„Hitze-Gaga“: Warum bei starker Hitze auch die Psyche leidet
Städter ohne Garten oder Klimaanlage leiden besonders unter Hitzewellen.
Es ist zu heiß für mich in dieser Stadt sang Falco bereits in den 80er-Jahren, dieser Tage dürfte sein Text vielen im Kopf herumgeistern. Asphalt und Beton heizen sich auf, die Freibäder sind übervoll und Öffifahren zu Stoßzeiten gleicht – mit etwas Pech – einem Saunagang. Dazu kommt: Der Sommer hat gerade erst begonnen. War das erst der Anfang?
Wenn Hitzeperioden immer früher, länger und intensiver werden, kann es mit der unbeschwerten Sommerlaune rasch vorbei sein. Denn Extremtemperaturen über 35 Grad Celsius belasten nicht nur den Organismus – sie können auch für die Psyche eine Herausforderung darstellen, weiß die Gesundheitspsychologin Christa Schirl. „Extreme Hitze ist kein reines Komfortproblem, sondern ein echter psychosozialer Stressfaktor“, betont die Linzerin. So zeigte etwa eine groß angelegte Meta-Analyse im Fachmagazin The Lancet Psychiatry, dass bei Hitzewellen die Notaufnahme-Besuche wegen psychischer Krisen, Angststörungen und depressiven Episoden um knapp zehn Prozent ansteigen.
Christa Schirl: "Wir werden hitze-gaga".
„Ein massiver Katalysator ist hier die nachweisliche schlechtere Schlafqualität“, sagt Schirl. „Wenn die Nächte tropisch bleiben (über 20 Grad, Anm.), verringert sich die Dauer unseres REM-Schlafs. Genau diese Phase ist aber essenziell für unsere emotionale Stressverarbeitung.“ Der so genannte „Heat Aggressions Effekt“ sorgt zudem dafür, dass wir unsere Impulse weniger gut kontrollieren können. Man reagiert genervter, lauter, emotionaler – an der Supermarktkassa, in der Beziehung oder bei Kollegen. „Wir rutschen psychisch in den Energiesparmodus und sind temporär schlicht ‚hitze-gaga‘“.
Sommerdepression
Bei manchen Menschen kommt es in den heißen Monaten zu einer saisonal affektiven Störung (SAD), die über eine hitzebedingte Genervtheit hinausgeht. Etwa ein Prozent der Bevölkerung ist von einer wiederkehrenden „Sommerdepression“ betroffen. „Während im Winter der Melatoninausschuss gestört ist, schießt im Sommer das Glückshormon Serotonin durch die Decke“, erklärt die Psychologin. „Zu viel des Guten führt im Gehirn zu einem permanenten System-Rauschen, das sich in innerer Unruhe, Interessensverlust, Erschöpfung, Konzentrationsschwierigkeiten und fehlendem Appetit äußern kann.“
Hinzu komme psychosozialer Druck: „Draußen herrscht kollektiver Freizeit-Optimierungszwang, auf Instagram perfekte Strandtage. Betroffene gehen in den sozialen Rückzug.“ Rechtfertigungsdruck und die Angst, etwas zu verpassen (FOMO – fear of missing out) würden sich doppelt ungünstig auswirken.
Was also hilft gegen den Hitzekoller, abseits der üblichen Tipps wie viel Wasser trinken? Die Expertin rät zu radikaler Akzeptanz: „Sätze wie ‚Diese Hitze bringt mich um!‘ wirken im Gehirn wie ein Brandbeschleuniger für das Stresszentrum. Sagen Sie sich lieber sachlich: ‚Es ist heiß. Mein Körper arbeitet schwer. Das ist okay, ich passe mich an.‘“ Erst dann könne der Blick frei werden auf die Vorzüge heißer Sommertage.
Denn ja, auch die gibt es: „Hitze zwingt uns in eine fast schon meditative Langsamkeit“, sagt Schirl. „Wenn man sich diesem Rhythmus hingibt, kann diese erzwungene Trägheit eine fast schon therapeutische Entlastung vom Alltagsdruck sein.“
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