegen“. Ganz wichtig ist Akzeptanz, zu sehen, das ist ein Teil von mir, der seine Berechtigung hat, und damit kann ich umgehen.

Viele stellen die Beziehung infrage, veränderte Sexualität ist ein Thema.

Tatsächlich dürfte die Scheidungsrate in der Mitte des Lebens höher sein als davor. Gerade bei Paaren mit Kindern, die dann erwachsen werden, wird man plötzlich auf die Paarbeziehung zurückgeworfen. Man hat plötzlich mehr Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Ist da noch Liebe oder ist das nur Gewohnheit? Es gibt viele Paare, die nach einer langen Beziehung wenig oder gar keinen Sex haben und man wirft dann vielleicht ein Auge darauf, woher die fehlende Lust kommt und ob sie wieder entstehen kann. Das ist ein sehr, sehr großer Faktor in den Wechseljahren, eine Beziehung zumindest darauf zu überprüfen, ob sie noch funktioniert.

Was, wenn die Wechseljahre zu sehr beschäftigen?

Es ist wichtig, sich auf das zu fokussieren, was gut läuft. Es ist ja nicht bei jedem alles eine Katastrophe, aber es kann zu Überforderung kommen, wenn vieles gleichzeitig passiert. Man muss nicht alles sofort wieder im Griff haben. Es ist in Ordnung, eine Zeit lang einmal nicht zu wissen, wie es weitergeht. Man muss die Wechseljahre nicht schönreden – diese ganze Zeit kann die Hölle sein und das muss man benennen dürfen.

Macht die Hormonersatztherapie vieles besser?

Sie kann ein Teil der Lösung sein, ist aber sehr individuell. Hormone können eine gute Hilfe sein, vor allem für Frauen, die körperlich starke Beschwerden haben, um wieder Energie zu haben und Symptome zu lindern. Man muss schauen, was zu einem passt und darf sich das nicht ein- oder ausreden lassen. Man darf aber kein Allheilmittel erwarten.

Was hätten Sie vor dem Wechsel selbst gerne früher gewusst?

Welche krassen Auswirkungen diese Zeit auf Psyche und Körper haben kann und wie viel Einfluss Hormone an unterschiedlichen Stellen von Knochengesundheit, über Herz, Gehirn etc. haben. Der Wechsel kann eine ziemlich gute Chance sein, sich selbst wiederzuentdecken, Anteile zu finden, die lange verborgen waren, alte Interessen und Leidenschaften aufleben zu lassen. Man kann sich darauf besinnen, was einem wirklich wichtig ist im Leben und in welche Richtung die nächsten 30 Jahre gehen sollen. Hätte ich das so gesehen, hätte ich die Wechseljahre nicht als so wahnsinnig unangenehm im Kopf gehabt.

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