Zielsichere Radiologie: Wie Sonden mit Kälte und Wärme Tumore killen
Präzise Navigation in den Körper zum Tumor an der Niere: Die Bilder der Kamera über dem CT-Gerät werden mit den CT-Daten verschränkt. Die Bildschirme zeigen den Stichkanal für die Nadel; mit dem Aufsatz wird sie exakt positioniert.
Es war ein Zufallsbefund, erinnert sich Franz Klein, 67: Nach einer Gallenblasenentfernung wird 2021 bei ihm bei einer Kontrolle in der Computertomografie ein Tumor auf einer Niere festgestellt. 2021 wird dieser im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien mittels einer minimalinvasiven Operation – über kleine Schnitte im Bauchraum – entfernt, der gesunde Teil der Niere bleibt erhalten.
Vier Jahre später, Jänner 2025: „Leider hatte sich neuerlich ein Tumor auf der Niere gebildet“, sagt Klein: „Ich rechnete mit einem Eingriff wie beim ersten Mal – aber nach einer interdisziplinären Besprechung von Chirurgen und Radiologen erhielt ich die Information, dass diesmal nicht klassisch operiert wird, sondern ein Verfahren der Interventionellen Radiologie angewandt wird.“.
Konkret: Die Ärzte führten eine dünne Punktionsnadel bis zum Tumor vor. Die Nadel wurde stark abgekühlt, die Tumorzellen tiefgefroren und auf diese Weise abgetötet.
Radiologe Christian Neumann führt eine Nadel in den Körper bis an den Tumor auf der Niere heran. Ein neues System hat den genauen Weg berechnet.
Die Interventionelle Radiologie (IR) verbindet bildgebende Verfahren wie Röntgen, CT, MRT oder Ultraschall mit therapeutischen Maßnahmen, sagt Prim. Christian Neumann, Leiter der Abteilung für Radiologie und Nuklearmedizin bei den Barmherzigen Brüdern in Wien: „Die Radiologen verlassen ihre dunklen Kammern und wenden sich direkt den Patienten zu.“ Neumann ist auch Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Interventionelle Radiologie.
„Nach der Operation von Herrn Klein vor vier Jahren bildete sich an den Stellen, wo der Nierentumor entfernt wurde, Narbengewebe“, erzählt Neumann. „Wir haben Top-Chirurginnen und -Chirurgen, aber wenn in einer vernarbten Region neuerlich ein Tumor auftritt, wird es sehr schwer, nierenerhaltend zu operieren. Denn die natürlichen Grenzen zwischen Tumor und gesundem Gewebe sind kaum mehr zu erkennen.
„Die Radiologen verlassen ihre dunklen Kammern und wenden sich direkt den Patienten zu.“
Das Risiko eines Verlusts der Niere ist dann extrem hoch. Wenn wir hingegen mit einer Nadel in den Herd hineinfahren, den Tumor mit Hitze oder Kälte zerstören, fällt nur ein kleines Areal der Niere, vielleicht ein Zehntel, aus. Das kann das verbleibende Organ aber ausgleichen.“
Während der CT-Aufnahme wird die Atmung kurz gestoppt, damit exakte Positionsdaten gemessen werden können.
Wie die neue Technik funktioniert
„In den vergangenen Jahren haben sich die Möglichkeiten der IR aufgrund des Fortschritts der Technik massiv erweitert.“ Möglich machten das u.a. neue Navigations- und Entscheidungsunterstützungssysteme wie jenes bei den Barmherzigen Brüdern (und auch in mehreren anderen heimischen Spitälern) .
Dieses System CAS-One IR erstellt ein dreidimensionales Modell des betroffenen Körperbereichs. Eine künstliche Intelligenz analysiert die Bilddaten und berechnet den optimalen Zugangsweg für die Punktionsnadel zum Tumor. Dazu kombiniert das System die Daten aus dem CT mit jenen eines optischen Navigationssystems:
- Auf dem Bauch oder Rücken des Patienten werden reflektierende Marker fixiert. Eine optische Kamera über dem Patienten registriert die Marker und kann deren genaue Position im Raum berechnen.
- Der Patient wird in das CT geschoben, alle verlassen den Raum. „Wir brauchen einen Atemstillstand“, sagt Neumann zum Anästhesisten Lukasz Potura-Lerbscher. Dieser stoppt für die CT-Aufnahme kurz die künstliche Beatmung. Dadurch hebt und senkt sich der Brustkorb nicht, es können exakte Positionsdaten ermittelt werden.
- Anschließend verknüpft das System die Daten der Kamera mit den CT-Daten und berechnet so den Stichkanal. „Wir haben also eine Verbindung zwischen dem Live-Geschehen und den CT-Daten.“
- Auf zwei Monitoren sieht das Team um Neumann den Zugangsweg. Der Radiologe fixiert einen Aufsatz auf dem Rücken des Patienten, eine Art Zielsystem, das die Nadel in der richtigen Position hält. Die Kamera erfasst die Position der Nadel, das System kombiniert ihre Live-Daten mit den CT-Daten, die als Landkarte dienen. Vorsichtig schiebt Neumann die Nadel vor. Dank des dreidimensionalen Körpermodells erkennt er sofort, ob der Einführwinkel passt und wie tief er gehen muss.
- Die Nadel ist platziert. Das Team verlässt neuerlich den CT-Raum, der OP-Tisch fährt den Patienten wieder in das CT. Ein neuerlicher kurzer Atemstillstand – die Position des Körpers ist dieselbe wie bei der ersten Aufnahme, die Daten vergleichbar.
- Neumann und sein Team sind wieder im Eingriffsraum, können auf den Bildschirmen anhand der neuen CT-Bilder überprüfen, ob die Nadel tatsächlich exakt entlang des geplanten Kanals vorgeschoben wurde.
- Über die Nadel wird jetzt stark abkühlendes Argon-Gas zum Tumor geleitet. „An der Nadelspitze bildet sich ein Eisball von minus 40 Grad. Die Tumorzellen werden für zehn Minuten eingefroren, dann aufgetaut und dann nochmals tiefgefroren. „Dabei zerplatzen sie durch die Bildung von Eiskristallen, der Tumor ist zerstört.“
Ein anderes Verfahren ist, die Tumorzellen über Stromimpulse zu erhitzen. „Das wenden wir etwa bei Lebertumoren an.“ (Mikrowellen- und Radiofrequenzablation).
Geringeres Komplikationsrisiko
Ob Kälte oder Hitze: „Wir können auf diese Weise auch bestimmte Tumoren behandeln, die chirurgisch nur sehr schwer oder auch gar nicht zu entfernen wären. Und wir können Tumorgewebe ohne große Schnitte zerstören. Gleichzeitig ist das Komplikationsrisiko viel kleiner als bei einer chirurgischen Tumorentfernung.“ Diese bleibt aber in vielen Fällen erste Wahl.
Radiologe Christian Neumann: "Der Bedarf an Interventioneller Radiologie wächst stark und ist riesengroß."
In der Regel dauern die Eingriffe der Interventionellen Radiologie maximal eine Stunde. Die Patienten können am nächsten Morgen nach Hause gehen und erholen sich deutlich rascher.
So wie auch Herr Klein: „Ich hatte keine Schmerzen danach, ein mir mitgegebenes Rezept für Schmerzmittel habe ich gar nicht eingelöst. Nach der Operation im Jahr 2021 musste ich mich zwei bis drei Monate schonen, bis alle Wunden gut verheilt waren. Diesmal konnte ich nach bereits 14 Tagen wieder Rasen mähen.“
Tumortherapie ist nur ein Bereich des wachsenden Gebiets der Interventionellen Radiologie. „Wir behandeln Erkrankungen vom Kopf bis zum Fuß“, sagt Radiologe Christian Neumann. „Der Bedarf ist riesengroß.“
- Gefäßtherapien: Verengte oder verschlossene Gefäße etwa in den Beinen („Schaufensterkrankheit“) werden über einen Katheter mit einem Ballon gedehnt und anschließend mit einem Stent (Gefäßstütze) versorgt. Auch Stenosen (Verengungen) der Halsschlagader (Carotis) werden so behandelt. „Wir therapieren alle Gefäße mit Ausnahme der Herzgefäße, dafür sind die Kardiologen zuständig.“
- Schlaganfalltherapie: Bei einem Verschluss großer Gehirnarterien wird über die Leistenarterie ein Katheter bis zur Verschlussstelle vorgeschoben. Das Blutgerinnsel wird dann mechanisch herausgezogen (Thrombektomie). Neurologen der Abteilung für Neurologie der Barmherzigen Brüder und interventionelle Radiologen entscheiden im Team, ob dieses Verfahren angewandt werden kann. Die Intervention selbst führt der Radiologe unter Röntgendurchleuchtung durch. Bei rascher Anwendung ist die Erfolgsrate sehr hoch.
- Embolisationen: Das gezielte Verschließen von Blutgefäßen wird etwa bei Myomen (gutartige Tumoren der Gebärmutter) oder bei vergrößerter Prostata angewandt. Über einen Katheter werden winzige Kunststoffkügelchen in versorgende Gefäße eingebracht, die Blutzufuhr damit gestoppt bzw. reduziert. „Die Prostata schrumpft um 20 bis 30 Prozent“, auch Myome werden deutlich kleiner.
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