Nierentumore: Wiener Klinik testet neuartige Krebsimpfung
In einem fortgeschrittenen Stadium kann sich Nierenkrebs in Flanken- oder Rückenschmerzen äußern.
Noch vor rund 30 Jahren waren die Überlebenschancen nach einer Nierenkrebs-Diagnose gering. "Damals sind 80 Prozent der Patientinnen und Patienten relativ rasch, oft innerhalb eines Jahres, an ihrer Erkrankung verstorben", erklärt Martin Marszalek, Leiter der Abteilung für Urologie und Andrologie der Wiener Klinik Donaustadt.
Die Überlebenschancen hängen ganz wesentlich davon ab, in welchem Stadium die Erkrankung diagnostiziert wird. Früher wurden Nierentumore meist erst spät erkannt – wenn der Tumor bereits ertastbar, Blut im Harn oder Schmerzen vorhanden waren.
Nierenkrebsdiagnose ist oft Zufallsbefund
Mittlerweile werden fast 80 Prozent aller Nierenkarzinome entdeckt, bevor der Tumor streut und sich Metastasen in anderen Regionen des Körpers ansiedeln. "Das hat mit den heute verfügbaren diagnostischen Mitteln zu tun", erläutert Marszalek.
Nierentumore werden überwiegend zufällig entdeckt. "Ein Patient geht beispielsweise zur Vorsorgeuntersuchung oder wegen eines erhöhten Blutdrucks zum Arzt", schildert der Experte ein Beispiel. "Aus irgendeinem Grund wird eine Ultraschalluntersuchung oder Computertomografie gemacht, bei der dann zufällig ein Nierentumor in frühem Stadium entdeckt wird."
Bei zwei Drittel der Patientinnen und Patienten ist die Erkrankung lokal beherrschbar und damit heilbar. "Die Patienten gehen anfangs zu regelmäßigen Nachkontrollen, die irgendwann ausgeschlichen werden. Bei einem Drittel haben sich zum Zeitpunkt der Diagnose allerdings schon Fernmetastasen gebildet", sagt Marsalek.
In letzterem Fall sind nach einem operativen Eingriff, bei dem das Tumorgewebe oder, wenn nötig, die gesamte Niere chirurgisch entfernt wird, weiterführende Behandlungen notwendig. Etwa eine Chemo- oder Strahlentherapie.
Anschließende Therapien
Bei Patienten mit fortgeschrittenen Nierenzellkarzinomen, aber auch bei Patienten, die von besonders aggressiven Subtypen betroffen sind, besteht ein hohes Risiko, dass es zu einem Tumor-Rezidiv kommt. Das bedeutet, dass die Erkrankung erneut auftritt. In solchen Situationen kann an eine OP anschließend eine zusätzliche Behandlung durchgeführt werden – man spricht von einer adjuvanten Therapie.
Aktuell in wissenschaftlicher Erprobung ist eine therapeutische Impfung der Schweizer Pharmafirma Vaccentis, die das Rückfallrisiko bei Nierenkrebspatientinnen und -patienten senken soll. "Tumore entstehen, weil das Immunsystem die Tumorzellen nicht detektieren kann", erklärt Marszalek. "Mit der Impfung bereitet man die Tumorzellen auf, isoliert Antigene von ihrer Oberfläche und präsentiert diese dem Körper, sodass das Immunsystem Antikörper entwickeln und etwaige Tumorzellen in der Blutbahn unschädlich machen kann. So kann sich nichts einnisten und wieder zu wachsen beginnen."
Weniger Nebenwirkungen
Erste Daten weisen nicht nur auf eine gute Wirkung, sondern insbesondere auf ein günstiges Nebenwirkungsprofil hin. "Sie beschränken sich auf die üblichen Begleiterscheinungen einer Impfung, Schwellungen am Oberarm zum Beispiel", umreißt Marszalek.
Damit stellt die Impfung eine deutliche Verbesserung zu den seit einigen Jahren verfügbaren Immuntherapien dar. Sie sollen ebenfalls das Rückfallrisiko senken, indem sie das Immunsystem im Kampf gegen den Krebs mobilisieren.
Allerdings hat diese Behandlung erhebliche, oft irreversible Nebenwirkungen. "Diese können den Hormonhaushalt oder die Schilddrüsenfunktion betreffen. In manchen Fällen geht die Funktion der Schilddrüse unwiederbringlich verloren und der Patient muss lebenslang die Schilddrüsenhormone medikamentös ersetzen", so Marszalek. Nebenwirkungen, die vorübergehen, sind beispielsweise großflächige, unangenehme Hautausschläge.
Auch in der Verabreichung bringt die Impfung Vorteile: "Während die Impfung sechs Mal verabreicht wird, muss bei der Immuntherapie ein Jahr lang alle vier bis sechs Wochen eine Infusion gegeben werden."
Im Unterschied zur Immuntherapie ist die Nierenkrebsimpfung individuell auf den Tumor des jeweiligen Patienten zugeschnitten. "Aus dem patienteneigenen Tumorgewebe werden speziell zugeschnittene Präparate hergestellt", so der Experte.
Das macht die Mittel sehr teuer. Sollte das Konzept zu einer Zulassung gelangen, werden die Impfstoffe ohnehin nur für Hochrisikopatienten zur Verfügung stehen, "weil alle anderen nicht davon profitieren", sagt Marszalek.
1.200 Menschen erkranken pro Jahr in Österreich an Nierenkrebs, rund 500 Personen versterben jährlich. Am häufigsten tritt die Erkrankung zwischen dem 60. und dem 70. Lebensjahr auf, Männer sind öfter betroffen als Frauen.
Rauchen und Adipositas
Risikofaktoren sind neben bestimmten Erbkrankheiten und genetischen Veränderungen Rauchen und Übergewicht. Auch langjähriger Missbrauch bestimmter Schmerzmittel steht im Verdacht, das Risiko zu erhöhen.
Heimische Forschung
Bis es so weit ist, muss die Impfung noch weiter auf Sicherheit und Wirksamkeit getestet werden. Derzeit wird die nächste klinische Studie vorbereitet, die neben anderen in- und ausländischen Spitälern auch an der Klinik Donaustadt stattfinden wird. "Wir gehen davon aus, dass wir gegen Ende des Jahres starten und nach rund einem Jahr erste Zwischenergebnisse veröffentlichen können", erklärt Marszalek.
In Summe werden an die 400 Personen nach einer vollständigen Nierentumorentfernung und mit hohem Rückfallrisiko untersucht.
Die Studie soll in drei bis vier Jahren abgeschlossen sein, die Ergebnisse sollen den Start einer Phase III Studie ermöglichen. "Meine Erwartung ist, dass wir ebenso gute Ergebnisse erzielen können wie mit den verfügbaren Immuntherapien, aber die Nebenwirkungen und den Aufwand für Patientinnen und Patienten deutlich reduzieren können. Das sehe ich als großen Benefit."
Der Spielraum bei der Krebsbehandlung hat sich in den vergangenen zehn Jahren deutlich erweitert. Ein Meilenstein war die Einführung der Immuntherapie, insbesondere von sogenannten Checkpoint-Inhibitoren.
Diese Medikamente ermöglichen dem Immunsystem, Krebszellen gezielter zu bekämpfen. Manche Krebszellen schaffen es, die Checkpoints auf Abwehrzellen im Körper so zu beeinflussen, dass sie als Tumorzelle unerkannt bleiben und der Immunabwehr entgehen. Checkpoint-Inhibitoren sind künstliche Antikörper, die diesen Mechanismus aufbrechen und Krebszellen wieder angreifbar machen.
Neben Checkpoint-Inhibitoren gibt es die CAR-T-Zelltherapie, bei der T-Zellen, eine Art Immunzellen, gentechnisch verändert werden, sodass sie Krebszellen erkennen und zielgerichtet vernichten können. Das Immunsystem eines Patienten wird "scharf" auf die Tumorzellen gemacht.
Auch Krebsimpfstoffe zielen darauf ab, das Immunsystem zu trainieren. Sie enthalten Tumorantigene oder genetisches Tumormaterial, das den Körper anregt, diese Antigene selbst zu produzieren und jene Krebszellen im Organismus zu beseitigen, die diese tragen.
Oft kommen Kombinationen verschiedener Ansätze zum Einsatz, um die Wirksamkeit zu maximieren.
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