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Mental Health: Warum der Ruhestand oftmals zur Krise wird

Eine europäische Studie zeigt: Besonders für Männer geht der Übergang in den Ruhestand mit zunehmenden depressiven Symptomen einher – vor allem dann, wenn der Beruf zuvor Sinn, Struktur und Identität gegeben hat.
Zwei Senioren sitzen auf einer Bank; darüber formt farbige Spritzkunst einen Baum.

Der Ruhestand gilt vielen als Inbegriff von neugewonnener Freiheit: keine Termine mehr, kein Leistungsdruck, endlich Zeit für die eigenen Interessen. 
Nach Jahrzehnten im Job klingt das sehr verlockend. „Wer mit Sehnsucht an den Ruhestand denkt, stellt sich oft vor, wie wunderbar es sein wird, nicht mehr arbeiten zu müssen, nur noch das zu tun, wozu er oder sie Lust hat, was angenehm ist. Manche fühlen sich wohl damit“, sagt Sinnforscherin Prof. Dr. Tatjana Schnell. Doch diese Vorstellung geht nicht für alle auf. Vor allem für Männer kann der Übergang in die Pension zur seelischen Belastungsprobe werden. 
Darauf weist eine europäische Studie aus dem Jahr 2024 , die im Fachjournal BMC Medicine erschienen ist, hin. Sie zeigt: Bei Männern geht der Eintritt in den Ruhestand häufig mit einem spürbaren Anstieg depressiver Symptome einher. Untersucht wurden mehrere tausend Männer aus verschiedenen europäischen Ländern, die über Jahre hinweg begleitet wurden. 
Die Forschenden wollten wissen, wie sich die psychische Verfassung vor, während und nach dem Pensionseintritt verändert. Das Ergebnis ist deutlich: Rund um den Beginn der Pension berichten viele Männer häufiger von Niedergeschlagenheit, innerer Leere und Antriebslosigkeit. Und das betrifft nicht nur Menschen mit bekannten psychischen Vorerkrankungen, sondern auch Männer, die zuvor als psychisch stabil galten.

Wegfall der Identität

Besonders gefährdet sind jene, deren Leben stark vom Beruf bestimmt waren. Für sie bedeutet der Ruhestand nicht nur das Ende der Erwerbsarbeit, sondern  auch  oft Verlust von Struktur, Anerkennung und sozialer Einbindung. Wer sich über Jahrzehnte vor allem über Leistung und berufliche Rolle definiert hat, erlebt das Wegfallen dieser Identität als tiefen Einschnitt. Die Pension fühlt sich dann weniger nach Befreiung  als nach Orientierungslosigkeit an. „Arbeit wird als sinnvoll erlebt, wenn ich die Erfahrung mache: Mein Beitrag zählt; meine Tätigkeit hat positive Konsequenzen für andere. Dieses Erleben von Bedeutsamkeit wird durch viele Hobbys und Freizeittätigkeiten nicht ermöglicht“, bestätigt Tatjana Schnell.
Allerdings reagieren nicht alle Männer gleich. Viele finden nach einer gewissen Eingewöhnungszeit gut in den Ruhestand hinein, bei manchen klingen die Symptome nach ein oder zwei Jahren wieder ab. Bei einem nicht zu unterschätzenden Teil jedoch bleiben die seelischen Belastungen bestehen oder nehmen sogar zu. Die Forschenden sprechen hier von einer vulnerablen Gruppe, für die der Pensionseintritt ein kritisches Lebensereignis darstellt.

Männer stärker betroffen

Warum vor allem Männer betroffen sind, erklären die Autorinnen und Autoren unter anderem mit traditionellen Rollenbildern. Arbeit ist für sehr viele Männer schließlich weit mehr als Broterwerb: Sie strukturiert den Alltag, stiftet Sinn und vermittelt darüber hinaus das Gefühl, gebraucht zu werden. Fällt diese Funktion abrupt weg, entsteht eine Lücke, die sich nicht automatisch mit Freizeit oder Erholung schließen lässt. Die neu gewonnene Zeit selbst kann dann zur Belastung werden.
Die Studienergebnisse machen deutlich: Seelische Krisen im Ruhestand sind kein Randphänomen, sondern ein ernst zu nehmendes Thema. Zugleich zeigen sie, dass es kein unabwendbares Schicksal ist. Männer, die sich frühzeitig auf den Ruhestand vorbereiten, neue Aufgaben finden und soziale Rollen entwickeln, sind deutlich weniger gefährdet. Entscheidend ist nicht der Ruhestand an sich, sondern womit er gefüllt wird. „Andere haben weiterhin das Bedürfnis nach sinnvoller Betätigung. Sie entscheiden sich etwa, ein Ehrenamt anzunehmen, für Enkelkinder da zu sein, oder in der Nachbarschaft oder Gemeinde aktiv zu sein. Daraus entstehen  Erfahrungen von Bedeutsamkeit und Zugehörigkeit, die – wie Studien zeigen – das Wohlbefinden in der Pension steigern.“

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