Mein Freundeskreis akzeptiert meine offene Beziehung nicht
Leserin Patricia K. (40) fragt:
Ich habe einen neuen Freund. Er ist verheiratet, lebt aber in einer offenen Ehe. Das heißt, sie können andere Partner haben. Eigentlich stört mich das nicht, da ich selbst aus einer langen Beziehung komme und für eine feste Bindung nicht bereit bin. Wir haben eine gute Zeit. Nur der Großteil meines Freundeskreises kann damit nicht umgehen. Sie sehen darin Betrug und finden das moralisch nicht richtig. Das kränkt mich, aber mir fehlen die Argumente. Wie kann ich das erklären?
Antwort:
Eine offene Beziehung zu führen erfordert Mut – und offenbar auch Standfestigkeit gegenüber dem Außendruck. Doch bevor man sich mit dem Umfeld beschäftigt, lohnt sich ein ehrlicher Blick nach innen – denn die schwierigsten Fragen stellen sich oft genau dort. Offene Beziehungen können sehr gut funktionieren – sie tragen aber auch erhebliche Risiken, über die selten offen gesprochen wird. Eines der häufigsten und am stärksten unterschätzten ist Eifersucht.
Sie in diesem Kontext zu empfinden, ist keine Schwäche und kein Widerspruch zur eigenen Überzeugung. Sie ist eine natürliche, tiefverwurzelte emotionale Reaktion – unabhängig davon, wie klar man intellektuell zu einer offenen Beziehung steht.
Und hier liegt der entscheidende Punkt: Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen dem, was man rational für richtig hält, und dem, wie es sich tatsächlich anfühlt. Dieser Spalt kann enorm sein – und ihn zu verleugnen oder kleinzureden hilft weder einem selbst noch dem Partner. Diese kognitive Dissonanz – zu wissen, dass man Freiheit für sich und den anderen befürwortet, und trotzdem zu leiden – wird in vielen offenen Beziehungen unterschätzt und belastet den Alltag stärker als erwartet. Sie lässt sich nicht einfach wegdenken oder mit dem richtigen Argument auflösen.
Was wirklich hilft, ist das offene Benennen: Ich stehe zu unserer Entscheidung, und gleichzeitig fühlt sich das gerade schwer an. Beides muss Platz haben – sonst sucht sich der innere Druck andere Wege und zeigt sich in Konflikten, die vordergründig über etwas ganz anderes zu gehen scheinen. Ein weiteres Risiko entsteht oft erst unter sozialem Druck: Paare beginnen, sich als Einheit gegen die Außenwelt zu definieren – wir gegen die anderen. Das kann kurzfristig verbinden, birgt aber eine stille Falle. Wer sich hauptsächlich im Kontrast zu Kritikern als Paar versteht, hat sich noch nicht wirklich als Paar kennengelernt – im Denken und im Fühlen.
Die eigene Beziehungsidentität braucht einen Kern, der unabhängig von äußerer Zustimmung oder Ablehnung trägt. Ohne diesen Kern bleibt die Beziehung fragil, so mutig die äußere Haltung auch wirken mag. Grundsätzlich gilt: Wie Sie Ihre Partnerschaft gestalten, ist Ihre Entscheidung – solange sie auf echtem Einverständnis beruht, nicht nur rational, sondern auch emotional. Dass Ihr Freundeskreis das nicht versteht, ist sein Recht. Aber sein Urteil sollte nicht der Klebstoff sein, der Sie als Paar zusammenhält. Hinter der Ablehnung steckt oft weniger böse Absicht als schlicht Unverständnis. Monogamie gilt als gesellschaftliche Norm, und alles, was davon abweicht, wird aus vielen Gründen in der westlichen Welt häufig als Problem gesehen. Das betrifft nicht nur Ihr persönliches Umfeld – es ist ein gesellschaftliches Muster, das tief verankert ist und sich nur sehr langsam verändert.
Am Ende steht aber eine Frage: Welche Beziehungen – zu Freunden wie zu Partnern – geben Ihnen Kraft, und welche kosten sie? Diese Frage lohnt es sich, sehr ehrlich zu beantworten. Ein Leben zu führen, das wirklich authentisch zu Ihnen passt, bedeutet manchmal auch, einen bestimmten Abstand von Menschen zu nehmen, ohne die Beziehung zu ihnen grundsätzlich aufzugeben.
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