Höhenangst: Wie man sie besiegt
„Ich verspürte Schwindel, verspannte mich und krallte mich am Geländer fest“, schildert Bernd H. seine erste Erfahrung mit Höhenangst. Geschehen auf der Burg Kreuzenstein (NÖ), Bernd war sieben Jahre alt.
Allein ist er damit nicht. Zwei von drei Menschen fühlen sich laut einer Erhebung im Auftrag von Donauturm Wien in der Höhe unwohl. Als besonders herausfordernd gelten Glasplattformen und Skywalks (51 %), gefolgt von Leitern, Arbeiten in der Höhe sowie offene Aussichtsplattformen mit Geländer (35 %).
Bei Bernd meldet sich die Angst ab einer Höhe von circa fünf Metern, zumeist am Abgrund. Ein Erlebnis ist ihm besonders in Erinnerung geblieben: „Richtig schlimm war es ganz oben in der römischen Arena von Pula“, erzählt der Burgenländer. „Da mussten mich zwei Helfer die Treppe nach unten begleiten.“ Die Stufen aus Gitter, der ständige Blick in die Tiefe. „Allein hätte ich den Abstieg kaum geschafft.“ Einen spürbaren Unterschied macht bei ihm die Körperhaltung: „Wenn ich sitze, sei es eine Gondel oder im Flugzeug, verspüre ich deutlich weniger Angst“, sagt der 48-Jährige.
Überlebensinstinkt sicherte Nachkommenschaft
„Aus evolutionärer Sicht ist das Phänomen Höhenangst, auch Akrophobie genannt, durchaus sinnvoll“, erklärt Johannes Lanzinger, Leiter des psychologischen Zentrums Phobius. Ein gesunder Respekt vor Höhen war schließlich in der Urzeit überlebenswichtig. Simpel gesagt: Wer vorsichtiger war, sicherte die Nachkommenschaft. Ein weiteres kurioses Erbe unserer Vorfahren: feuchte Greifhände und -füße. Bei Affen sorgen sie für besseren Halt auf Bäumen. Der Handschweiß, der in Gefahrensituationen entsteht, ist also nicht nur ein Nebeneffekt der Angst, sondern ein evolutionäres Überbleibsel, das einst eine Schutzfunktion hatte – und vielleicht heute noch unseren Instinkt zum Festhalten verstärkt.
In unserer Welt hat dieser Instinkt seinen Preis: „Menschen mit Höhenangst sind beruflich wie privat oft eingeschränkt. Firmenfeste auf Dachterrassen oder private Aktivitäten wie Wandern oder Ausflüge auf Aussichtstürme werden zur Herausforderung, oder sogar ganz gemieden“, sagt Lanzinger.
So ging es dem Burgenländer, bevor er etwas dagegen unternahm: „Im Kunsthistorischen Museum wollte ich von der Kuppel aus das Café darunter fotografieren. Doch der Blick nach unten hielt mich zurück – auf dem Foto fehlt nun ein Drittel des Cafés. Das ärgert mich bis heute.“ Um seine Angst nachhaltig zu überwinden, meldete er sich zu einem Workshop am höchsten Bauwerk Österreichs an. Der Donauturm Wien hat dafür gemeinsam mit Phobius eine Workshop-Reihe ins Leben gerufen.
Fünf Stationen zum Ziel
„Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, wie präsent und verbreitet dieses Thema ist. Als höchstes Bauwerk in Österreich sehen wir es fast als unsere Pflicht, ein entsprechendes Angebot zu schaffen“, sagt Roman Bauer, Geschäftsführer von Donauturm Wien und selbst Betroffener, der die Angst vor Höhe mittlerweile im Griff hat. Auch bei ihm dauerte es eine Weile, bis er sich auf die Rutsche oben am Turm gewagt hat. Wohlgemerkt handelt es sich mit einer Starthöhe von 165 Metern dabei um die höchst gelegene Rutsche Europas. Outdoor, sichtbar an der Außenseite des Turms.
Rutschen als Herausforderung
Eine Rutschpartie markiert auch das Ende des Workshops und damit dessen erfolgreichen Abschluss. Davor geht es der Höhenangst, begleitet von Psychologen, in fünf Stationen sprichwörtlich an den Kragen. Noch bevor man auf den Turm fährt, werden mit jeder einzelnen Person Strategien zur Bewältigung entwickelt. Sicherheitsmechanismen, die sich die Teilnehmenden meist erlernt haben, müssen jedoch unten bleiben. Es geht bewusst in die Konfrontation: nicht festhalten, nicht in die Knie gehen, sondern hinunterschauen. „Nur so kann man erfahren, dass die Angst auszuhalten ist, und lernen, dem eigenen Körper zu vertrauen“, sagt Lanzinger. Diese Erfahrung entstehe erst durch die bewusste Auseinandersetzung mit der Angst.
Die Rutsche am Donauturm, auf 165 Meter.
Der Körper reagiert richtig
Viele Betroffene fürchten, in der Situation die Kontrolle zu verlieren – etwa, dass der Körper nachgibt oder sie im schlimmsten Fall springen könnten. Diese Sorge sei jedoch unbegründet: Angst erfülle eine Schutzfunktion und führe nicht zu Selbstschädigung. „Man tut nichts Unüberlegtes“, betont der Experte. Selbst eine Panikattacke, wie sie im Rahmen der Therapie auftreten könne, sei zwar äußerst belastend, stelle jedoch keine Gefahr dar.
So nahe wie möglich
Nach einer rasanten Liftfahrt auf 165 Meter Höhe geht es zunächst über die Treppe wieder hinunter zur Innenterrasse, dann weiter auf die Aussichtsplattform und schließlich ins Turmcafé. Überall gilt dasselbe Prinzip: „So weit wie möglich, ohne sich festzuhalten.“ Heißt: Möglichst nah an Glas und Geländer herantreten, nach unten blicken und die eigene Balance bewusst wahrnehmen. Mal auf einem Bein stehen, die Körperspannung spüren. Zum Schluss geht es zur Rutsche, freiwillig, ganz ohne Druck.
Und wie ist es Bernd H. ergangen? „Dank der erlernten Techniken konnte ich am Ende sogar oben am Turm stehen und ganz entspannt senkrecht nach unten schauen – ohne Schwindel, ohne Verspannung.“ Die Psychologin habe die Gruppe souverän durch das Programm geführt.
Gerutscht oder nicht gerutscht?
Der private Praxistest folgte wenig später auf der Burg Forchtenstein. „Früher hielt ich am Weg über die Brücke brav Abstand zu den Geländern. Diesmal nicht. Ich ging direkt hin, lehnte mich sogar darüber, blickte tief in den Burggraben – und setzte die gelernten Techniken ein. Kein Schwindel. Auch nicht beim zweiten und auch nicht beim dritten Versuch.“ Und, ist er am Donauturm gerutscht? „Ja. Ich bin gerutscht – und es hat mir sogar Spaß gemacht.“
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