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11/14/2020

Frühgeburt: Händchen halten, Daumen drücken

Lotte kam nach dem Lockdown drei Monate zu früh auf die Welt. Doch sie hat ihren Start ins Leben gut überstanden.

von Uwe Mauch

Mit auffallender Gelassenheit lässt sich die kleine Prinzessin auch an diesem Nachmittag in ihrem Kinderwagen durch den Auer-Welsbach-Park nahe Schönbrunn kutschieren. Irgendwann fallen ihr die Augen zu. Und ihre Eltern können über ihre hochdramatische Ankunft und die ersten bangen Tage und Wochen im Krankenhaus in Ruhe berichten.

Wo anfangen? Noch immer sind Silke und Thomas ergriffen, wenn sie von der völlig überraschenden Geburt ihrer Tochter am Anfang der 26. Schwangerschaftswoche erzählen. Beginnen wir mit den Dimensionen: Heute wiegt die Prinzessin 4800 Gramm, an ihrem Geburtstag (19. April) waren es 480 Gramm. Mit derart wenig Körper können weltweit nur wenige Kinder überleben.

„Extrem unreif“

„Wenn sie im Krankenhaus aus dem Brutkasten gehoben wurde, konnten wir sie mit zwei Händen wärmen“, erinnert sich Mutter Silke, deren Leben nach dem Lockdown Mitte März ebenso wie das Leben ihrer Tochter ernsthaft bedroht war.

Lotte ist eines von gut 200 Babys, die jedes Jahr mit weniger als 1500 Gramm in der Klinischen Abteilung für Neonatologie am Wiener AKH versorgt werden. Die Eltern erfuhren von den Ärzten, dass sie in deren Fachterminologie „extrem unreif Frühgeborenes“ genannt wird. Und dass jetzt jede Stunde für Mutter und Kind extrem gefährlich ist.

„Alle haben uns auf der Station sehr professionell und mit großem Einfühlungsvermögen betreut“, sagt Vater Thomas. Trotz der nachvollziehbar strengen Auflagen in Pandemiezeiten durfte er bei der Geburt seiner Tochter dabei sein.

Tag der Entscheidung

An einem Sonntagabend war es dann soweit. Er wurde angerufen. Die Ärzte hatten eine Entscheidung getroffen, erinnert sich auch Angelika Berger, die diese Abteilung leitet. Auf der einen Seite mussten sie den Blutdruck der bereits schwer mitgenommenen Mutter im Auge behalten. Auf der anderen Seite war mittels Doppler-Ultraschall zu klären, ob das Mädchen mit den modernen Mitteln der Medizin außerhalb des Mutterleibes überleben kann.

Der Volksmund nennt Babys wie ihre Tochter Frühchen, was fast ein wenig zu niedlich klingt. Silke erinnert sich an die Achterbahn ihrer Gefühle unmittelbar nach der Geburt: „Zum einen war ich froh, dass jetzt Tatsachen geschaffen waren und dass mein Kind bestmöglich versorgt war. Zum anderen habe ich es einfach nicht gewagt, mich zu freuen.“

Zu fragil war Lotte gut drei Monate vor dem regulär geplanten Geburtstermin. Vor allem die Lunge, aber auch andere innere Organe sind für das Überleben eines zu früh geborenen Kindes noch nicht ausreichend gereift, erläutert Frau Professor Berger.

Für die Eltern begann daher die bange, nicht enden wollende Zeit des Händchenhaltens und Daumendrückens. Aufgrund von Corona durfte damals immer nur ein Elternteil ins Spital zum Kind.

Doch dann, am 6. Juli, immer noch drei Wochen vor dem regulären Geburtstermin, war das Mädchen soweit über den Berg, dass es zu seinen Eltern nach Hause durfte.

„Der 6. Juli ist Lottes zweiter Geburtstag“, sind Silke und Thomas übereingekommen. Die Freude über ihr erstes Kind überstrahlt heute – beim gemeinsamen Spaziergang durch den Auer-Welsbach-Park – die Tage der Sorge und der Verzweiflung im Frühjahr dieses Jahres.

Bis zur Entlassung ihrer Tochter konnten sie immerhin ihr Bett und ihr Zimmer fertig einrichten. Lottes zur Schau gestellte Gelassenheit und Geduld führen die Eltern heute auch auf ihre intensiven ersten Lebenserfahrungen zurück.

Nach einer Runde durch den Park öffnet die kleine Prinzessin ihre Augen und lässt ihren Vater wissen, dass sie getragen werden möchte. „Vielleicht ist es ja ein Vorteil, dass ich sie so oft im Krankenhaus in meine Arme nehmen konnte“, sagt er. „Ich habe das Gefühl, dass sie sich auch an mich gut gewöhnt hat.“

Eines von fünf Kindern, die im Wiener AKH zur Welt kommen, tut das laut interner Statistik deutlich zu früh. Als frühgeboren gelten Kinder, die zwischen der 23. und der 36. Schwangerschaftswoche geboren werden. Bei Kindern, die zwischen der 23. und 27. Woche ihren Geburtstag haben, sprechen die Mediziner von „extrem unreif Frühgeborenen“.

Deren Überlebenschancen haben sich in den vergangenen Jahren sehr verbessert, betont Angelika Berger, die im größten Krankenhaus des Landes die Klinische Abteilung für Neonatologie leitet.

Die Fachärztin kann Gründe nennen, warum sich Kollegen weltweit für das „Wiener Modell“ interessieren: „Es ist das Zusammenspiel von High-Tech-Medizin, Innovation, hoher pflegerischer Expertise, Kooperation mit vielen Spezialistinnen und Spezialisten aus anderen medizinischen Bereichen und die umfassende Einbindung der Eltern.“ Zudem werden die Therapien ständig weiter entwickelt und verfeinert, so zum Beispiel die möglichst Lungen schonende Beatmung der Kinder.

Im KURIER-Chat

Am Dienstag (17.11., Weltfrühchentag) beantworten Angelika Berger und ihr Team zwischen 14.30 und 15.30 Uhr telefonisch (01 / 526 57 60) und im Chat (www.kurier.at) Fragen von Lesern. Fragen können  auch  vorab per eMail an gesundheitscoach@kurier.at geschickt werden.

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