Blutdruck: Warum „zu niedrig“ nicht immer gut ist
Zusammenfassung
- Eine neue Studie auf Basis von UK Biobank und „All of Us“ zeigt, dass medizinisch diagnostizierter niedriger Blutdruck in beiden Datensätzen am stärksten mit Alzheimer assoziiert war.
- Als mögliche Erklärung nennen die Forschenden eine verminderte Hirndurchblutung; die Studie belegt jedoch keinen ursächlichen Zusammenhang und nicht jeder niedrige Blutdruck gilt als problematisch.
- Auch Bluthochdruck, Hirninfarkt, Herzrhythmusstörungen und Herzschwäche waren mit Alzheimer verbunden, was die enge Verbindung von Herz-Kreislauf- und Gehirngesundheit unterstreicht.
Menschen, die über niedrigen Blutdruck klagen, hören oft folgenden Satz: „Sei froh, besser als zu hoch.“ Tatsächlich ist Bluthochdruck ein gut belegter Risikofaktor für Herzinfarkt, Schlaganfall und Gefäßschäden.
Auch für die Gehirngesundheit spielt er eine wichtige Rolle. Eine neue Studie im Journal of the American Heart Association zeigt nun alledings, dass auch zu niedriger Blutdruck für das Gehirn bedeutsam sein kann.
Die Forschenden analysierten Daten aus zwei großen Gesundheitsdatenbanken: der britischen UK Biobank mit 502.133 Teilnehmenden und dem US-amerikanischen „All of Us“-Programm mit 287.011 Personen. Untersucht wurde, wie Alzheimer-Diagnosen mit verschiedenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen zusammenhängen – darunter Bluthochdruck, niedriger Blutdruck, Herzrhythmusstörungen, Herzschwäche, Hirninfarkt und Herzinfarkt.
Das auffälligste Ergebnis: Ausgerechnet Hypotonie, also medizinisch diagnostizierter niedriger Blutdruck, zeigte in beiden Datensätzen den stärksten Zusammenhang mit Alzheimer. In der UK Biobank war Hypotonie mit einer 2,74-fach höheren Alzheimer-Wahrscheinlichkeit verbunden, im US-Datensatz mit einer 1,97-fach höheren. Auch Bluthochdruck und Hirninfarkt waren deutlich mit Alzheimer assoziiert. Ein akuter Herzinfarkt zeigte hingegen keinen signifikanten Zusammenhang.
Durch die getrennte Betrachtung verschiedener Herzerkrankungen habe man erkennen können, „welche Erwachsenen mit Herzerkrankungen möglicherweise das höchste Risiko für kognitiven Abbau haben“, sagt dazu die Studienerstautorin Aili Toyli. Das unterstreiche, wie wichtig eine gute Herz-Kreislauf-Gesundheit auch für die mögliche Alzheimer-Vorbeugung sein könnte.
Warum niedriger Blutdruck dem Gehirn zusetzen könnte
Das Gehirn ist auf eine verlässliche Durchblutung angewiesen, es braucht ständig Sauerstoff und Nährstoffe. Wenn der Blutdruck dauerhaft oder immer wieder zu niedrig ist, könnte die Versorgung des Gehirns leiden – vor allem bei älteren Menschen oder bei bereits vorgeschädigten Gefäßen.
Auch die „American Heart Association“ verweist darauf: „Das Gehirn braucht Blut“, um jene Stoffe zu erhalten, die es für seine Funktion benötigt. Ein länger anhaltend zu niedriger Blutdruck könne daher ebenfalls problematisch werden – nicht nur ein zu hoher.
Mögliche Mechanismen sind eine schlechtere Hirndurchblutung, Sauerstoffmangel, oxidativer Stress und Veränderungen an Proteinen, die auch bei Alzheimer eine Rolle spielen können. Besonders relevant könnte die so genannte „orthostatische Hypotonie“ sein: Dabei fällt der Blutdruck beim Aufstehen stark ab. Typische Zeichen sind Schwindel, Benommenheit, Schwarzwerden vor den Augen oder Stürze.
Nicht jeder niedrige Blutdruck ist gefährlich
Die Studie beweist natürlich nicht, dass zu niedriger Blutdruck Alzheimer verursacht, sie zeigt nur einen Zusammenhang. Zudem arbeiteten die Forschenden mit Diagnosen aus Gesundheitsdaten, nicht mit einzelnen Blutdruckmessungen.
Wer also jung, gesund, sportlich ist und seit jeher eher niedrige Werte hat, muss sich nicht vor Demenz fürchten. Ein Blutdruck von 100 zu 60 kann individuell völlig unproblematisch sein.
Anders sieht es aus, wenn Beschwerden dazukommen: Schwindel, Schwäche, Verwirrtheit, Ohnmachtsneigung, Stürze oder starke Müdigkeit. Auch Medikamente können den Blutdruck zu stark senken, etwa Blutdrucksenker, Entwässerungsmittel oder bestimmte Herzmedikamente. Gerade im höheren Alter sollte deshalb nicht nur ein zu hoher, sondern auch ein zu niedriger oder stark schwankender Blutdruck ärztlich begleitet werden.
Bluthochdruck bleibt trotzdem gefährlich
Die neue Studie ist keinesfalls Entwarnung für Bluthochdruck, denn auch Hypertonie war in beiden Datensätzen klar mit Alzheimer verbunden. Das passt zu dem, was man seit Jahren über die sogenannte Herz-Hirn-Achse weiß: Gefäßgesundheit und Gehirngesundheit lassen sich nicht sauber trennen.
Bluthochdruck kann kleine Blutgefäße im Gehirn schädigen, die Blut-Hirn-Schranke beeinträchtigen und das Risiko für Schlaganfälle oder kleine Gefäßschäden erhöhen. Solche Veränderungen können das Gedächtnis, die Aufmerksamkeit und das Denken belasten.
Neben niedrigem und hohem Blutdruck waren auch Hirninfarkt, Herzrhythmusstörungen und Herzschwäche mit Alzheimer assoziiert.
Und was heißt das praktisch? Wer sein Demenzrisiko senken will, sollte nicht nur an das klassische Gehirntraining denken, auch Parameter wie Blutdruck, Blutzucker, Cholesterin, Herzrhythmus, Bewegung, Schlaf, Rauchen und Gewicht gehören zu einer guten Gehirnvorsorge.
Hypotonie wurde im Vergleich zu Bluthochdruck bisher allerdings deutlich weniger beachtet. Toyli betont, dass nun genauer untersucht werden müsse, welche biologischen Mechanismen hinter dem Zusammenhang zwischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Alzheimer stehen. Erst dann lasse sich sagen, ob und wie man gezielt früher eingreifen kann.
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