© Uwe Mauch

Reportage
01/24/2022

Künstlich beatmet: Daheim statt auf der Intensivstation

Die Pandemie trifft auch bisher kaum beachtete Patienten. Ein Zillertaler wird dank spezieller Regelung zu Hause gepflegt.

von Uwe Mauch

Mit eingespielten Handgriffen reinigt nun die diplomierte Intensiv-Krankenpflegerin diese ganz spezielle Kanüle, mit der Robert Stadlmeyer ständig mit Luft versorgt wird. Sie hat es gehört – und er hat darum gebeten: In der Röhre hatte sich wieder einmal Sekret aus seiner Lunge angesammelt. Es wird jetzt vorsichtig entfernt.

Das alleine wäre jetzt noch keine medizinische Sensation. Das Besondere an dieser Intervention ist, dass der Zillertaler Unternehmer zu Hause und nicht auf einer Intensivstation beatmet und versorgt wird.

Der 63-Jährige sitzt im schönen Wintergarten seines Hauses in Zell am Ziller. Er kann dabei darauf vertrauen, dass Yvonne Ricke vom Intensivpflegedienst Curaplus mit all ihrer Berufserfahrung und Sorgsamkeit darauf achtet, dass er immer Luft bekommt.

Ein großes Pech

„Ich bin heute sehr dankbar und glücklich“, will Robert Stadlmeyer gesagt haben. Ihm hat das Leben nur knapp vor seinem Ruhestand, den er so sehr herbeigesehnt hatte, böse mitgespielt. Niemand konnte sich erklären, warum die Leiter unten weggerutscht ist, als er am 14. November 2016 die Fenster des Wintergartens seines Hauses reinigen wollte.

Sicher ist nur, dass er im hohen Bogen mehr als fünf Meter in die Tiefe stürzte und nach diesem Pech erst Tage später im Innsbrucker Krankenhaus auf der dortigen Intensivstation wieder zu sich kam.

Aufgrund seiner hohen Querschnittlähmung kann er seither nur mehr seinen Kopf bewegen. Kurz nach seinem Unfall erklärten Ärzte seiner Frau, dass er nie wieder atmen und nie wieder sprechen wird können. Zumindest was das Sprechen anlangt, sollten sie sich getäuscht haben.

Im Spital hätte er "nicht überlebt"

Die rund 700 Patienten, die so wie er ohne Pause beatmet werden müssen, kommen in Österreich selten bis nie vom Intensivbett im Krankenhaus wieder weg. Das hat nebenbei gesagt erst die Pandemie sehr drastisch vor Augen geführt. Mit einem Mal wurden mehr Kapazitäten für die Covid-Patienten benötigt. Bei der Betten-Analyse stieß man auch auf diese Langzeit-Fälle.

Der verunglückte Besitzer einer im Zillertal bekannten Installationsfirma wurde lange vor seinem Unfall für seine positive Lebenseinstellung und seine sportlichen Ambitionen geschätzt. Er hat auch sein Schicksal gut angenommen. Robert Stadlmeyer ist weiter aktiv: Er kann mit seinem Kinn den High-Tech-Rollstuhl, den Laptop und sein Tablet steuern.

Dennoch vergisst er nicht, sich beim Land Tirol und bei der Sozialversicherung der Selbstständigen zu bedanken. Die Intensivpflege zu Hause geht ordentlich ins Geld. Auf der anderen Seite kostet aber ein Intensivbett in einem Spital 5.000 bis 25.000 Euro – pro Tag. Nicht vergessen sollte man dabei: „In einer Intensivstation hätte ich nie bis heute überlebt.“

Mit einem langen Atem erzählt Robert Stadlmeyr seine Geschichte. Bald vergisst man, dass er auf fremde Hilfe angewiesen ist. Sein Geist ist klar, und auch sein sanftes Lächeln konnte er sich nach dem Sturz von der Leiter bewahren. Doch schon bald muss ihm wieder geholfen werden. Durch das Reden trocknet sein Mund aus, er bittet um sein Glas Wasser, das mit dem Strohhalm.

Das Glas ist bei ihm im Übrigen nie halb leer, immer halb voll. Diese Haltung mag auch seine Pflegerin. Yvonne Ricke hat ihre Ausbildung in Berlin absolviert und daran anschließend in Spitälern in Deutschland und Österreich gearbeitet. An ihrer Beschäftigung in Zell am Ziller schätzt sie vor allem „das Familiäre“. Für die Frau des Patienten, die nie von seiner Seite gewichen ist, sind sie und ihre Kollegen „zu einem Teil der Familie“ geworden. Einig sind sich alle: „Man lacht und weint auch miteinander.“

Noch kein Happy End

Das klingt nach einem Happy End und echter Harmonie, von der andere, vor allem jüngere Patienten noch weit entfernt sind. Viele von ihnen sind dort, wo sie nicht alt werden können. Ein ebenso Querschnittgelähmter hat es einmal in einem Spital so formuliert: „Hätte ich die Gelegenheit dazu, würde ich mein Leben selbst beenden.“

In diesen Tagen arbeiten leitende Beamte des Gesundheitsministeriums, der Länder und der Sozialversicherungsträger an einer österreichweit einheitlichen Pflichtleistung, die  höchstgerichtlich bestätigt ist.

Dafür plädiert nicht zuletzt Michael Tesar. Im Gespräch mit dem  KURIER sagt der Branchensprecher: „Derzeit gibt es für die krankenhausersetzende Pflege in jedem Bundesland eine eigene Regelung. Für die Betroffenen und ihre Angehörigen bedeutet dieses Wirrwarr oft einen zermürbenden Spießrutenlauf.“

Tesar, der selbst als diplomierter Intensiv-Krankenpfleger in Wien, Niederösterreich und in Kärnten gearbeitet hat, ehe er den Intensivpflegedienst Curaplus ins Leben rief,  kritisiert auch, dass für diese Art der Pflege oft dafür nicht ausgebildete Personenbetreuer eingesetzt werden. Was sowohl für die Patienten als auch für die Beschäftigten Risiken birgt.

Wichtig wäre auch, so der Branchenkenner, eine Ausbildung für alle Pflegekräfte, die mit invasiv beatmeten Menschen täglich zu tun haben, zu etablieren.

Die intensive Pflege zu Hause ginge naturgemäß ins Geld. „Sie kostet uns allen aber  deutlich weniger als die monatelangen Aufenthalte in den Spitälern.“

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