Handy im Urlaub: Wie Eltern die Mediennutzung regeln können
Zusammenfassung
- In den Ferien füllt das Smartphone oft fehlende Struktur, weshalb Experten frühe Familienabsprachen statt Totalverboten empfehlen.
- Kinder und Jugendliche schaffen es meist nicht allein, Bildschirmzeit zu begrenzen, weil digitale Angebote auf Bindung ausgelegt sind und Selbstregulation noch reift.
- Studien und Experimente zeigen, dass weniger Handyzeit Schlaf, Wohlbefinden und Sozialleben verbessern kann, wobei Eltern mit klaren Regeln und Vorbildwirkung entscheidend sind.
Am Anfang klingt es nach der großen Freiheit: keine Schule mehr! Also auch nix zu tun. Für viele Kinder und Jugendliche sind Ferien genau deshalb heikel, weil da plötzlich viel Freiraum ist, der schnell vom Handy-Bildschirm besetzt wird.
„Wenn ich keine Idee habe, wie ich die Ferien verbringen möchte, dann passiert es ganz schnell, dass Medien diese Lücke füllen“, sagt Florian Buschmann. Der deutsche Medienexperte hat die Initiative „Offline Helden“ gegründet, arbeitet in Schulen und Familien, hält Workshops und kennt problematischen Medienkonsum aus eigener Erfahrung. Als Jugendlicher spielte er zeitweise bis zu 16 Stunden am Tag.
Seine Warnung richtet sich nicht gegen ein bisschen Gaming und ebenso nicht gegen das Smartphone. Es geht ihm vielmehr um den schleichenden Verlust von Struktur. Gerade in den Ferien könne aus dem Wochenende-Ausnahmezustand ein Dauerzustand werden. Er rechnet vor: Wenn Kinder und Jugendliche an schulfreien Tagen im Schnitt rund acht Stunden Freizeitmedien nutzen, summiert sich das in den Ferien rasch auf Hunderte Stunden. „Das ist wahnsinnig viel Zeit, die früher genutzt wurde, um sich zu entspannen, zu erholen, etwas zu erleben. Jetzt kommt ein Gerät dazu, das nonstop Input liefert – und mit dem man nicht mehr abschalten kann.“
Belohnungen und Reize
Digitale Medien locken mit prompten Reizen und Belohnungen. Das echte Leben scheint langsamer und weniger spannend. Ein Spiel sagt dem Kind, was als Nächstes zu tun ist, der Ferientag tut das nicht.
Deshalb rät Buschmann, nicht erst über Bildschirmzeiten zu reden, wenn alle schon am Pool liegen. „Wenn das Thema erst im Urlaub akut wird, ist es zu spät, es versaut allen die gute Stimmung.“ Besser sei daher ein Familiengespräch davor: Was wünschen wir uns? Wann ist Handyzeit okay? Wann wollen wir miteinander unterwegs sein? Welche Regeln gelten im Hotel, beim Essen, am Strand, beim Einschlafen?
Totalverbote seien kontraproduktiv, so Buschmann. Aber es brauche bewusste Absprachen.
Ein Gamingabend mit Freunden oder ein bisschen im Handy surfen sei etwas anderes als ein Konsum, der sich durch alle Tage zieht. „Es ist viel besser, solche Dinge zu bündeln, als im September reparieren zu müssen, was man in den Ferien nicht in gute Bahnen gelegt hat.“
Dass Kinder das allein schaffen sollten, hält der Experte für unrealistisch. Viele Jugendliche wüssten genau, dass ihnen zu viel Bildschirmzeit nicht guttut. „Trotzdem schaffen sie es nicht, damit aufzuhören.“
Digitale Angebote seien so gebaut, dass sie binden. Kinder und Jugendliche befinden sich außerdem noch in der Entwicklung. Selbstregulation, Selbststeuerung, Selbstreflexion, Handlungsplanung, Prioritäten setzen – all das reift erst spät aus. „Das heißt nicht, dass man erst mit 25 ein Handy haben sollte, aber vorher muss man die Nutzung angemessen begleiten.“
Was eine Pause alles bewirkt
Dass eine bewusste Pause vom Handy etwas spürbar verändern kann, zeigte zuletzt das große ORF-„Dok 1“-Handyexperiment. Wissenschaftlich begleitet vom Anton Proksch Institut verzichteten Jugendliche drei Wochen lang ganz oder teilweise auf ihr Smartphone; mehr als 45.000 von ihnen nahmen an den Befragungen teil.
Danach zeigte sich: Problematisches Internetnutzungsverhalten ging zurück, Schlafprobleme nahmen ab, das psychische Wohlbefinden stieg. Jugendliche sagten danach Sätze wie: „Ich freue mich, dass ich mal kein Handy habe, dann kann ich endlich mehr mit meinen Freunden machen“ oder: „Das Experiment hat mir gezeigt, dass Familie mehr wert ist als das Smartphone.“
Auch andere Daten zeigen, dass das Thema längst im Alltag angekommen ist. Eine Auswertung österreichischer HBSC-Daten zur Smartphone- und Social-Media-Nutzung Jugendlicher in Österreich zeigt: 2021/22 gaben bereits 38 Prozent der Schüler an, täglich fünf Stunden oder mehr am Smartphone zu verbringen; 2017/18 waren es noch 23 Prozent. Je stärker die problematische Nutzung ausgeprägt war, desto häufiger traten psychosoziale Belastungen wie depressive Verstimmung, geringere Lebenszufriedenheit, Einsamkeitsgefühle oder ein negatives Körperselbstbild auf.
Wann wird die Nutzung problematisch?
Für Buschmann ist ein Kontrollverlust entscheidend. Wenn Treffen abgesagt werden, Hobbys verschwinden, Essen, Schlaf oder Körperpflege vernachlässigt werden, der Tag-Nacht-Rhythmus kippt oder jede Diskussion über Medien sofort eskaliert, sollten Eltern genau hinschauen.
„Wenn man darüber nicht mehr ordentlich reden kann, andere Tätigkeiten in den Hintergrund rücken und Medien zum dominierenden Etwas im Leben werden, dann ist das ein Warnsignal.“ Und der häufigste Fehler von Eltern? „Sie sind nicht konsequent“, sagt Buschmann. „Wenn Regeln keine Konsequenzen haben, sind es keine Regeln, sondern Empfehlungen.“
Der zweite Fehler sei nicht minder wichtig: Eltern blickten oft nur auf das Verhalten, aber nicht auf den Menschen dahinter. Exzessive Mediennutzung könne auch eine Flucht vor Einsamkeit, Stress, Mobbing, Überforderung, innerer Leere sein. „Nur Medienregeln zu machen, löst das oft nicht. Es geht darum, die Persönlichkeit zu stärken.“
Buschmann spricht von „liebevoller Klarheit“: Grenzen setzen und zugleich verstehen, welches Bedürfnis hinter dem Konsum steht. Kinder brauchen Beziehung, Halt und echte Erlebnisse als Alternativen.
Für die Ferien und den Urlaub empfiehlt er zwei Hebel. Erstens: Bildschirmzeit nicht täglich neu verhandeln, sondern an feste Zeiten koppeln. Also nicht: „zwei Stunden irgendwann“, sondern etwa: nach dem Mittagessen, nicht davor; am Abend eine klar begrenzte Spielzeit; kein Handy beim Essen; kein Gerät im Schlafzimmer. „Eine feste Tageszeit ist im Familienalltag oft leichter durchzuhalten als eine Zahl, über die jeden Tag neu gestritten wird.“
Zweitens: Langeweile aushalten. Viele Eltern greifen oft zum Tablet, wenn ein Kind sagt: „Mir ist langweilig.“ Für Buschmann ist das der falsche Zugang. „Langeweile fühlt sich für viele Eltern wie ein Versagen an, dabei ist sie das Gegenteil. Sie ist der Moment, in dem das Gehirn anfängt, selbst etwas zu erschaffen.“ Wer jede leere Minute digital füllt, nimmt den Kids etwas, das sich in den Ferien entwickeln könnte: aus freier Zeit eigene Ideen zu machen.
Die Eltern als Vorbild
Am Ende entscheidet aber nicht nur, was Eltern sagen, sondern was sie selbst tun. „Wir sprechen immer über Kinder und Jugendliche und darüber, was sie falsch machen. Dabei machen wir es selbst oft nicht besser“, sagt Buschmann. Wenn der Vater am Pool ständig berufliche Mails checkt oder die Mutter beim Abendessen scrollt, wirkt das stärker als jede Regel.
An diesem Punkt setzt auch Doris Rittberger mit ihrem Buch „Fuck Social Media“ an. Die Verlegerin und Mutter eines erwachsenen Sohnes schreibt aus eigener Betroffenheit. Sie erinnert daran, dass es eine Zeit vor dem permanenten Wischen gab: „Heute will man uns glauben machen, es geht nicht mehr ohne. Aber das stimmt nicht. Wir können selbst bestimmen.“
An die Stelle des digitalen Sogs müssten echte Erfahrungen treten: reale Begegnungen, Selbstwirksamkeit, rausgehen, neugierig sein, absichtslos kreativ sein, Blödsinn machen, Freunde treffen, Offline-Challenges starten.
Sie verweist auf die Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger, die immer wieder betonte, wie genau Kinder Erwachsene beobachten. „Nicht das Gesagte prägt, sondern das Vorgelebte.“
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