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Wissen Gesundheit
05/14/2020

"Nie dagewesener Lauf": Weltweit 80 Corona-Impfstoffe in Arbeit

Entwicklungsarbeit für Arzneimittel gegen Covid-19 brachte laut FOPI-Chef noch nie da gewesene Kooperation.

In Österreich brauche es einen Dialog über die Attraktivität des Wirtschafts- und Forschungsstandortes, sagte der Präsident des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie (FOPI), Ingo Raimon. Auch angesichts von Covid-19 zeige sich die Bedeutung des Sektors. Zuletzt wurden hierzulande aber weniger klinische Studien zu innovativen Arzneimitteln durchgeführt, Zulassungen dauern mithin lange.

Im vergangenen Jahr wurden in der EU insgesamt 31 neue Wirkstoffe zugelassen, deren Bandbreite von Medikamenten gegen seltene Erkrankungen bei Kindern, über diverse Wirkstoffe, die in der Krebstherapie eingesetzt werden, bis zu einem neuen HIV-Präparat oder einem Ebola-Impfstoff reichen. Wie wichtig das Vorankommen in diesem Bereich ist, werde einmal mehr klar, da momentan die Entwicklung und Überprüfung von Wirkstoffen, die bei der Behandlung von Corona-Infektionen eingesetzt werden können, in aller Munde ist.

Hunderte Millionen Interessenten

Weltweit würden Unternehmen hier in einem "bisher noch nie da gewesenen Lauf miteinander" arbeiten, so Raimon in einer Online-Pressekonferenz. Alleine rund 120 Teams arbeiten weltweit an rund 80 Impfstoffen, dazu sind rund 145 Therapeutika in Entwicklung, wie auch Christa Wirthumer-Hoche, Leiterin des Geschäftsfelds Medizinmarktaufsicht der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), erklärte. Die beiden Experten hoffen darauf, dass hier jeweils gleich mehrere Projekte erfolgreich sind, denn das SARS-CoV-2-Virus werde noch lange präsent sein und für etwaige Impfungen gebe es Hunderte Millionen Interessenten. Ob es noch heuer eine Zulassung eines Impfstoffes geben wird, lasse sich nicht abschätzen.

Trotz des Zeitdrucks brauche es große, internationale klinische Studien, mit denen die Sicherheit und Wirksamkeit belegt wird. Gerade in diesem Bereich zeige der Durchschnitt der vergangenen Jahre jedoch, dass in Österreich die Zahl der jährlich durchgeführten klinischen Studien rückläufig ist, so Raimon. Waren es 2010 noch 336 solche Untersuchungen, sank diese Zahl im Jahr 2018 auf 283. Von 2013 bis 2017 sank überdies die Patientenzahl in klinischen Studien von nahezu 6.700 auf rund 5.200.

Die Beteiligung an solchen Projekten bedeute aber, dass österreichische Ärzte und Forscher "an Flaggschiffen führend mitarbeiten und Medizin gestalten", sagte Raimon. Die Attraktivität der Rahmenbedingungen dafür habe aber "gelitten" und Unternehmen würde teilweise davon absehen, solche Tests in Österreich durchzuführen. Es brauche hierzulande klinische Forschung aber, um den Standort zu stärken, betone der Branchenvertreter. Immerhin investiere die Pharma- und Biotechindustrie rund 15 Prozent ihres Umsatzes wieder in die Forschung, hierzulande seien das jährlich rund 294 Millionen Euro.

Eine Analyse zur Verfügbarkeit der 41 im Jahr 2018 in der EU neu zugelassenen Arzneimitteln seitens der FOPI habe u.a. gezeigt, dass nur etwas über ein Drittel (37 Prozent) im Erstattungskodex (EKO) der Sozialversicherung aufgenommen wurden. Nicht den Sprung auf den heimischen Markt geschafft haben acht 2018 zugelassene Präparate. Laut der FOPI-Erhebung liegt die durchschnittliche Verfahrensdauer zur Aufnahme in den EKO bei 280 Tagen und damit über dem gesetzlich vorgesehenen Limit von 180 Tagen.

Angesichts dessen wolle man eine Diskussion mit den Behörden und der Politik darüber beginnen, warum das so lange dauert, so Raimon: "Wir werden um den Dialog nicht umhinkommen, wenn wir den Standort attraktiv halten wollen."

Gemessen an der Größe des Landes trage Österreich überdurchschnittlich viel zur Expertise bei den EU-Arzneimittelzulassungen bei. 2019 waren heimische Experten bei elf solcher Projekte als federführender "Rapporteur" im Einsatz. Als "Co-Rapporteur" im Gutachter-Verbund mit einem anderen EU-Mitgliedsland war Österreich in vier Fällen tätig. Für Wirthumer-Hoche ist das ein Hinweis darauf, dass Österreich hier einen "guten Ruf in Europa" genieße.