Wissen | Gesundheit
18.06.2018

Immunsystem und Krebs: Forschung aus Österreich macht Hoffnung

Ehe Josef Penninger Österreich verlässt, zieht der Genetiker Bilanz über Fortschritte in der Grundlagenforschung.

Josef Penninger wirkt locker. „Ich will mehr über die Evolution von Erkrankungen lernen; am Wochenende mit dem Boot rausfahren und Orcas T-Zellen abnehmen (spielen eine wichtige Rolle im Immunsystem) – ich will wieder Forscher sein.“ Österreichs Vorzeige-Wissenschaftler scheint sich auf seine neue Aufgabe zu freuen. Mit 1. Dezember wird er nach Kanada übersiedeln, an die Uni in Vancouver (der KURIER berichtete).

Rasch noch eine der letzten Veranstaltungen am IMBA (Institut für Molekulare Biotechnologie), das Penninger in den vergangenen 15 Jahren aufgebaut hat, absolvieren, seine Mitarbeiter in den Mittelpunkt rücken und zwei Erfolgsstories aus der Grundlagenforschung unters Volk bringen, die neben gesellschaftlichem auch wirtschaftlichen Nutzen haben. Wenn Forschung Früchte trägt, lautet auch der Name der Veranstaltung dieser Tage.

Überhaupt: Es sei ihm darum gegangen, einen Platz zu schaffen, wo junge Leute in finanzieller und intellektueller Freiheit arbeiten können.“ Das scheint gelungen, hat Stefan Ameres, Group Leader am IMBA, doch erst vor zwei Monaten mit dem Houskapreis den größten privaten Forschungspreis erhalten.

RNA statt DNA

Ameres und sein Team haben ein Sequenzierungs-Werkzeug namens Slamseq entwickelt.

Die Vorgeschichte dazu: Vor 15 Jahre ist es gelungen, das Erbgut des Menschen zu sequenzieren. Angesichts der genetischen Daten, die seitdem angehäuft wurden, könnte man meinen, der Mensch sei längst gläsern. Das ist nicht der Fall. Warum eine Zelle zur Blut-, die andere zur Hautzelle wird, ist bis heute nicht wirklich klar. Im Grunde ist  die  DNA nur das „Backup“ genetischer Information – eine Bibliothek, die erst Sinn bekommt, wenn man sie auch liest. Ihre Identität erhalten Zellen erst durch das Ein- und Abschalten von Genen. „Einschalten“ bedeutet: Das Gen wird in RNA (Ribonukleinsäure) übersetzt und in weiterer Folge in ein Protein.

Der Nutzen, den man aus DNA-Analysen ziehen könne, sei begrenzt, sagt er: „Da gibt es Haut-, Leber-, Blutzellen, und alle haben dasselbe Genom, funktionieren und reagieren aber ganz unterschiedlich.“ Daher sei es viel interessanter, die Produkte dieser Zellen anzuschauen. „Das ist die RNA. Diese Produkte können wir jetzt sequenzieren.“ Heißt? „Wir können in die Zelle reinschauen, die molekularen Prozesse messbar und sichtbar machen, die dazu führen, dass Gene an- bzw. abgeschaltet werden.“ Und das ist bei einer Reihe von Krankheiten des Pudels Kern.

Die neue Technologie Slamseq erkennt nun an den RNA-Profilen, welche Gene aktiv sind. In gesunden Zellen überwachen sogenannte Regulator-Gene diesen Prozess – sie steuern die anderen Gene. Fehlt diese Kontrolle, läuft alles aus dem Ruder. Etwa bei Krebszellen: Dort sind die Kontrolleure des Erbguts häufig mutiert – die  bekannten Krebsgene sind meist Regulator-Gene. Die Slamseq-Technologie wurde übrigens  in Europa und Amerika bereits als Patent angemeldet.

Wie Krebs wächst

„Mit Slamseq haben wir jetzt eine Methode, die Prozesse direkt in der kranken Zelle zu studieren“, sagt er. Besonders interessant seien Zellen, die bei Krebs relevant sind. „Wir schauen uns gemeinsam mit Josef Penninger an, wie Krebszellen wachsen.“

Apropos Krebs: Hier kommt die zweite Erfolgsgeschichte des IMBA ins Spiel. Und die dreht sich um das derzeit gehypte Immunsystem: „Wie verstecken sich Krebszellen vor dem Immunsystem“, fragt Penninger. Und machte sich daran, mit seinem Biotechnologieunternehmen Apeiron eine potenziell revolutionäre Immuntherapie zu entwickeln. „Das Immunsystem schaltet sich immer wieder ab“, erklärt er. Und: „Man muss die Bremsen finden, die dafür verantwortlich sind.“ Mit der Entdeckung des Enzyms CBL-B scheint das gelungen. In Mäusen hat sein Team die Bremse bereits abgeschaltet. Und siehe da – die Tiere, denen das CBL-B-Gen fehlt, konnten den Krebs abstoßen.

Der Mechanismus könnte vielversprechender sein: Jetzt hat man am IMBA entdeckt, dass CBL-B das Immunsystem auch hindert, Candida-albicans-Pilz-Infektionen zu bekämpfen. Und die können genauso tödlich sein.